„Suchet den HERRN, so werdet ihr leben!“

Trauerfeier für eine Frau, die ihr Leben lang auf der Suche war – aber hat sie auch gefunden, was sie suchte? Ich denke nach über Worte der Propheten, die dazu aufrufen, Gott zu suchen. Er hat uns schon längst gefunden.

"Suchet den HERRN, so werdet ihr leben!" Silhouette eines Mannes mit Kapze, der mit einem Fernrohr in die Ferne schaut, vor blauem Himmel

Auf der Suche sein – Gott suchen – wie kommt man zum Ziel? (Bild: YanceTAY – pixabay.com)

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. Amen.

Liebe Trauernde, Sie sind hier versammelt, weil Frau I. im Alter von [über 70] Jahren gestorben ist. Wir nehmen Abschied von ihr, wir erinnern uns an sie, und wir denken in dieser Trauerfeier über Worte Gottes nach, denn von Gott kommt unser Leben her, zu ihm kehrt es auch zurück.

Wir hören Worte aus dem Propheten Jeremia 29:

11 Denn ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe, spricht der HERR: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe das Ende, des ihr wartet.

12 Und ihr werdet mich anrufen und hingehen und mich bitten, und ich will euch erhören.

13 Ihr werdet mich suchen und finden; denn wenn ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet,

14 so will ich mich von euch finden lassen, spricht der HERR.

Liebe Gemeinde, „ihr ganzes Leben lang war Frau I. auf der Suche“, so haben Sie das Telefongespräch mit mir beendet, als wir diese Trauerfeier vorbereitet haben. Auf der Suche sein, das kann Verschiedenes bedeuten. Es kann bedeuten, dass man bei der Suche auch etwas findet, aber doch immer wieder neu auf die Suche geht, weil man nicht ganz zufrieden ist. Es kann bedeuten, dass unser Leben hier auf Erden nie vollständig zur Ruhe kommen kann, da unsere Möglichkeiten begrenzt sind und unser Schicksal nie vollkommen in unserer eigenen Hand liegt. Es kann auch bedeuten, dass diese Suche letzten Endes immer vergeblich geblieben ist, jedenfalls innerhalb dieser irdischen Lebensfrist.

Erinnerungen an das Leben der Verstorbenen

Im Großen und Ganzen ist es nicht viel, was ich von Frau I. weiß. Auch jeder von Ihnen kennt nur einen Ausschnitt ihres Leben, jeder ist ihr auf andere Weise begegnet, ist unterschiedlich von ihr berührt und geprägt worden.

Es gab Zeiten, da war man sich nahe, es gab Zeiten, da wurde man sich fremd. Wie Frau I. auf der Suche war, so waren vielleicht auch Menschen, die mir ihr im Kontakt waren, auf der Suche, um etwas von ihr oder gemeinsam mit ihr zu erlangen. Es scheint aber vieles immer wieder auf Enttäuschungen hinausgelaufen zu sein, wenn ich es recht sehe, und das kann uns im Rückblick auf dieses Leben traurig stimmen. Auf der anderen Seite gibt es auch Erinnerungen an Zeiten, die gemeinsam durchgestanden wurden. Es gibt Liebe, die uns oft stärker verbindet, als wir wahrhaben möchten, gerade wenn sie immer wieder Brüche erlitten hat.

Sie, liebe Frau J., haben mir gesagt, was Sie Ihrer Schwester wünschen: „Hoffentlich ist sie jetzt an der richtigen Stelle.“ Nachdem ihr Leben zu Ende gegangen ist, ein Leben mit allen Höhen und Tiefen, ein Leben, in dem sie ständig auf der Suche war, fragen Sie sich, ob sie nun dort, wo sie im Tode hingegangen ist, die Erfüllung finden kann, die sie sich immer erhofft hat.

Von der Suche nach dem Sinn des Lebens sagt die Bibel (Amos 5, 6):

Suchet den HERRN, so werdet ihr leben!

„Den Herrn suchen“, das klingt in unseren Ohren sehr fromm. Der Prophet Amos meinte das eher in einem handfesten sozialen Sinn. Das Volk Israel hatte den unsichtbaren Gott als einen Herrn erfahren, der das Volk in die Freiheit führt. Ein Herr, der frei macht, der aber auch erwartet, dass Menschen nicht einander unterdrücken.

Überträgt man das Ganze in alltägliche Zusammenhänge, dann können wir sagen: Wir können diesen Gott, diesen frei machenden Herrn, dort suchen und finden, wo wir uns klarmachen, dass wir von ihm mit vielen Chancen und Gaben beschenkt sind. Wenn wir auf das schauen, was wir an Liebe erfahren, und nicht immer nur auf die bitteren, enttäuschenden Nackenschläge im Leben starren, dann finden wir das Leben.

Die Menschen der Bibel waren allerdings so realistisch, dass sie auch gesehen haben: Wir Menschen sind oft so gepolt, dass wir das Gute als selbstverständlich nehmen und alles Böse andern in die Schuhe schieben, notfalls ist Gott an allem schuld.

Das lässt Gott sogar mit sich machen: Als Jesus auf die Welt kam, war er wie Gott und lebte seine Liebe, und als die Leute ihn missverstanden, anklagten, verließen, verleugneten, verrieten, verurteilten und töteten, da nahm er es auf sich, indem er sagte (Lukas 23, 34):

Vater, vergib ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun.

Damit wollte er nicht verharmlosen, was sie taten, sondern allen die Augen öffnen, dass wir uns selber und unseren Mitmenschen schaden, wenn wir uns der Liebe verschließen, die uns geschenkt ist und die wir weitergeben sollen.

Suchet den HERRN, so werdet ihr leben!

– damit ist also gemeint: Wer sich dem Gott anvertraut, der uns liebt, der geht nicht verloren.

Das gilt auch, wenn wir sterben. Ja, ich bin überzeugt, dass Frau I. jetzt an der richtigen Stelle ist, dass Gott sie in seinem unsichtbaren Himmel in Ehren aufnimmt. Gott ist schon hier auf Erden den verzweifelt Suchenden näher, als sie denken, und ich denke, wir können heute die Verstorbene getrost loslassen. Gott nimmt sie auf in seine liebevollen Arme. Amen.

Wir beten mit Psalm 73:

1 Gott ist dennoch Israels Trost für alle, die reines Herzens sind.

2 Ich aber wäre fast gestrauchelt mit meinen Füßen; mein Tritt wäre beinahe geglitten.

3 Denn ich ereiferte mich über die Ruhmredigen, als ich sah, dass es den Gottlosen so gut ging.

5 Sie sind nicht in Mühsal wie sonst die Leute und werden nicht wie andere Menschen geplagt.

8 Sie achten alles für nichts und reden böse, sie reden und lästern hoch her.

11 Sie sprechen: Wie sollte Gott es wissen? Wie sollte der Höchste etwas merken?

12 Siehe, das sind die Gottlosen; die sind glücklich in der Welt und werden reich.

13 Soll es denn umsonst sein, dass ich mein Herz rein hielt und meine Hände in Unschuld wasche?

14 Ich bin doch täglich geplagt, und meine Züchtigung ist alle Morgen da.

16 So sann ich nach, ob ich’s begreifen könnte, aber es war mir zu schwer,

17 bis ich ging in das Heiligtum Gottes und merkte auf ihr Ende.

18 Ja, du stellst sie auf schlüpfrigen Grund und stürzest sie zu Boden.

21 Als es mir wehe tat im Herzen und mich stach in meinen Nieren,

22 da war ich ein Narr und wusste nichts, ich war wie ein Tier vor dir.

23 Dennoch bleibe ich stets an dir; denn du hältst mich bei meiner rechten Hand,

24 du leitest mich nach deinem Rat und nimmst mich am Ende mit Ehren an.

25 Wenn ich nur dich habe, so frage ich nichts nach Himmel und Erde.

26 Wenn mir gleich Leib und Seele verschmachtet, so bist du doch, Gott, allezeit meines Herzens Trost und mein Teil.

28 Aber das ist meine Freude, dass ich mich zu Gott halte und meine Zuversicht setze auf Gott den HERRN.

Gnädiger Gott, im Leben und im Tod stehen wir in Deiner Hand. Keine Macht ist stärker als Deine Macht, nicht unsere Sünde, nicht das Böse in der Welt und nicht der Tod. Nimm bitte die Verstorbene Frau I. in ihrem Tode in deinem Himmel auf und schenke ihr Ruhe und Frieden in deiner ewigen Liebe.

Für alles, was Frau I. an Liebe empfangen und geben konnte, sind wir dankbar. Und wir vertrauen dir auch alles an, was uns belastet und bedrückt, und bitten dich: Lass uns fertig werden mit gemischten Gefühlen, mit Enttäuschungen, mit unerfüllter Sehnsucht.

Gib uns Klarheit über das, was unsere Verantwortung ist, und schenke uns Menschen, die unser Vertrauen nicht enttäuschen. Wenn wir doch enttäuscht werden, lass uns nicht bitter werden.

Gott, gib uns den Mut, zu ändern, was wir ändern können. Gib uns die Kraft zu ertragen, was nicht zu ändern ist. Und gib uns die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden. Amen.

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