Paulus – starker Typ für Christus

Kirchenfenster erzählen die Bibel.

In zwei Erzählkreisen schildert das Altarfenster der evangelischen Pauluskirche Gießen zwei Szenen aus dem Leben des Apostels Paulus: seine Berufung vor Damaskus und seine Predigt in Athen. Darüber steht in einem dritten, größeren Kreis der auferstandene Jesus Christus vor all den Gegenständen, die mit seinem Leiden und Sterben zu tun hatten.

Das Paulus-Altarfensterbild, wie es in der Bildmeditation beschrieben wird

Das Altarfensterbild in der evangelischen Pauluskirche Gießen

Musikalisch umrahmte Bildmeditation im Rahmen der Aktion der Frankfurter Bibelgesellschaft „Kirchenfenster erzählen die Bibel“ am Samstag, den 25. Oktober 2003, um 18.00 Uhr in der evangelischen Pauluskirche Gießen
J. S. Bach, Praeludium d-moll

Herzlich willkommen zur vorletzten Fensterbildbetrachtung im Rahmen der Aktion der Frankfurter Bibelgesellschaft im „Jahr der Bibel 2003“: „Kirchenfenster erzählen die Bibel“.

Heute steht das Altarfenster der Pauluskirche im Mittelpunkt unserer Aufmerksamkeit – ein Bild, dessen Bann sich kaum jemand entziehen kann, vor allem, wenn er erlebt, wie die Morgensonne das farbenfroh gestaltete Glas durchflutet.

Die Kirchenfensteraktion ist allerdings das ganze Jahr über für Samstagabende durchgeplant worden; darum müssen wir jetzt im Herbst damit vorlieb nehmen, dass das Paulusfenster – wie an Heiligabend oder an Silvester – nicht von der Sonne, sondern von künstlichem Scheinwerferlicht beleuchtet wird.

Zuerst möchten wir danken: Erstens dem Künstler, von dem wir gar nicht wissen, ob er noch lebt. Er heißt Claus Wallner und hat das Bild 1958 in Zusammenarbeit mit der Firma Kuball aus Hamburg gestaltet.

Zweitens danken wir denen, die diese Bildmeditation mit Flöten und Geigen, an Orgel und Klavier musikalisch umrahmen: Edeltraut Marquard, Günter Schulz, Annette Stomps und Werner Schütz.

Die Meditationstexte habe ich vorbereitet und gemeinsam mit mir trägt Frau Burk sie vor. Wir haben sie unter das Motto gestellt: „Paulus – starker Typ für Christus“. Mit einem Gedicht von Gisela Schulz werden wir die Meditation beschließen.

W. Corbett, Sonata VI, Preludio (Largo)

1. Welten-Ei

Warum fasziniert das Paulusfenster jeden Betrachter? Auf unterschiedliche Weise zieht es alle in den Bann, erschreckend, beruhigend, erhebend.

Liegt das schon an der Form des Bildes, nicht ganz kreisrund, sondern oval, die ein Kindergartenkind an ein Osterei hat denken lassen? Ob die Form mit Ostern zu tun hat oder mit dem Welten-Ei, aus dem nach einem alten Mythos alles Leben ausschlüpfte, oder auch mit Eizelle und Mutterschoß, aus dem jedes individuelle Leben hervorgeht – auf jeden Fall erinnert diese Form in vielfältiger Weise an das Leben und an Übergänge des Lebens – Geborenwerden und Auferstehen, Sehnsucht nach Geborgenheit und unzerstörbarem Leben.

Besonders hüpft das Herz beim Anblick des Bildes an einem Sonntagmorgen mit strahlendem Sonnenschein. „Als ob er da durchgeschossen käme“, hat jemand gesagt, ja wer denn – Christus, der Heilige Geist, Gott selbst? Transparent wird das Bild für eine Wirklichkeit, die wir allein mit dem Verstand und religiösen Dogmen nicht fassen können. Mit tiefer Ehrfurcht begegne ich dem, was größer ist als ich und mein Verstand.

Mit vielen Gottesdienstbesuchern habe ich über das Bild gesprochen. Und kaum jemand ist dabei, der sich nicht davon angesprochen fühlt. Unmöglich wäre es allerdings, alle Facetten und Möglichkeiten zu erfassen und wiederzugeben, in denen jeder einzelne das Bild erfährt – als Tankstelle, als Anregung, als beruhigender Blickpunkt während einer Predigt, auf die man sich entweder konzentrieren oder von der man sich ablenken möchte.

Was das Fenster bewirkt, welche Gefühle es auslöst, das kann letzten Endes nur jeder selber spüren – und vielleicht jedesmal anders erfahren.

W. Corbett, Sonata VI, Fuga (Allegro)

2. Grundfarben

Tauchen wir näher in das Bild ein, fällt auf, dass sich die gerundete Form wiederholt. Wie Sprechblasen in einem Comic erzählen drei gesonderte Bereiche auf dem Fensterbild jeweils eine eigene Geschichte.

Alle drei Erzählkreise gehören zusammen, sind auf rotem Hintergrund gemalt, in verschiedenen, teils ins erdigbraune spielenden Tönen, finden statt in der Sphäre des Blutes, der Leidenschaft, des Herzens. Rot ist die Farbe der Liebe – und des Krieges. Rot, wenn es allein für sich steht, kann aggressive Gefühle wecken.

Altarfensterbild: SoldatenHier allerdings hebt sich das Rot ab von der gelben Farbe, in der die außerhalb der Kreise liegenden Flächen gemalt sind. Golden leuchtet der Himmel im Hintergrund, mit einer Wärme und einem Licht, das Gegensätze versöhnt, den Krieg überflüssig macht und dem Rot im Vordergrund die Aggressivität nimmt. Es ist ein Himmel, um den man sich keine Sorgen machen muss, der einem Mut macht, im Diesseits zu leben.

Die Symbole und Gestalten mit ihren Gewändern lassen weißes Licht durchscheinen, allerdings gebrochen in der Helligkeit von strahlendem Weiß bis hin zum Grau der soldatischen Rüstung. Das Tageslicht selbst soll hier farbliche Akzente setzen; vielleicht enthält die weiße Farbe die Frage nach Wahrheit, Klarheit und Reinheit und nach dem Sieg über das Böse.

Ungewöhnlich scheint mir, dass die Heiligenscheine blau unterlegt sind, ein wenig ins Grüne spielend; ein Konfirmand fühlte sich an Raumfahrerhelme erinnert. Ganz verkehrt ist dieser Einfall nicht; wer heilig ist, hat Anteil an etwas, das nicht von dieser Welt ist, wenn es auch nicht aus dem von Menschen erforschbaren Weltall stammt.

Wie von einem Helm sind die Köpfe Christi, der Engel und des Paulus von einer Aura umgeben, die sie eine besondere Luft atmen lässt: die Luft der Treue Gottes, die Hoffnung weckt und auf die man sich unbedingt verlassen kann.

Mischfarben spielen auf dem Bild kaum eine Rolle. Nur bei gewissem Licht ist im Rot ein violetter Einschlag erkennbar, wie um sachte an Buße und Umkehr zu erinnern. Den zarten Grünschimmer im Blau der Heiligenscheine hatten wir erwähnt. Und die orangene Abtönung lässt das himmlische Gelb nicht zitronig-kalt, sondern golden rüberkommen. Im Vordergrund stehen aber neben dem Weiß allein die Grundfarben Rot, Gelb und Blau, mit denen der Künstler der Basisbotschaft Nachdruck verleiht (1. Korinther 3, 11):

Einen andern Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus.

F. Mendelssohn-Bartholdy, Sonata III, Con moto maestoso (1)

3. Christus lebt

Christus lebt! Das ist die grundlegende Basis des christlichen Glaubens. Diese Wahrheit bildet buchstäblich den Mittelpunkt des Fensterbildes.

Der Auferstandene steht mit beiden Füßen auf dem Erdkreis. Ernst, doch nicht düster blickt er dem Betrachter direkt in die Augen. Jung und doch ehrfurchtgebietend tritt er Menschen jeden Alters gegenüber.

Diesem Christus glauben wir den Satz (Johannes 10, 30):

Ich und der Vater sind eins.

Als wahrer Stellvertreter Gottes tritt er uns gegenüber, der zu Mose am Dornbusch auf die Frage nach seinem Namen zur Antwort gab (2. Buch Mose – Exodus 3, 14 – nach der Elberfelder oder Schlachter-Bibel):

Ich bin, der ich bin.

So präsent, so gegenwärtig ist hier der Christus. Auch er sagt: „Ich bin da.“ (Johannes 14, 6:)

Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben.

Altarfensterbild: segnender ChristusSegnend tritt Christus uns gegenüber. Aber nicht so, wie ich es als Pfarrer tue, mit zwei erhobenen Händen. Er hebt nur die eine Hand, die andere hält er senkrecht vor die Brust. Vielleicht weiß jemand von Ihnen, worauf diese Geste zurückgeht, ich weiß es wirklich nicht. Wenn ich diese Geste nachmache, spüre ich mich selbst, mein Herz, die aufrechte Haltung meines Körpers.

Eine Teilnehmerin an der Meditation merkte nach der Veranstaltung an, dass Jesus seine linke Hand nicht zum Segnen erhebt, sondern dass er mit ihr über sich hinausweist, nach oben, zum Himmel, zum Vater.

Ein Ehepaar legte mir den Eindruck nahe, dass beide Hände etwas damit zu tun haben, dass Jesus ein Bürge für die Wahrheit ist: die rechte Hand liegt auf seinem Herzen, die linke hebt er wie zum Schwur.

Die Gesten beider Hände des Christus verbinden seinen auferstandenen Leib mit uns: Wir sind sein Leib, Leib Christi. Mit dem Fühlen seines Herzens segnet uns der, von dem es in Matthäus 9, 36 heißt:

Als er das Volk sah, jammerte es ihn; denn sie waren verschmachtet und zerstreut wie die Schafe, die keinen Hirten haben.

Weißes Licht strahlt durch die Person des Christus hindurch. Mit Augen des Glaubens sehen wir, wie der wahre Mensch Jesus zugleich in Wahrheit Gott genannt werden darf: vollkommen erfüllt vom Heiligen Geist, transparent für Gottes Liebe. Von Gott auferweckt, in Ewigkeit mit dem Vater eins, strahlt Christi Licht in diese Welt.

F. Mendelssohn-Bartholdy, Sonata III, Con moto maestoso (2)

4. Paulus am Boden

Altarfensterbild: Paulus vor DamaskusEinige der von Christus ausgehenden Strahlen machen nicht am Rand des oberen Kreises Halt, leuchten in den Kreis unten links hinein und treffen einen Mann, der am Boden liegt. Was ist hier geschehen? Ist dieser Mann gestürzt? Sucht er etwas auf der Erde?

Der da am Boden liegt, heißt Paulus, das ist einfach der jüdische Name Saul oder Saulus auf lateinisch. Unter Christen hat es sich eingebürgert, im Zusammenhang der Bekehrung des Paulus vom Wandel des Saulus zum Paulus zu reden.

Aber eine Bekehrung – das ist doch eine Glaubenssache, die findet doch im Kopf oder im Herzen statt. Wieso stellt der Künstler eine Glaubensumkehr so dramatisch dar – mit Soldaten und Strahlen aus dem Himmel und zu Boden stürzen?

Für Paulus war es ein Drama. Für ihn stand sein ganzer Lebensplan auf dem Spiel, alles, was ihm wichtig war. Er war zwar ein freier römischer Bürger, gehörte aber zum Volk der Juden und hielt es als überzeugter Pharisäer für eine Gotteslästerung, dass die Christen einen Gekreuzigten als Messias anbeteten. Als Stephanus gesteinigt wurde, legten die Zeugen (Apostelgeschichte 7, 58 und 8, 1.3)

58 ihre Kleider ab zu den Füßen eines jungen Mannes, der hieß Saulus…

1 Saulus aber hatte Gefallen an seinem Tode.

3 [Und er] suchte die Gemeinde zu zerstören, ging von Haus zu Haus, schleppte Männer und Frauen fort und warf sie ins Gefängnis.

Doch dann kam der Tag, der für Paulus alles ändern sollte.

Diese Geschichte steht in der Apostelgeschichte 9, 1-9:

1 Saulus aber schnaubte noch mit Drohen und Morden gegen die Jünger des Herrn und ging zum Hohenpriester

2 und bat ihn um Briefe nach Damaskus an die Synagogen, damit er Anhänger des neuen Weges, Männer und Frauen, wenn er sie dort fände, gefesselt nach Jerusalem führe.

3 Als er aber auf dem Wege war und in die Nähe von Damaskus kam, umleuchtete ihn plötzlich ein Licht vom Himmel;

4 und er fiel auf die Erde und hörte eine Stimme, die sprach zu ihm: Saul, Saul, was verfolgst du mich?

5 Er aber sprach: Herr, wer bist du? Der sprach: Ich bin Jesus, den du verfolgst.

6 Steh auf und geh in die Stadt; da wird man dir sagen, was du tun sollst.

7 Die Männer aber, die seine Gefährten waren, standen sprachlos da; denn sie hörten zwar die Stimme, aber sahen niemanden.

8 Saulus aber richtete sich auf von der Erde; und als er seine Augen aufschlug, sah er nichts. Sie nahmen ihn aber bei der Hand und führten ihn nach Damaskus;

9 und er konnte drei Tage nicht sehen und aß nicht und trank nicht.

W. A. Mozart, Siziliano

Das Bild zeigt die Männer, die mit Paulus nach Damaskus reisen, als römische Soldaten in voller Rüstung; sein fanatisches Vorgehen gegen die Christen wird staatlich gestützt. Doch militärische Stärke nützt nichts gegen das Licht von oben. Die Soldaten halten ihre Lanzen wie erstarrt in einer zurückweichenden Bewegung; sie wissen nichts damit anzufangen, was Paulus widerfährt.

Von Paulus fängt der Künstler ausgerechnet den Augenblick ein, in dem ihn das Licht vom Himmel trifft und er zu Boden fällt – den Rücken eigentümlich gekrümmt. Ist es eine demütige, anbetende Haltung? Oder sucht er auf dem Erdboden die Scherben seines bisherigen religiösen Lebens zusammen, um sie verzweifelt festzuhalten?

Vielleicht hat Claus Wallner den schwächsten und zugleich stärksten Punkt im Leben des Paulus festgehalten. Am stärksten wird Paulus dadurch, dass er sich umwerfen lässt durch das Licht aus der Höhe. Offenbar treffen den Paulus die Strahlen der Liebe Christi hart. Sie stürzen ihn von einem hohen Ross herunter, auf dem er bis zu diesem Zeitpunkt gesessen hat. Die Verfolgung der Christen sollte Christus treffen – aber nun hört er die Stimme Jesu: „Was verfolgst du mich?“ Diese Stimme wird den Paulus fortan nie mehr loslassen. Sie stürzt ihn zu Boden, aber sie richtet ihn auch wieder auf.

Allerdings, als Paulus aufsteht, ist er zunächst für drei Tage blind. Er hatte geglaubt, die Wahrheit zu sehen und zu vertreten. Jetzt sieht und weiß er gar nichts mehr – ihm ist schwarz vor Augen. Das Licht von oben hat ihn geblendet; er muss seine Augen und seine Seele erst an die Helligkeit der Liebe Christi gewöhnen.

W. A. Mozart, Menuett

5. Paulus in Athen

Altarfensterbild: Paulus in AthenWir wenden uns dem dritten Erzählkreis auf unserem Kirchenfenster zu. Hier ist Paulus aufgestanden, der Auferstandene, der ihn zunächst zu Boden geworfen hatte, hat ihn aufgerichtet zum aufrechten Gang. Inzwischen ist der Verfolger der Christen zum überzeugten Missionar für Christus geworden. Die Szene spielt in Athen, zu erkennen am Tempel auf der Akropolis.

Wieder macht Paulus merkwürdige Gesten mit seinen Händen. Die linke streckt er den Leuten entgegen, die ihm zuhören, als ob er sie an der Hand nehmen und führen wollte. Die rechte hält er nach oben, mit der Handfläche nach innen. Erzählt er, wie er durch das Licht von oben blind wurde und erst dadurch sehend für die Wahrheit Gottes? Oder will er mit nach oben offener Hand die Wahrheit erst vom Himmel empfangen, bevor er sie auf Erden weitergibt?

Athen ist repräsentativ für eine Welt, die zwar voll von Götterbildern ist, aber trotzdem von Gott nicht viel wissen will. Verschiedene Schulen der Philosophen streiten sich auf dem Areopag, dem Hügel des Rechts und der Politik, über die Wahrheit, und am Ende bleibt es ziemlich beliebig, was einer nun wirklich für die Wahrheit hält – ähnlich wie heute. Die Priester der verschiedenen Tempel bringen ihren Göttern Opfer dar, ohne zu wissen, ob es diese Götter wirklich gibt, aber man kann ja nie wissen! Und für den Fall, dass man eventuell einen vergessen haben könnte, hat man sogar einen Tempel „dem unbekannten Gott“ geweiht. Wie sich Paulus der Herausforderung in der Stadt der vielen Götter und Philosophen stellt, erzählt Apostelgeschichte 17:

16 Als aber Paulus in Athen auf sie wartete, ergrimmte sein Geist in ihm, als er die Stadt voller Götzenbilder sah.

18 Einige Philosophen aber, Epikureer und Stoiker, stritten mit ihm. Und einige von ihnen sprachen: Was will dieser Schwätzer sagen? Andere aber: Es sieht so aus, als wolle er fremde Götter verkündigen. Er hatte ihnen nämlich das Evangelium von Jesus und von der Auferstehung verkündigt.

19 Sie nahmen ihn aber mit und führten ihn auf den Areopag und sprachen: Können wir erfahren, was das für eine neue Lehre ist, die du lehrst?

22 Paulus aber stand mitten auf dem Areopag und sprach: Ihr Männer von Athen, ich sehe, daß ihr die Götter in allen Stücken sehr verehrt.

23 Ich bin umhergegangen und habe eure Heiligtümer angesehen und fand einen Altar, auf dem stand geschrieben: Dem unbekannten Gott. Nun verkündige ich euch, was ihr unwissend verehrt.

W. A. Mozart, Allegretto

Paulus predigt, indem er auf die Menschen eingeht. Sein Entsetzen über die Götzentempel würden sie nicht teilen, nicht einmal verstehen. Also knüpft er an, an das, was sie glauben, wonach sie sich sehnen, was sie irgendwie verehren – und sei es nur aus Aberglauben. Trotzdem biedert Paulus sich den Athenern nicht an. Er verkündet den, der ihm wichtig geworden ist, den Auferstandenen:

31 [Gott] er hat einen Tag festgesetzt, an dem er den Erdkreis richten will mit Gerechtigkeit durch einen Mann, den er dazu bestimmt hat, und hat jedermann den Glauben angeboten, indem er ihn von den Toten auferweckt hat.

Paulus verkündet Christus als den Weltenrichter, der den Erdkreis richtet mit Gerechtigkeit. So wie Paulus ihn selbst erfahren hatte: ins Gewissen redend – „Warum verfolgst du mich und die Christen?“ – aber doch nicht hinrichtend. Jesus hatte ihn nicht am Boden liegen gelassen, sondern aufgerichtet. Der Auferstandene half ihm aufzustehen.

Hat Paulus denn Erfolg gehabt mit seiner Predigt in Athen?

Nein, nur ganz wenige Männer und Frauen schlossen sich ihm an. Die Botschaft vom lebendigen Christus war offenbar schon damals in der Welt der Philosophie nur schwer zu verdauen, wie wir in der Apostelgeschichte hören:

32 Als sie von der Auferstehung der Toten hörten, begannen die einen zu spotten; die andern aber sprachen: Wir wollen dich darüber ein andermal weiter hören.

W. A. Mozart, Andante

6. Der Gekreuzigte

Vom Licht des Auferstandenen getroffen, versuchte Paulus dieses Licht anderen weiterzugeben. Dabei verstand er, dass viele Menschen mit der Auferstehung Schwierigkeiten hatten – hatte er sich doch selbst lange dagegen gewehrt, an die Auferstehung eines Gekreuzigten zu glauben!

Altarfensterbild: Christus-KreisEs gehört zum Besonderen des Paulusfensters, dass hier der Auferstandene in seiner vollen Größe dargestellt ist und nicht Jesus, der am Kreuz hängt. Nicht die Trauer über den Tod Jesu steht im Mittelpunkt, sondern die Freude darüber, dass der Tod besiegt ist.

Dennoch klammert das Bild nicht aus, was der Auferstandene überwunden hat – die Symbole von Gewalt und Bosheit, Sünde und Tod bilden den Hintergrund der Gestalt des Auferstandenen.

Dabei stellt der Künstler diese Symbole nicht grausam dar, eher betont harmlos. Schon Kindern fallen Hammer und Nägel auf, Symbole, die auch an die ursprüngliche berufliche Tätigkeit Jesu als Zimmermann erinnern. Unserer Phantasie bleibt überlassen, sich auszumalen, was dieser Hammer und die vier übergroßen Nägel mit dem Kreuz zu tun haben. Menschen sind fähig, Dinge so oder so zu nutzen, zum Guten wie zum Bösen.

Dann steht da ein einfacher Wasserkrug. Diente er wenigstens zum Löschen des Durstes, als Jesus am Kreuz hing? Nein, Jesus bekam nur einen Schwamm voll Essig zu trinken, den man ihm hinhielt auf einem Stock – auch der ist hier zu sehen. Der Krug erinnert an den Justizmörder Pilatus, der die Hände in Unschuld wusch.

Außerdem ist ein Hemd zu sehen, wie ein Konfirmand meinte. Auch das letzte Hemd Jesu hatte keine Taschen, aber für die Soldaten unter dem Kreuz war es wertvoll. Sie durften es behalten, wollten es aber nicht zerschneiden, sondern darum losen, wem es gehören sollte.

Zwei Würfel fallen und zeigen die Zahlen 2 und 4 – als ob der Zufall über das Schicksal Jesu regierte. Auch in diesem Auslosen erfüllt sich ein Stück der Heiligen Schrift (Psalm 22, 19):

Sie teilen meine Kleider unter sich und werfen das Los um mein Gewand.“

Am wenigsten harmlos wirkt die Dornenkrone, die Jesus von den Soldaten zum Spott und zur Qual aufgesetzt bekam. Und doch hatten sie so recht damit, Jesus als König zu krönen: für ihn wurde sie zur Krone des himmlischen Königs. Auf ihn traf in jedem Fall das Wort aus der Offenbarung 2, 10 zu:

Sei getreu bis an den Tod, wo will ich dir die Krone des Lebens geben.

Die Lanze traf Jesus erst nach dem Tod; mit ihr prüfte ein Soldat, ob Jesus wirklich tot war, und das Wort des Propheten Sacharja 12, 10 wurde erfüllt:

Und sie werden mich ansehen, den sie durchbohrt haben, und sie werden um ihn klagen, wie man klagt um ein einziges Kind.

W. Corbett, Sonata VI, Adagio

7. Fisch und Quelle

Doch im Hintergrund des Christus, den Paulus verkündet, sind nicht nur Symbole des Todes und des Bösen zu sehen. Wer genau hinschaut, sieht auch zwei unscheinbare Symbole des Lebens.

Leicht zu übersehen ist im großen oberen Kreis rechts ein kleines Fischlein. Es erinnert an den Fisch, der bei der Speisung der 5000 ausgeteilt wurde und den Jesus als Auferstandener am See Tiberias mit seinen Jüngern aß. Das Fischsymbol ritzten verfolgte Christen in die Wände der Katakomben, in denen sie sich versteckten – denn die Anfangsbuchstaben des Wortes „I-CH-TH-Y-S“ = „Fisch“ im Griechischen waren ein Bekenntnis: „Jesus Christus, der Gottessohn, ist unser Retter.“

Noch etwas, was kaum auffällt: Von oben links fließt hinter der Gestalt des Christus eine Wasserquelle nach rechts unten.

Quellen lebendigen Wassers spielen in der Bibel eine wichtige Rolle, der Paradiesgarten wird von vier Flüssen durchflossen (1. Buch Mose – Genesis 2, 10-14), später musste Wüstenland bewässert werden (zum Beispiel Genesis 26, 19), ein junger Mann singt für seine Geliebte dieses Lied (Hohelied 4, 15):

Ein Gartenbrunnen bist du, ein Born lebendigen Wassers, das vom Libanon fließt.

Für den Propheten Jeremia 17, 13 ist Gott die Quelle des lebendigen Wassers und Jesus selbst sagt in Johannes 7, 38:

Wer an mich glaubt, wie die Schrift sagt, von dessen Leib werden Ströme lebendigen Wassers fließen.

Hier auf dem Bild sehen wir, wie die Offenbarung 22, 1 sagt,

einen Strom lebendigen Wassers, klar wie Kristall, der ausgeht von dem Thron Gottes und des Lammes.

W. Corbett, Sonata VI, Giga (Allegro Fuga)

8. Engel und Sterne

Mit der Quelle des lebendigen Wassers rundet sich das Bild. Wir waren ausgegangen vom Welten-Ei und der Sehnsucht nach unzerstörbarem Leben, von der roten Farbe der Liebe auf dem Hintergrund des golden leuchtenden Himmels. Einen letzten Blick tun wir nun in die Sphäre dieses Himmels mit seinen Engeln und Sternen:

Engel mit sechs FlügelnDie beiden Engel erinnern an die Serafim, die dem Propheten Jesaja 6, 2 bei seiner Berufung erscheinen:

2 Serafim standen über ihm; ein jeder hatte sechs Flügel: mit zweien deckten sie ihr Antlitz, mit zweien deckten sie ihre Füße, und mit zweien flogen sie.

So geheimnisvoll sind die Engel als Boten Gottes, dass sie vier Flügel brauchen, um sich zu verhüllen. Wie verborgen muss uns dann erst Gott selbst bleiben – soweit er sich nicht durch die Liebe Jesu offenbart! Anders haben wir Gott nicht, nicht im Schauen, nur im Vertrauen auf Christus.

Dass vom Himmel auch noch Sterne leuchten, scheint nichts Besonderes zu sein; dass es aber genau sieben sind, erinnert wieder an die Offenbarung des Johannes. Denn dort (1, 20) stehen sieben Sterne für die „Engel der sieben Gemeinden“, an die Gott bestimmte Botschaften richtet.

So mag Gott durch dieses Altarfenster auch an den Engel der Paulusgemeinde seine spezielle Botschaft richten: dass wir nicht müde werden, den zweifelnden Menschen in unserem Stadtteil den lebendigen Christus zu verkünden, dass wir Menschen aufrichten, die niedergedrückt sind, dass wir nicht aufhören, gemeinsam nach der Wahrheit zu fragen.

W. Corbett, Sonata VI, Fuga

9. Gedicht

Mit einem Gedicht von Gisela Schulz schließen wir die Bildmeditation:

Das Fenster in der Kirche ist
sehr farbenfroh, jedoch nicht bunt.
Im Mittelpunkt tut Jesus Christ
der Menschheit seine Botschaft kund.

In großem Kreisfeld – leuchtend rot –
steht er als der Erlöser da,
der für uns starb den Kreuzestod;
und Nägel schildern, was geschah.

Ein Bild zeigt Saulus ganz verstört,
als er – geblendet durch ein „Licht“ –
den Heiland vor Damaskus hört,
was ihn bekehrt zu neuer Sicht.

Wie er als Paulus in Athen
den Griechen Christi Botschaft sagt,
ist auch in einem Kreis zu sehn,
wenn hell die Morgensonne tagt.

Die Bilder sind vom Sternenzelt
zu einem Ganzen fest vereint,
durch das der Himmel auf die Welt
und den Altar goldfarben scheint.

Zwei Engel schaun vom Firmament
auf Paulus und sein Tun herab,
der dieser Kirche als Präsent
bedeutungsvoll den Namen gab.

Gehen Sie gesegnet nach Hause: Gott breite über Ihnen aus die Flügel seiner Engel, Gott umfange Sie mit seinen mütterlichen Armen, Gott stehe Ihnen zur Seite mit seiner väterlichen Stärke. Amen.

F. Mendelssohn-Bartholdy, Sonata III, Andante tranquillo

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.