Warum ließ er die im Stich, die ihn liebten?

Trauerfeier für einen jungen Mann, der sich das Leben nahm, ohne einen Abschiedsbrief zu hinterlassen.

Warum ließ er die im Stich, die ihn liebten? Das Bild zeigt in einem Kreis einen stilisierten Baum als Schattenriss mit zwei offenen Kreisen zwischen den Wurzeln und der Krone - im rechten Kreis hängt eine junge Frau, die sich erhängt hat

Was bedeutet es für die Angehörigen, wenn jemand sich umbringt? (Bild: Lohrelei – pixabay.com)

Unsere Hilfe steht im Namen des Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat.

Liebe Trauergemeinde!

Wir sind vom Tod betroffen. Wir müssen Abschied nehmen von Herrn L., der im Alter von [über 20] Jahren gestorben ist. Wir erinnern uns an ihn und denken an sein Leben. Wir versuchen, ihm gerecht zu werden, ihm die letzte Ehre zu erweisen.

Und wir denken über uns nach, über das, was wir empfinden, worüber wir grübeln, was uns aufwühlt, nicht zur Ruhe kommen lässt. Denn es ist schwer, mit all dem umzugehen, was in diesen Tagen auf uns eingestürmt ist: mit Bildern, die sich eingeprägt haben, mit Traurigkeit und Angst und vielleicht auch einem Stück Zorn, mit Schuldgefühlen und Machtlosigkeit.

Wir hören auch Worte der Bibel, Worte von Gott. Diese Beerdigung ist ein Gottesdienst, wir feiern ihn im Namen des Gottes, der alle Menschen liebt wie ein guter Vater, der unser Bruder wurde in Jesus, der uns nahe ist mit der Kraft seiner Liebe, gerade dann, wenn wir am Ende sind: Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Wir beten mit Worten aus einem alten Lied der Bibel, Psalm 77 (Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift © 1980 by Katholische Bibelanstalt GmbH, Stuttgart):

2 Ich rufe zu Gott, ich schreie, ich rufe zu Gott, bis er mich hört.

3 Am Tag meiner Not suche ich den Herrn; unablässig erhebe ich nachts meine Hände, meine Seele lässt sich nicht trösten.

4 Denke ich an Gott, muss ich seufzen; sinne ich nach, dann will mein Geist verzagen.

5 Du lässt mich nicht mehr schlafen; ich bin voll Unruhe und kann nicht reden.

6 Ich sinne nach über die Tage von einst, ich will denken an längst vergangene Jahre.

7 Mein Herz grübelt bei Nacht, ich sinne nach, es forscht mein Geist.

8 Wird der Herr mich denn auf ewig verstoßen und mir niemals mehr gnädig sein?

9 Hat seine [Liebe] für immer ein Ende?

10 Hat Gott seine Gnade vergessen, im Zorn sein Erbarmen verschlossen?

11 Da sagte ich mir: „Das ist mein Schmerz, dass die Rechte des Höchsten so anders handelt.“

12 Ich denke an die Taten des Herrn, ich will denken an deine früheren Wunder.

13 Ich erwäge all deine Werke und will nachsinnen über deine Taten.

14 Gott, dein Weg ist heilig. Wo ist ein Gott, so groß wie unser Gott?

15 Du allein bist der Gott, der Wunder tut.

Liebe Trauernde, im Vertrauen auf einen Gott, der Wunder tut, sind wir hier versammelt. Zugleich fragen wir uns, warum Gott nicht eingegriffen hat, als Herr L. sich selbst das Leben nahm. Gott ließ es zu, wir wissen nicht warum. „Mein Herz grübelt bei Nacht“, so betet der Mensch, der den Psalm 77 aufgeschrieben hat, „meine Seele lässt sich nicht trösten“. Was wir nicht begreifen, was uns zweifeln lässt an Gottes Güte, das dürfen wir im Gebet vor Gott bringen. Gott hört unsere Klage, auch wenn er scheinbar schweigt.

Reden hilft nicht immer, Worte können nicht den Schmerz wegnehmen, aber hier und heute ist es gut, bestimmte Dinge klar auszusprechen, sich zu erinnern, zu klagen, auszuhalten, was man fühlt, ein Stück Halt und neue Orientierung zu finden, zu wissen, dass man auf dem eigenen Weg in die Zukunft nicht ganz allein ist.

Erinnerungen an das Leben des Verstorbenen

Niemand hätte erwartet, dass er so plötzlich einfach aus diesem Leben geht, ohne Abschiedsbrief, ohne ein Anzeichen, dass irgend etwas nicht in Ordnung ist. Nicht zu fassen, dass seine Freundin nach Hause kam, und er war einfach tot.

In der Bibel steht der Satz (1. Samuel 16, 7):

Ein Mensch sieht, was vor Augen ist; der HERR aber sieht das Herz an.

Wir Menschen werden nicht erfahren, warum Herr L. das getan hat. War es Verzweiflung, seelischer Druck, das Gefühl von Sinnlosigkeit in seinem Leben? Hat er es geplant, oder war es eine Kurzschluss-Handlung? Man kann es nicht beantworten. Wir wissen nur, dass niemand es hätte verhindern können; er hat nicht einmal einen versteckten Hilferuf ausgesandt; er war offenbar in diesem Augenblick davon überzeugt, ich muss es tun.

Wir stehen machtlos vor dieser Tat, fassungslos, bestürzt und traurig. Wir sehen nur, was vor Augen ist; was in der Seele von Herrn L. vorgegangen ist, wissen wir nicht. Vor Augen war allen, die ihn kannten, ein ruhiger junger Mann. Es ist normal, wenn die Freundin mit dem Freund auch einmal meckert, und er gab keine böse Antwort. Er war meist gut gelaunt, er war nicht aggressiv. Niemand konnte ahnen, dass er sich selber so etwas antun würde.

Nur Gott blickt in sein Herz, er weiß, wie ihm zumute war, wonach er sich gesehnt hat, worunter er gelitten hat, warum ihm sein Leben zu viel wurde. Jetzt steht er auf der anderen Seite des Todes seinem Schöpfer gegenüber und ich bin mir sicher, Gott ist ebenfalls traurig über das, was er getan hat. „Warum hast du das getan?“, wird er ihn fragen. „Warum hast du dir nicht helfen lassen? Warum ist dir alles zu viel geworden? Weißt du nicht, wie traurig deine Angehörigen und Freunde sind, dass du sie einfach verlassen hast?“

Aber ebenso sicher bin ich, dass Gott ihn auch versteht; er wird ihn nicht verurteilen, er begegnet ihm mit Barmherzigkeit. Gott kennt ihn besser, als er sich selber gekannt hat, kennt alle seine Gedanken, alles Grübeln und alle Sorgen, alle Freude und alles Leid in seinem Leben. Gott sieht das Herz an und will nicht, dass ein Mensch, in dessen Herzen Liebe gewesen ist, verloren geht.

Wie gehen wir um mit dem, was in unseren Herzen ist? Alles war ich heute sagen, alles, was wir miteinander reden, kann den Schmerz nicht wegnehmen. Es tut weh, und es ist traurig, dass Herr L. gestorben ist und nicht mehr bei Ihnen ist. Diese Trauer muss getragen werden, und es wird viel Zeit vergehen, bis es einmal nicht mehr so weh tut. Es ist ein langer Weg, um innerlich Abstand zu gewinnen zu dem, was Ihr Herz jetzt fast zerreißt.

Aber nicht nur Trauer kann uns belasten nach so einem Tod. Auch andere Gefühle vermischen sich mit der Trauer, und das ist ganz normal.

Da ist die Angst vor der Zukunft. Jetzt müssen Sie allein, ohne den Freund, ohne den Sohn das Leben angehen und meistern. Traue ich mir das zu? Wird es gelingen? Wo finde ich Hilfe? Wichtig ist, dass Sie dabei nicht allein bleiben, dass Sie einander alle Hilfe geben, die Sie geben können. Und vor allem, dass Sie zusammenhalten und jetzt erst recht zum Leben Ja sagen.

Vielleicht empfinden Sie auch insgeheim ein wenig Zorn auf Herrn L. Darüber spricht man nicht gern, das gesteht man sich nicht ein. Darf man denn wütend sein auf einen, den man liebgehabt hat und der nun tot ist? Ich denke, es ist normal, auch wütend auf ihn zu sein. Wie konnte er Sie einfach im Stich lassen? Wenn jemand sich selbst das Leben nimmt, verletzt und trifft er damit immer auch die, die ihn geliebt haben. Ja, Liebe und Zorn schließen sich nicht aus. Wir sind oft gerade auf die zornig, die wir lieben, weil es uns nicht egal ist, was sie tun, weil wir möchten, dass sie sich ändern.

Natürlich ist es schwierig mit dem Zorn auf einen, der nun tot ist, der sich nicht mehr ändern kann. Was nützt es dann noch, sich aufzuregen? Ich denke, wer sich eingestehen kann, dass er zornig ist auf einen Verstorbenen, kann auf der anderen Seite seine Liebe zu ihm viel klarer und echter empfinden. „Ja, ich bin echt sauer auf dich! Ja, und ich habe dich lieb und ich vermisse dich so, und diese Liebe ist wichtiger als alles andere.“

Es ist aber auch aus einem anderen Grund gut, sich den Zorn nicht selber zu verbieten. Wer nicht zornig sein will, empfindet den Zorn insgeheim natürlich doch. Und wenn man ihn unterdrückt, dann richtet man ihn leicht gegen sich selbst. Man macht sich viel zu viele Vorwürfe, man ist zornig auf sich selbst, man gibt sich selbst eine Schuld, die man gar nicht hat.

Das ist nämlich auch noch ein Gefühl, das jeder empfindet, wenn ein geliebter Mensch sich das Leben nimmt: Man fühlt sich schuldig. Hätte man etwas tun können, um es zu verhindern? Hätte er mehr Hilfe gebraucht? Habe ich dazu beigetragen, dass er sich so verzweifelt fühlte?

Ich denke, es gab nichts, was Sie jetzt hätten tun können. Niemand hätte es verhindern können. Niemand wusste, was er vor hatte. Sie waren machtlos. Und sich machtlos fühlen, kann schlimmer sein, als sich schuldig zu fühlen. Zu sehen, dass man nichts hätte tun können, dass man erst recht jetzt nichts mehr ungeschehen machen kann. Das tut so weh, dass es oft kaum auszuhalten ist.

Auf der anderen Seite – wenn man zum Beispiel denkt: was wäre gewesen, wenn die ganze Familie zusammengeblieben wäre, vielleicht wäre er dann glücklicher gewesen? Dann grübelt man und überlegt, ob man vielleicht doch eine Mitverantwortung trägt für das, was geschehen ist.

Und hier ist es nun wichtig, dass wir uns klar machen: Gott sieht auch UNSER Herz an. Gott weiß, wie es hier drin aussieht. Und wenn wir wirklich Dinge getan haben, die nicht gut waren und die dazu beigetragen haben, dass Menschen unglücklich geworden sind, die wir lieben, dann können wir innerlich vor Gott sagen: „Gott, so etwas will ich nie wieder tun. Gott, gib mir noch eine Chance. Vergib mir.“

Und das Vertrauen auf Vergebung hilft uns, wirkliche Schuld auch wirklich hinter uns zu lassen und neu anzufangen. Die Vergangenheit können wir nicht ändern. Aber hier und jetzt und für die Zukunft können wir uns ändern, können wir etwas anders machen.

Das macht natürlich den Verstorbenen nicht wieder lebendig. Aber für Sie geht das Leben ja weiter, auch mit der Trauer und mit allen gemischten Gefühlen, die da sind. Es ist wichtig, dass Sie jetzt füreinander da sind und dass Sie alles tun, um Ihr eigenes Leben in den Griff zu bekommen. Und es ist keine Schande, wenn Sie dafür Hilfe brauchen und annehmen.

Was bleibt uns hier und jetzt zu tun? Wir müssen den verstorbenen Herrn L. loslassen. Sie konnten ihn nicht noch einmal sehen, aber wir haben uns mit Worten vor Augen geführt, wer er war und wie er war. So wie er war, können wir uns an ihn erinnern, sehr traurig und doch dankbar für alles, was er Ihnen bedeutet und was er Ihnen an Liebe gegeben hat. Amen.

Lasst uns beten:

Barmherziger Gott, wir vertrauen dir Herrn L. an, wir versuchen loszulassen, obwohl uns unendlich viel daran hindert. Trauern heißt: erinnern, danken, mit gemischten Gefühlen umgehen, um Vergebung bitten, loslassen. Hilf uns, diesen Weg bewusst zu gehen.

Wir werfen auf dich, was uns belastet. Gib, dass die schrecklichen Bilder aufhören, uns zu verfolgen. Nimm von uns die quälenden Gedanken, was wir hätten anders machen können. Befreie uns vom Grübeln und vom bohrenden Kreisen um uns selbst.

Es ist schwer genug, auszuhalten, was nicht zu ändern ist: Dass wir traurig sind über diesen Tod. Dass wir nicht die Macht hatten, ihn zu verhindern.

Auf dem langen Weg der Trauer begleite du uns, Gott, mit deinem Trost, mit der Gewissheit, dass du uns liebst und dass Herr L. in deiner Liebe gut aufgehoben ist. Schenke uns auch Menschen, denen wir uns anvertrauen können, wenn wir sie brauchen.

Hilf uns, nach vorn zu sehen und den eigenen Weg zu gehen. Hilf uns, für die Menschen da zu sein, die uns anvertraut sind.

Wir beten für den Toten und für uns mit Psalm 31 (Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift © 1980 by Katholische Bibelanstalt GmbH, Stuttgart – Vers 25 in eigener Übertragung):

2 Herr, ich suche Zuflucht bei dir. Lass mich doch nicht scheitern; rette mich in deiner Gerechtigkeit!

3 Wende dein Ohr mir zu, hilf mir bald! Sei mir ein schützender Fels, eine feste Burg, die mich rettet.

5 Du bist meine Zuflucht.

6 In deine Hände lege ich voll Vertrauen meinen Geist; du hast mich erlöst, Herr, du treuer Gott.

8 Du hast mein Elend angesehn, du bist mit meiner Not vertraut.

10 Herr, sei mir gnädig, denn mir ist angst; mein Auge ist trübe geworden vor Gram, matt meine Seele und mein Leib.

15 Ich vertraue dir, ich sage: «Du bist mein Gott.»

16 In deiner Hand liegt mein Geschick.

18 Herr, lass mich nicht scheitern, denn ich rufe zu dir.

23 Ich aber dachte in meiner Angst: Ich bin aus deiner Nähe verstoßen. Doch du hast mein lautes Flehen gehört, als ich zu dir um Hilfe rief.

25 Lasst euch trösten, ihr alle, die ihr für Hilfe offen seid.

Amen.

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