Lob des Polytheismus

Odo Marquard macht auf eine Gefahr aufmerksam, die im Glauben an EINEN Gott liegen kann – aber nicht muss. Das Problem fängt da an, wenn eine Glaubensgemeinschaft wie die Kirche den Guten Hirten nicht mehr als den Barmherzigen predigt, sondern wenn sie diesen Glauben den Menschen aufzwingt.

Ein riesiger Fuß über einer etwas düsteren Sonnenuntergangslandschaft, in der ein winzig kleiner Mensch zu sehen ist.

Der EINE Gott – erdrückend – bedrängend – vernichtend? (Bild: kellepics – pixabay.com)

#gedankeTurmgebet am Donnerstag, 11. April 2002, um 18.00 Uhr im Stadtkirchenturm Gießen

Herzlich willkommen beim Turmgebet am Donnerstag vor dem zweiten Sonntag nach Ostern, den wir in der evangelischen Kirche als Sonntag des Guten Hirten feiern.

Im Namen Gottes, des Guten Hirten, auf den David vertraut (Psalm 23, 1):

Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.

Im Namen Jesu, der gesagt hat (Johannes 10, 14):

Ich bin der Gute Hirte und kenne die Meinen.

Im Namen des Heiligen Geistes, der das Wunder vollbringt, dass unter einem Hirten eine Herde aus allen werde.

Aus dem Lied 265 singen wir die Strophen 1 und 2:

1) Nun singe Lob, du Christenheit, dem Vater, Sohn und Geist, der allerorts und allezeit sich gütig uns erweist,

2) der Frieden uns und Freude gibt, den Geist der Heiligkeit, der uns als seine Kirche liebt, ihr Einigkeit verleiht.

Wir beten den Psalm 23 (im Gesangbuch steht er unter der Numer 711). Ich lese die linksbündigen Verse und Sie bitte die nach rechts eingerückten:

1 Der HERR ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.

2 Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser.

3 Er erquicket meine Seele. Er führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen.

4 Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich.

5 Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde. Du salbest mein Haupt mit Öl und schenkest mir voll ein.

6 Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang, und ich werde bleiben im Hause des HERRN immerdar.

Aus dem Lied 265 singen wir die Strophen 3 und 4:

3) Er lasse uns Geschwister sein, der Eintracht uns erfreun, als seiner Liebe Widerschein die Christenheit erneun.

4) Du guter Hirt, Herr Jesus Christ, steh deiner Kirche bei, daß über allem, was da ist, ein Herr, ein Glaube sei.

Kürzlich stieß ich auf einen Vortrag, den der in unserer Gemeinde lebende Professor Odo Marquard vor 24 Jahren gehalten hat: „Lob des Polytheismus“. Polytheismus – das war der Glaube an viele Götter, damals bei den Griechen und Römern.

Professor Marquard ist – auch als Philosoph – ein Christ, er kommt auch in unseren Gottesdienst und ich schätze viele seiner Gedanken. Deshalb fragte ich mich gespannt: Wie meint er das mit dem Lob der Vielgötterei? Wir glauben doch wie die Juden an EINEN Gott. Wir sind doch froh, daß wir es nicht mit einem Götterhimmel voller allzumenschlicher, gegen einander kämpfender Götter zu tun haben, sondern mit dem einzigen lebendigen Gott, der für uns da ist wie ein Guter Hirte.

Beim genauen Lesen merkte ich: Professor Marquard macht auf eine Gefahr aufmerksam, die im Glauben an EINEN Gott liegen kann – aber nicht muss.

Das Problem fängt da an, wenn eine Glaubensgemeinschaft wie die Kirche den Guten Hirten nicht mehr als den Barmherzigen predigt, sondern wenn sie diesen Glauben den Menschen aufzwingt. Das ist bei der Christianisierung der Germanen geschehen, das setzte sich im Mittelalter fort, und selbst nach der Reformation hörte das nicht auf – denn in Deutschland bestimmte seit dem 30jährigen Krieg der Fürst eines Landes, welche Konfession seine Untertanen haben mussten.

Der Zwang ging so weit, dass man sozusagen seinen Verstand am Eingang der Kirche abgeben sollte – die Kirche bestimmte auch, wie man über die Welt insgesamt zu denken hatte, ob zum Beispiel die Sonne um die Erde kreist oder umgekehrt.

Im Gegenzug haben die Menschen in der Aufklärung Gott kurzerhand abzusetzen versucht. Wenn ein einziger Gott alles regiert und man ihm total unterworfen ist, dann meinte man nur zwei Möglichkeiten zu haben: Entweder ich beuge mich der Gewalt des EINEN Gottes und glaube an ihn – oder ich fühle mich so sehr eingeengt, dass ich dem unerträglichen Zwang entfliehe, indem ich ungläubig werde.

Die Menschen versuchten also, Gott durch den Fortschritt zu ersetzen, durch den die Welt immer besser und der Mensch immer glücklicher wird. Professor Marquard sagt aber nun, dass die Menschen trotzdem nicht glücklicher wurden, als sie Gott von seinem Thron abzusetzen versuchten. Der Mensch, der nicht mehr an den Himmel glaubt, will auf eigene Faust den Himmel auf Erden schaffen, aber er erreicht das Gegenteil – er schafft die Hölle auf Erden, zunächst für Abweichler, für Volksfeinde oder Klassenfeinde, schließlich die Kriegs- oder Terrorhölle für ganze Völker.

Was ist also die Lösung? Es geht nicht darum, Gott von seinem Thron abzusetzen. Es geht auch nicht darum, wieder wie die alten Griechen oder Römer an viele Götter zu glauben. Es geht aber darum, den Glauben an den EINEN Gott recht zu verstehen.

Er ist nämlich nicht der Tyrann, der von uns die Aufgabe unseres Verstandes verlangt. Er ist nicht ein Hirte, der in seinem Stall nur völlig gleiche Schafe duldet. Er ist ein Gott der Barmherzigkeit, der allen Menschen das gönnt, was sie brauchen, der jedem Menschen seine eigene Gabe gegeben hat, der deshalb auch jedem Menschen nur das zumutet und zutraut, was er oder sie persönlich leisten kann.

Darum kann es Einheit in der Christenheit immer nur auf der Grundlage der Liebe geben und nie auf der Grundlage von Zwang.

Aus dem Lied 265 singen wir die Strophe 5:

5) Herr, mache uns im Glauben treu und in der Wahrheit frei, dass unsre Liebe immer neu der Einheit Zeugnis sei.

Dass unter einem Hirten eine Herde aus allen werde – das ist ein Wunder des Heiligen Geistes. Wir kommen hier im Stadtkirchenturm zusammen, obwohl wir verschieden sind. Wir gehören verschiedenen Konfessionen an und beten doch den gleichen Gott an.

Der Gute Hirte hat eine Herde, in der von vornherein Vielfalt herrscht und in der das auch gut so ist.

Schon in der Bibel werden von dem EINEN Gott viele Geschichten erzählt.

Am Anfang gibt es gleich zwei Schöpfungsgeschichten.

Wir lesen Erzählungen von drei Patriarchen: Gott ist der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs.

Propheten mit unterschiedlichsten Charakteren erleben: Gott geschieht ihnen – jedem auf seine Weise.

Vier Evangelien von Jesus setzen deutlich andere Akzente in dem, was ihnen an der Person Jesu für den Glauben wichtig ist.

Der Heilige Geist gibt den Menschen verschiedene Begabungen.

Theologen wie Paulus oder Jakobus reden unterschiedlich von der Gerechtigkeit durch Glauben oder Werke.

Wir müssen also nicht die Vielfalt der Glaubensausprägungen beklagen.

Beklagenswert ist nur die Unbarmherzigkeit, mit der abweichende Überzeugungen oft verurteilt wurden und werden – bis hin zur Gewalt gegen Andersglaubende.

Beten wir lieber stattdessen darum, dass wir in und mit der Vielfalt unserer Überzeugungen durch die Liebe zu einer christlichen Gemeinschaft zusammengefügt werden. Letzten Endes ist es Christus selbst, der uns zusammenführt.

EG 268: Strahlen brechen viele aus einem Licht

Lasst uns in der Stille Gott danken für seine vielen Gaben an uns.

Lasst uns in der Stille unsere Sorgen auf Gott werfen.

Lasst uns in der Stille darum beten, dass wir eins werden durch Christus.

Stille und Vater unser

Wer möchte, kann noch Kerzen anzünden oder etwas in das Buch schreiben oder einen Stein auf dem Altar loswerden, der ihm auf der Seele lastet. Morgen wird auch wieder zum Turmgebet eingeladen – jeden Tag von Montag bis Freitag ist ab 17.45 Uhr der Stadtkirchenturm geöffnet.

Geht mit Gottes Segen:

Gott, der Herr, segne euch, und er behüte euch. Er lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig. Er erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch Frieden. Amen.

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