Die Mutter Jesu als bittere Anklägerin der christlichen Erlösungsreligion

In Colm Tóibins Roman, „Marias Testament“, verbindet die Mutter Jesu die Trauer um ihren Sohn mit einer harten Anklage gegen diejenigen, die seinen Tod für ihre Zwecke instrumentalisieren. Das Buch fordert dazu heraus, über das Christentum als Erlösungsreligion nachzudenken, es verstört, stellt in Frage, mahnt zur Umkehr.

Maria mit Kopftuch und niedergeschlagenen Augen, dargestellt in einem Kreis

Der Romanautor Colm Tóibin stellt sich vor, was für ein Testament die um ihren Sohn trauernde Maria ihrer Nachwelt hinterlassen haben könnte (Bild: DidgemanPixabay)

Wäre mir das Büchlein von Colm Tóibin, „Marias Testament“, <1> nicht von einer sehr lieben Pfarrkollegin empfohlen worden, die von meiner intensiven Beschäftigung mit Maria <2> wusste, ich hätte es mir nicht besorgt und erst recht nicht bis zum Ende gelesen. Zwei Monate lag es bei mir im Bücherregal, mehrfach habe ich hineingeschaut, angefangen zu lesen, immer wieder fragte ich mich, was hat das mit der Maria zu tun, die ich mit der biblischen Überlieferung verbinde, von welchen Männern, denen sie nichts als Verachtung entgegenbringt, wird sie da verhört, festgehalten, wer sind ihre Aufpasser, worauf läuft das Ganze hinaus?

Gestern habe ich „Marias Testament“ zu Ende gelesen, immer noch an manchen Stellen mit Stirnrunzeln, leisem Unbehagen, das jedoch allmählich von einer Faszination abgelöst wurde, die mich mehr und mehr in ihren Bann zog.

Überrascht war ich, dass die wenigen biblischen Geschichten über Jesus und Maria, auf die der Autor zurückgreift, ausgerechnet aus dem Johannesevangelium stammen, das seit zwei Jahren im Mittelpunkt meiner tagtäglichen Studien steht. Allerdings geht Colm sehr freizügig mit dem erzählerischen Material aus der Bibel um. So verbindet er die Hochzeit zu Kana sehr eng mit der Erweckung des Lazarus, und aus den Jüngern Jesu macht er eine Horde großmannssüchtiger Männer, die wundergeile Massen um Jesus scharen.

Natürlich ist das eine Karikatur Jesu, wie er in der Bibel dargestellt wird. Aber so wie Colm die Überlieferung versteht, ist es genau umgekehrt: dass die Bibel eine geschönte, auf missionarische Wirkung berechnete Darstellung seines Lebens und Sterbens darbietet. Sehr zu denken gibt mir, wie Colms Maria die Gestalt des auferweckten Lazarus beschreibt: als einen lebenden Toten, der mit dem neu geschenkten Leben nicht zurechtkommt und nur seine Rolle als lebendiger Beweis der göttlichen Wunderkräfte Jesu zu spielen hat.

Maria steht den Ambitionen ihres Sohnes von Anfang an skeptisch gegenüber. In ihren Augen, so wie Colm sie darstellt, schart ihr Sohn „eine Gruppe von Nichtsnutzen um sich, die wie er selbst bloße Kinder waren, oder Männer ohne Väter, oder Männer, die einer Frau nicht in die Augen sehen konnten“. Dabei ist er selbst durchaus kein Nichtsnutz, sondern „dankbar, wohlerzogen und intelligent“. Er besitzt sogar „die Fähigkeit, die am seltensten ist, mit Leichtigkeit allein sein zu können“, und kann „eine Frau so ansehen, dass sie sich ihm gleichwertig fühlte“ (S. 15f.). Aber wozu setzt er diese Fähigkeiten ein?

Wie fremd ihr Sohn ihr geworden ist, wird am deutlichsten in der Szene bei der Hochzeit zu Kana, als sie ihren Sohn vor der tödlichen Gefahr warnen will, in die er sich begibt. Da rückt er von ihr ab und fragt: „Weib, was geht‘s dich an, was ich tue?“ Und als sie sagt: „Ich bin deine Mutter“,

da hatte er schon begonnen, zu anderen zu sprechen, geschwollene Sprüche und Rätsel, und er sprach in seltsamen, anmaßenden Wendungen von sich und seiner Aufgabe in der Welt. Ich hörte ihn sagen – ich hörte es in dem Moment, und ich bemerkte, dass sich Köpfe neigten ringsum, als er es sagte –, ich hörte ihn sagen, dass er der Sohn Gottes sei. (S. 59f.)

Obwohl Maria ihren Sohn vor den Folgen seines öffentlichen Auftretens bewahren will, muss sie einsehen, dass er in dem fanatischen Glauben, tatsächlich der Sohn Gottes zu sein, seine eigene Mutter nur noch wie Luft behandeln kann. Sie kann ihn nicht retten vor dem grausamen Tod, der ihn erwartet. Erst als er auf dem Weg nach Golgatha ebenso verzweifelt wie vergeblich versucht, die Dornen der Krone aus der Haut seines Schädels zu zerren, und ihr einen letzten Blick zuwirft, mag er sie wieder als seine Mutter erkennen, aber sie kann nichts mehr für ihn tun.

Kurz zuvor, als Jesus bereits gefangengenommen ist und Maria sich in einem Haus seiner Anhänger aufhält, meinen dort alle, „dass dies geplant gewesen und Teil der großen Erlösung war, die in der Welt geschehen würde“. Sie versteht den „Wirrwarr von Rätseln“ nicht, dem sie hier ausgesetzt ist, „in der Welt der Narren, Zitterer, Unzufriedenen, Stotterer, jetzt allesamt hysterisch und vor Aufregung schon fast atemlos, noch ehe sie zum Sprechen ansetzten“. Und sie erkennt, dass „innerhalb dieser Gruppe von Männern … feste Hierarchien“ bestehen: „Es gab etwa Männer, die redeten und denen man zuhörte, oder deren Erscheinen alles verstummen ließ, oder die sich an den Kopf des Tisches setzten, oder … die Essen von den Frauen forderten, die ins Zimmer hinein- und hinaushuschten wie geduckte, gehorsame Tiere“ (S. 82f.).

Maria steht zwischen zwei Fronten: Fliehen muss sie vor der römischen Geheimpolizei und ihren Kollaborateuren, die ihren Sohn und alle seine Anhänger aus dem Weg räumen wollen. Zur Flucht verhelfen ihr die kaltherzigen Erschaffer einer neuen Religion, die sich aus der grausamen Kreuzigung eines naiven Wundertäters, der sich für den Sohn Gottes hält, eine publikumswirksame Erlösungsreligion zurechtzimmern. Mit ihrer Hilfe gelangt sie nach Ephesus, <3> und dort bleibt sie im Gewahrsam von Männern, die sie unermüdlich nach den letzten Stunden ihres Sohnes befragen. Aber nicht an dem, was sie tatsächlich erlebt und durchlitten hat, sind ihre Aufpasser interessiert, nicht an den Gefühlen einer Mutter und an den Qualen des Hingerichteten. Ihr Sinn steht einzig und allein nach einer Bestätigung ihrer festen Überzeugung, dass tatsächlich Jesus als der Sohn des Vaters im Himmel durch seinen Tod am Kreuz die Erlösung der Welt bewirkt hat.

Und „Marias Testament“ ist insofern eine testamentarische Verfügung, als sie diesem Ansinnen eine klare und deutliche Absage erteilt: „Wenn ihr sagt, dass er die Welt erlöst hat, dann sage ich, dass es das nicht wert war“ (S. 125).

Was fängt man als Christ, als Christin an mit einem solchen Testament, das die eigene Religion dermaßen in Frage stellt, der Weltreligion „Christentum“ ihre Grundlage entreißt? Hat Maria Recht, wenn sie dem, „was da langsam in der Welt heranwächst“ (S. 8), nur mit großer Verachtung und Abscheu begegnen kann?

In all dem, was Maria hier beschreibt, tritt ein triumphales Christentum hervor, das davon überzeugt ist, dass nur diejenigen, die an Jesus glauben, erlöst werden können, sonst niemand, kein Jude, kein Angehöriger einer anderen Religion, erst recht kein Ungläubiger. Und dieses Christentum ist verbunden mit dem Bild eines Vatergottes, der mit voller Absicht seinen Sohn am Kreuz der Römer abschlachten lässt, damit alle, die an ihn glauben, aber nur sie, erlöst werden können. Alle anderen werden verdammt. In den Dienst einer solchen Religion will sich Maria nicht stellen lassen, obwohl sie es nicht verhindern kann.

Maria, wie Colm sie darstellt, ist Jüdin, obwohl sie am Ende ihres Lebens „nicht mehr in die Synagoge“ geht (S. 125), sondern lieber in den Tempel der Artemis. An manchen Stellen des Buches scheint etwas von der jüdischen Überlieferung auf, aus der heraus in meinen Augen Jesus zu verstehen wäre. Maria wünscht sich,

dass sich die Zeit zurückdreht. Ich will noch einmal leben, bevor sich meines Sohnes Tod ereignete, oder bevor er von zu Hause wegging, als er noch ein Kleinkind war und sein Vater lebte und es Behagen in der Welt gab. Ich will einen dieser goldenen Sabbattage, Tage ohne Wind, an denen Gebete auf unseren Lippen lagen, an denen ich mich den Frauen anschloss und die Worte anstimmte, die flehentliche Bitte an Gott, Recht zu schaffen dem Armen und der Waisen, dem Elenden und Geringen zum Recht zu helfen, den Bedürftigen zu erretten, sie alle aus der Gewalt der Gottlosen zu erlösen. (119)

Das sind die Spuren, auf denen ich nach dem Sinn der Geschichten frage, die in den Evangelien von Jesus berichtet werden. Ich kann und will nicht mehr glauben, dass Jesus der gekreuzigte Held einer universalen Erlösungsreligion sein wollte, durch die nur diejenigen, die das Werk des Glaubens an ihn zu vollbringen vermögen, das ewige Heil im Himmel erlangen können. Ich vertraue vielmehr auf einen Jesus, der im Vertrauen auf den Gott Israels für die Überwindung der Versklavung unter eine mörderische und ausbeuterische Weltordnung kämpfte. Seine Wunder sind Zeichen, die auf die Macht der solidarischen Liebe hindeuten, die nur von einem Gott ausgehen kann, dessen NAME für Freiheit, Recht und Frieden steht.

Ob eine Maria, wie Colm sie sich vorstellt, unter solchen Vorzeichen das Wirken ihres Sohnes eher hätte akzeptieren können? Ich weiß nicht, ob ihre Trauer um ihn eine andere gewesen wäre, wenn sie den Einsatz seines Lebens aus seiner Liebe zu den „Elenden und Geringen“ begriffen hätte. In den Evangelien fehlt wohl nicht ohne Grund eine Erzählung, in der der Auferstandene seiner Mutter erscheint. Was würde es eine Mutter kosten, um im Tod ihres Kindes einen höheren Sinn zu erblicken oder etwa zu denken, dass die Römer und ihre Kollaborateure mit all ihrer grausam tötenden Gewalt die Liebe nicht töten konnten, die ihr Sohn verkörperte?

Leider muss ich sagen: Selbst wenn Colm den Anfang der Geschichte anders erzählt hätte, also von einem Jesus, der aus seinem jüdischen Wurzelgrund heraus im Namen des Gottes Israels gegen Gewalt und Lieblosigkeit aufgestanden wäre – am Endergebnis hätte das nichts geändert. Waren die Evangelien noch von jüdisch denkenen Messianisten aufgeschrieben worden, die den Anbruch einer neuen Weltzeit des Friedens für Israel inmitten der Völker erhofften, war sogar Paulus ein Jude gewesen, dessen Ziel es war, eine Gemeinschaft zwischen Juden und Menschen aus den Völkern herzustellen, so machte eine heidenchristlich dominierte Kirche schon bald aus der Botschaft Jesu tatsächlich eine Erlösungsreligion nach dem Muster heidnischer Mysterien, gab aber zugleich vor, das Erbe der jüdischen Religion als das wahre Israel anzutreten.

Daher lese ich „Marias Testament“ als Mahnung zum Umdenken, zur Umkehr, zur christlichen Buße.

Anmerkungen

<1> Der Roman wurde aus dem Englischen übersetzt von Giovanni und Ditte Bandini, Carl Hanser Verlag, München 2014. Die englische Originalausgabe erschien 2012 unter dem Titel The Testament of Mary bei Viking in London.

<2> War Maria ein missbrauchtes Mädchen?

<3> Ephesus gilt als die Stadt, in der wahrscheinlich das Johannesevangelium aufgeschrieben worden ist.

Schreibe einen Kommentar

Mit dem Abschicken des Kommentars stimmen Sie seiner Veröffentlichung zu (siehe Datenschutzerklärung). Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.