Neu werden durch Gottes Treue

„Lasst euch versöhnen mit Gott!“ Nichts weiter verlangt Paulus im Namen Gottes von uns. Nichts weiter sollen wir von anderen Menschen verlangen. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Wenn das die Überschrift über unser Leben ist, kann nichts mehr so bleiben, wie es war, dann ist darin eingeschlossen die Nächsten- und Feindesliebe, die Nachfolge Jesu, das Aufsichnehmen seiner leichten Last.

Eine abgegriffene alte Bibel

Können wir neu werden durch Worte der alten Bibel? (Bild: pixabay.com)

direkt-predigtGottesdienst am Volkstrauertag, 17. November 1985, um 9.30 Uhr in Heuchelheim und um 10.30 Uhr in Reichelsheim

Ich begrüße alle herzlich im Gottesdienst am Volkstrauertag 1985 – in dem Jahr, in dem die Schrecken des Zweiten Weltkriegs nunmehr 40 Jahre hinter uns liegen. Lasst uns auch heute auf Gottes Wort und Mahnung hören und zu ihm beten und singen.

Lied EKG 195, 1-3 (EG 299):

1. Aus tiefer Not schrei ich zu dir, Herr Gott, erhör mein Rufen. Dein gnädig’ Ohren kehr zu mir und meiner Bitt sie öffne; denn so du willst das sehen an, was Sünd und Unrecht ist getan, wer kann, Herr, vor dir bleiben?

2. Bei dir gilt nichts denn Gnad und Gunst, die Sünde zu vergeben; es ist doch unser Tun umsonst auch in dem besten Leben. Vor dir niemand sich rühmen kann, des muss dich fürchten jedermann und deiner Gnade leben.

3. Darum auf Gott will hoffen ich, auf mein Verdienst nicht bauen; auf ihn mein Herz soll lassen sich und seiner Güte trauen, die mir zusagt sein wertes Wort; das ist mein Trost und treuer Hort, des will ich allzeit harren.

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. „Amen.“

Jesus Christus spricht: Selig sind die Friedensstifter, denn sie werden Gottes Kinder heißen. (Matthäus 5, 9)

Kommt, lasst uns anbeten! „Ehre sei dem Vater und dem Sohne und dem heiligen Geiste, wie es war von Anfang, jetzt und immerdar, und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“

Herr, aus unserem Alltag kommen wir zu dir, unseren Alltag bringen wir vor dich: Dir dürfen wir es sagen, wie ängstlich und mutlos wir sind, wie schwer es uns fällt, aufeinanderzuzugehen, miteinander zu reden. Dir dürfen wir es sagen, wie schnell und wie böse wir übereinander urteilen und richten. Dir dürfen wir es sagen, wie wir uns voreinander abgrenzen, wie wir uns gegenseitig das Leben schwer machen. Herr, schenke uns dein Erbarmen! Lass uns fest auf dich vertrauen, denn „du widerstehst den Hochmütigen, aber den Demütigen gibst du Gnade“ (1. Petrus 5, 5 / Jakobus 4, 6 – dort nicht als Anrede).

Guter Gott, du hast uns zur Gemeinschaft mit dir berufen. Nichts kann uns von dir trennen. Wir bitten dich: mach uns gewiss, dass du die Zukunft der Welt in Händen hast und wir bei dir ewig geborgen sind. Dies bitten wir dich durch Jesus Christus, deinen Sohn, unseren Herrn. „Amen.“

Wir hören die Lesung aus dem Prophetenbuch des Jeremia 29, 11-14a:

Ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe, spricht der Herr, Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe Zukunft und Hoffnung. Und ihr werdet mich anrufen und hingehen und mich bitten, und ich will euch erhören. Ihr werdet mich suchen und finden; denn wenn ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet, so will ich mich von euch finden lassen, spricht der Herr.

Selig sind, die das Wort Gottes hören und bewahren. Halleluja! „Halleluja, Halleluja, Halleluja!“

Lied EKG 336, 1-4 (EG 440):

1. All Morgen ist ganz frisch und neu des Herren Gnad und große Treu; sie hat kein End den langen Tag, drauf jeder sich verlassen mag.

2. O Gott, du schöner Morgenstern, gib uns, was wir von dir begehrn: Zünd deine Lichter in uns an, lass uns an Gnad kein Mangel han.

3. Treib aus, o Licht, all Finsternis, behüt uns, Herr, vor Ärgernis, vor Blindheit und vor aller Schand und reich uns Tag und Nacht dein Hand,

4. zu wandeln als am lichten Tag, damit, was immer sich zutrag, wir stehn im Glauben bis ans End und bleiben von dir ungetrennt.

Gnade und Friede sei mit uns allen von Gott, unserem Vater, und Jesus Christus, unserem gekreuzigten und auferstandenen Herrn. Amen.

Wir hören zur Predigt vom Apostel Paulus aus 2. Korinther 5, 19-20:

Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung. So sind wir nun Botschafter an Christi Statt, denn Gott ermahnt durch uns; so bitten wir nun an Christi Statt: Lasst euch versöhnen mit Gott!

Amen.

Liebe Gemeinde!

Ist nicht alles schon einmal gesagt worden? Kann man am Volkstrauertag eigentlich noch etwas Neues sagen? Ich habe heute zweimal zu reden, hier im Gottesdienst und heute nachmittag auf dem Friedhof. Bisher ist mir in jedem Jahr noch etwas eingefallen, das ich so noch nicht gesagt hatte. Aber diesmal ging es mir eine ganze Zeit lang so, dass ich unschlüssig war: worüber predigen? welchem der vielen Predigtvorschläge folgen? Über das Thema Schuld und Vergebung habe ich schon einmal gesprochen; die Frage der gemeinsamen Trauer kam einmal vor; die Verantwortung für den Frieden ist wieder und wieder angeklungen. Die Zeit vergeht auch so schnell. Als ich in dieser Predigt auf ein Beispiel aus der jüngsten Kirchengeschichte zurückgreifen wollte, ich dachte an ein Wort unseres ehemaligen Kirchenpräsidenten Helmut Hild, da musste ich feststellen, dass ich eben dieses Wort schon im vergangenen Jahr bei der Einweihung der neugestalteten Gedenkstätte auf dem Friedhof erwähnt hatte.

So ist das wohl mit allen menschlichen Worten, auch mit unseren Aktivitäten. Alles veraltet so schnell. Die Friedensbewegung ist nicht mehr so aktiv, das Interesse an Friedensfragen scheint stark abgesunken zu sein. Gut, wir hoffen auf Ergebnisse der Verhandlungen zwischen den Supermächten. Aber wir sehen kaum noch einen Sinn darin, uns selbst eingehender mit Rüstung, ABC-Waffen, SDI und was dergleichen mehr ist, zu befassen. Es wächst uns alles über den Kopf.

Das ist auch nichts Neues, dass wir mutlos sind. Dass wir den Frieden wieder ganz „denen da oben“ überlassen. Dass wir dem Thema Frieden, aber auch dem Thema Trauer in unseren Gesprächen gern ausweichen.

Was gibt es denn überhaupt Neues zu erzählen heute? Heute in einer Predigt – nicht in der Zeitung, nicht in einer Reportage?

Es gibt etwas, das jeden Morgen neu ist, das nicht veraltet, das uns immer wieder neu begegnen kann, so neu, dass wir sogar davor erschrecken oder bestürzt sein können. Dieses Etwas ist Gottes Gnade und Treue, wovon wir vorhin im Lied gesungen haben: „All Morgen ist ganz frisch und neu des Herren Gnad und große Treu!“

Vielleicht ist jetzt jemand enttäuscht. Das soll neu sein? Das sind doch ganz veraltete Begriffe! Gnade und Treue – sind das nicht alte Hüte, Worte, die heute nichts mehr aussagen?

Da müssen wir zwei Dinge unterscheiden. Erstens können natürlich unsere Wörter sehr wohl veralten. Auch religiöse Wörter. Und darum gibt es ja auch Predigten: damit in jeder Zeit und an jedem Ort das Wort Gottes neu ausgelegt wird. Aber zweitens bedeutet gerade in Fragen des Glaubens „neu“ nicht dasselbe wie „der neueste Schrei“. Die Moden und Geschmäcker, die menschlichen Bewegungen und Aktivitäten verändern sich, ehe man sich‛s versieht. Was heute noch neu ist, ist morgen schon „abgehakt“ oder „out“. Aber was den Glauben angeht, ist heute das alte Wort der Bibel neuer und aktueller als alle modischen Verrenkungen unserer Tage.

Was ist so neu an diesem Wort? Neu ist daran, dass wir durch dieses Wort selber erneuert werden (wo wir das an uns geschehen lassen). Neu ist daran, dass wir in eine Beziehung geraten zu dem einen und und einzigen Gott, der viel wichtiger für uns ist als alles andere. Diese Beziehung muss immer wieder neu sein, weil wir sie nicht festhalten können. Glaube bedeutet also nicht: den Glauben einfrieren, den wir als Kinder oder als Konfirmanden hatten, sondern Glaube bedeutet: offen sein für neue Erfahrungen mit Gott.

Deshalb lasst uns heute ganz schlicht auf das Wort hören, das ich als Predigttext verlesen hatte:

1.

Gott war in Christus.

Ja, Gott war in diesem Menschen. Wenn wir den Mut verlieren, zweifeln, nicht mehr weiterwissen, dann können wir auf Jesus schauen, von seinen Worten und Taten lesen, uns an ihn halten, der unter uns anderen Menschen so viel erlitten hat. Er rief gerade die Belasteten zu sich.

2.

[Er] versöhnte die Welt mit sich selber.

Ist das nicht herrlich? Wir sind mit Gott versöhnt! Wir brauchen uns keine Gedanken über unser ewiges Heil zu machen. Wir können alle Anstrengungen sein lassen, um uns etwas vor Gottes Augen zu verdienen. Wir müssen uns nicht vor Gott wichtig machen, denn wir sind schon wichtig in seinen Augen, und er hat viel mit uns vor.

3.

Und [er] rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu.

Sünden? Na ja, davon sprechen wir nicht so gerne. Jedenfalls nicht von den eigenen Sünden. Die fremden, ja, die sind viel offensichtlicher. Aber dass wir selbst so viele Sünden begangen haben sollen…? Vergessen wir nicht: Sünde bedeutet eigentlich Trennung von Gott und Trennung vom Nächsten. Überwindung der Sünde müsste heißen: Wir sind Gott vollkommen recht, und wir sind bereit, den Nächsten vorbehaltlos zu lieben, selbst unseren Feind. Dabei versagen wir, Tag für Tag. Aus unserer Kraft können wir Gott nie recht sein. Und auch zur Nächsten- und Feindesliebe gehört mehr Geduld und Mut und Überwindung, als wir von uns aus aufbringen.

Aber Gott hört nicht auf, uns treu zu sein, auch wenn wir ihm hundertmal untreu geworden sind. Er liebt uns, auch wenn wir uns wie seine Feinde aufführen. Er hält uns fest, auch wenn wir den Halt an ihm meinen verloren zu haben. Woran wir das erkennen können? Auch wenn Gott unsichtbar ist, wir haben ein ganz klares Erkennungszeichen. Denn, und jetzt kommt …

4.

[Er] hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung.

Das Wort von der Versöhnung steht da in der Bibel. Da kann es jeder aufsuchen, nachlesen, allein und mit anderen gemeinsam. Aber es soll nicht nur dort stehenbleiben, so wie tote Buchstaben. Das Wort von der Versöhnung kann lebendig werden in unseren Herzen. Gott hat es unter uns durch Jesus aufgerichtet, um uns aufzurichten, um uns zu aufrechten Menschen zu machen. Wir sind mit Gott versöhnt! – was wird da nicht alles plötzlich unwichtig an Grenzen und Mauern, mit denen wir uns vor anderen Menschen abschotten! was verliert da nicht alles an Bedeutung an alltäglichem Kleinkram, der uns immer wieder deprimiert!

Es kommt nun darauf an, wie tief uns Gottes Wort trifft. Wie tief bohrt sich dieses Wort von der Versöhnung in unsere Herzen ein? Fragen wir ernsthaft und neu danach, was Versöhnung mit Gott eigentlich bedeutet? Sind wir bereit, das erste Gebot wieder neu ernstzunehmen, dass wir unser Herz an nichts anderes hängen sollen als an den wahren und einzigen Gott allein? dass wir Gott über alle Dinge fürchten und lieben und ihm vertrauen sollen?

Wenn uns Gottes Wort trifft, anrührt, bewegt, dann sind wir nach Paulus gleich noch mehr als Zuhörer:

5.

So sind wir nun Botschafter an Christi Statt.

Wir sind sozusagen Gottes diplomatische Vertretung auf der Erde. Uns ist das Wort von der Versöhnung anvertraut, um es weiterzusagen. Nicht nur den Pfarrern, sondern allen, die sich von diesem Wort angesprochen fühlen.

Und beim Weitersagen geht es nicht immer nur um liebliche und schöne Worte, sondern offensichtlich auch darum, dass man sich, wenn nötig, die Meinung sagt:

6.

Denn Gott ermahnt durch uns.

Wo wir wissen, dass wir mit Gott versöhnt sind und nicht mehr im Streit liegen, da trägt uns Gott auf, andere zu ermahnen. Aber wozu

Diese Ermahnung trägt Paulus in Form einer Bitte vor, und das ist der letzte Teil unseres Predigttextes:

7.

So bitten wir nun an Christi Statt: Lasst euch versöhnen mit Gott!

Nichts weiter verlangt Paulus im Namen Gottes von uns. Nichts weiter sollen wir auch von anderen Menschen verlangen. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Wenn das die Überschrift über unser Leben ist: Lasst euch versöhnen mit Gott! – dann wird alles andere sich daraus ergeben, dann kann nichts mehr so bleiben, wie es war, dann ist darin eingeschlossen die ganze Nächsten- und Feindesliebe, die Nachfolge Jesu, das Aufsichnehmen seiner leichten Last. Ich bin immer wieder dankbar für Gespräche, in denen wir über solche Fragen reden. Denn wo es um einen solchen aktiven Glauben geht, da kann man nicht für sich allein bleiben; da muss und da darf man in der Gemeinschaft danach fragen, was in unserem Leben anders werden kann; da kann man sich gegenseitig stützen, und gemeinsam immer tiefer nach Gottes Wort fragen.

Ein Wort kann uns vielleicht heute helfen, mit Gott einen neuen Anfang zu machen. Ein Wort, das vor 40 Jahren in Stuttgart gesagt wurde; als Christen aus Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg zum ersten mal wieder ausländischen Christen gegenüberstanden. Ich will nur einen Satz aus diesem Wort zitieren, weil ich denke, er passt genauso in die heutige Zeit. Er lautet:

„Wir klagen uns an, dass wir nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher geglaubt und nicht brennender geliebt haben.“

Damals waren es deutsche Kirchenführer, die im Rückblick auf Hitlerreich und Krieg sich an die eigene Brust schlugen. Heute macht es mich traurig, dass wir nach so vielen Jahren, in denen die Kirche hierzulande alles andere als verfolgt worden ist, eher noch weniger mutig für Gottes Wort eintreten, noch weniger treu beten, noch weniger fröhlich glauben und noch weniger brennend lieben als die Christen im Dritten Reich.

Hier liegt sicher der Schlüssel zu dem, was zu unserem Frieden dient. Wenn in der Trauer am Volkstrauertag von dieser Traurigkeit etwas enthalten ist, von dieser Trauer über unsere Mutlosigkeit, unsere Untreue, unsere Freud- und Lieblosigkeit, dann ist uns auch der nächste Schritt offen: der Schritt der Umkehr. Frieden wird es nicht geben, wenn wir als Christen nicht lernen, mutig zu bekennen, worauf wir uns im Leben und im Sterben verlassen können. Frieden hängt auch von unserem treuen Gebet, von unserem fröhlichen Glauben und von unserer brennenden Liebe ab. Den langen Atem als Friedensstifter bewahren wir, wenn wir nicht müde werden, auf das Wort von der Versöhnung hinzuweisen, das ohne unser Zutun längst unter uns aufgerichtet ist. Amen.

Lied EKG 219, 1+6-8 (EG 255):

1. O dass doch bald dein Feuer brennte, du unaussprechlich Liebender, und bald die ganze Welt erkennte, dass du bist König, Gott und Herr!

6. Du unerschöpfter Quell des Lebens, allmächtig starker Gotteshauch, dein Feuermeer ström nicht vergebens. Ach zünd in unsern Herzen auch.

7. Schmelz alles, was sich trennt, zusammen und baue deinen Tempel aus; lass leuchten deine heilgen Flammen durch deines Vaters ganzes Haus.

8. Beleb, erleucht, erwärm, entflamme doch bald die ganze weite Welt und zeig dich jedem Völkerstamme als Heiland, Friedefürst und Held.

9. Dann tönen dir von Millionen der Liebe Jubelharmonien, und alle, die auf Erden wohnen, knien vor den Thron des Lammes hin.

Fürbitten und Vater unser
Lied EKG 139, 1 (EG 421):

Verleih uns Frieden gnädiglich, Herr Gott, zu unsern Zeiten. Es ist doch ja kein andrer nicht, der für uns könnte streiten, denn du, unser Gott, alleine.

Abkündigungen und Segen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.