Gottes Wunder sehen anders aus

Wenn wir uns in der Trauer nicht trösten lassen wollen, helfen die Worte aus Psalm 77. Der diesen Psalm gebetet hat, kennt das Gefühl. Und zugleich erinnert er sich an Gottes Wunder. Warum sollten die nicht auch heute wieder geschehen?

Wunder Gottes sind anders: Wolken unterschiedlicher Farben und Formen hintereinander lassen die Sonne nur ein bisschen durchscheinen

Im Psalm werden Wunder Gottes auch am Himmel wahrgenommen (Bild: pixabay.com)

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. Amen.

Wir sind betroffen und bestürzt über den plötzlichen Tod von Frau F. Wir müssen Abschied nehmen von ihr, die im Alter von [über 60] Jahren gestorben ist. Es ist einfach noch nicht zu fassen; es wird Zeit brauchen, um das überhaupt zu begreifen: sie lebt nicht mehr. Es wird Zeit brauchen, um das Gefühl wirklich zulassen zu können: zu trauern, loszulassen, wie zerrissen zu sein zwischen gestern und morgen, zwischen dem, was war und was nie wieder sein wird. Und es braucht auch Zeit, damit mitten in der Traurigkeit auch wieder Hoffnung wachsen kann.

Ein Psalm der Bibel mag uns helfen, diesen Weg zu gehen: hin zur Trauer und hindurch durch den Schmerz und hin zur Hoffnung. Lasst uns beten mit den Worten aus Psalm 77:

2 Ich rufe zu Gott und schreie um Hilfe, zu Gott rufe ich, und er erhört mich.

3 In der Zeit meiner Not suche ich den Herrn; meine Hand ist des Nachts ausgereckt und lässt nicht ab; denn meine Seele will sich nicht trösten lassen.

4 Ich denke an Gott – und ich bin betrübt; ich sinne nach – und mein Herz ist in Ängsten.

5 Meine Augen hältst du, dass sie wachen müssen; ich bin so voll Unruhe, dass ich nicht reden kann.

6 Ich gedenke der alten Zeit, der vergangenen Jahre.

7 Ich denke und sinne des Nachts und rede mit meinem Herzen, mein Geist muss forschen.

8 Wird denn der Herr auf ewig verstoßen und keine Gnade mehr erweisen?

9 Ist‘s denn ganz und gar aus mit seiner Güte, und hat die Verheißung für immer ein Ende?

10 Hat Gott vergessen, gnädig zu sein, oder sein Erbarmen im Zorn verschlossen?

11 Ich sprach: Darunter leide ich, dass die rechte Hand des Höchsten sich so ändern kann.

12 Darum denke ich an die Taten des HERRN, ja, ich denke an deine früheren Wunder

13 und sinne über alle deine Werke und denke deinen Taten nach.

14 Gott, dein Weg ist heilig. Wo ist ein so mächtiger Gott, wie du, Gott, bist?

15 Du bist der Gott, der Wunder tut, du hast deine Macht bewiesen unter den Völkern.

16 Du hast dein Volk erlöst mit Macht, die Kinder Jakobs und Josefs.

17 Die Wasser sahen dich, Gott, die Wasser sahen dich und ängstigten sich, ja, die Tiefen tobten.

18 Wasser ergossen sich aus dem Gewölk, die Wolken donnerten, und deine Pfeile fuhren einher.

19 Dein Donner rollte, Blitze erhellten den Erdkreis, die Erde erbebte und wankte.

20 Dein Weg ging durch das Meer und dein Pfad durch große Wasser; doch niemand sah deine Spur.

21 Du führtest dein Volk wie eine Herde durch die Hand des Mose und Aaron.

Lieber Herr F., liebe Angehörige der Verstorbenen, liebe Trauergemeinde!

Am Montag hat Frau F. noch einen ihrer geliebten Ausflüge gemacht; am Dienstag musste sie sterben, niemand hätte es vorher gedacht, so plötzlich kann die gesamte Reise unseres Lebens an seinem Ende angelangt sein.

Wenn Sie in diesen Tagen miteinander reden – auch als wir miteinander sprachen, um diese Feier vorzubereiten – dann fehlen oft die Worte, um das wirklich Wichtige auszudrücken, das, was in uns vorgeht, was wir selbst gar nicht recht fassen können, was wir manchmal auch gar nicht wirklich fühlen wollen, weil es einfach zu sehr weh tut. Manchmal sind Gesten und Zeichen dann wichtiger als Worte, dass man sich einfach die Hand gibt, in den Arm nimmt, dass man sich der Tränen nicht schämt, dass man spürt, wann es Zeit ist zu reden und wann es Zeit ist zu schweigen.

Und doch kann es hilfreich sein, auch Worte zu hören, die nicht leer sind, die den Schmerz nicht wegdrängen wollen, sondern ihm Raum geben, und die zugleich eine Ahnung davon vermitteln, dass wir im Traurigsein doch nicht ganz verlassen sind.

Solche Worte enthält der Psalm, den wir eben gehört haben. „Meine Seele will sich nicht trösten lassen“, klagt der Dichter dieses Psalms, „mein Herz ist in Ängsten…, ich bin so voll Unruhe, dass ich nicht reden kann.“

Und im gleichen Augenblick weiß er doch einen Ort, wo er hin kann mit seiner Trostlosigkeit, mit seiner Angst, mit seiner Unruhe. „Ich rufe zu Gott“, sagt er, „und schreie um Hilfe… In der Zeit meiner Not suche ich den Herrn; meine Hand ist des Nachts ausgereckt und lässt nicht ab.“

So wie ein Kind die Arme nach der Mutter ausstreckt, wenn es lieb gehalten und getröstet werden will, so wagt es die Seele dieses Menschen, sich dem Gott anzuvertrauen, der zwar für die Augen unsichtbar ist, der aber als eine unendlich große, liebevolle Kraft die ganze Welt durchdringt und umschließt.

Der diesen Psalm betet, weiß genau, dass der Glaube an Gott nicht alle Probleme beseitigt, dass durch ein Gottvertrauen nicht einfach der Schmerz der Traurigkeit weggewischt wird. „Ich denke an Gott – und ich bin betrübt“, stellt er fest. Ja, er hält Gott sogar vor, dass er selbst ihn nicht zum Schlafen kommen lässt: „Meine Augen hältst du, dass sie wachen müssen.“ Und doch ist er tief in seinem Herzen davon überzeugt, dass Gott ihm zuhört und ihn nicht im Stich lassen wird: „Zu Gott rufe ich, und er erhört mich.“

Und gerade weil er sich dessen gewiss ist, kann er sich auch klarmachen, was geschehen ist, braucht er die Augen vor der Wirklichkeit nicht zu verschließen. Er denkt zurück, an das, was gewesen ist: „Ich gedenke der alten Zeit, der vergangenen Jahre.“ Auch wir tun das heute, wir denken zurück; denn am Ende eines Menschenlebens erinnern wir uns, wie dieser Mensch gelebt hat, wie er gewesen ist, wie wir ihm begegnet sind. Wir machen uns klar, was uns dieser Mensch bedeutet hat, das tut zwar weh, aber es ist notwendig, um wirklich Abschied nehmen zu können.

Erinnerungen an das Leben der Verstorbenen

Frau F. war für ihre Familie da, und außerdem stand sie immer im Mittelpunkt des Dorflebens. Zumindest unter den „alten“ Ortseinwohnern gibt es niemanden, der Frau F. nicht gekannt hätte. Sie war lebenslustig, sie ging aktiv auf die Menschen und alle Herausforderungen zu, und sie liebte es, zu feiern und zu verreisen.

Alles in allem können wir sagen: Das ist ein erfülltes Leben. Erfüllt mit Arbeit, und doch auch mit einer großen Portion Glück – in der Familie, in der beruflichen Entfaltung, in der Klugheit, mit der sie ihr Leben meisterte, in der Beliebtheit, der sie sich im Dorf erfreute. Das sind durchaus Gründe, um dankbar zu sein – dankbar für das, was ihr im Leben geschenkt war, und dankbar für das, was jeder einzelne wiederum ihr geben und bedeuten konnte.

Doch nun ist das alles mit einem Schlag zu Ende, abgebrochen, vorbei. Und das gibt unserem Nachdenken heute eine traurige Richtung. Ähnlich war es damals auch dem Dichter unseres Psalms gegangen, und er kommt ins Grübeln: „Ich denke und sinne des Nachts und rede mit meinem Herzen, mein Geist muss forschen. Wird denn der Herr auf ewig verstoßen und keine Gnade mehr erweisen? Ist’s denn ganz und gar aus mit seiner Güte, und hat die Verheißung für immer ein Ende? Hat Gott vergessen, gnädig zu sein, oder sein Erbarmen im Zorn verschlossen? Ich sprach: Darunter leide ich, dass die rechte Hand des Höchsten sich so ändern kann.“

Wer das nicht selbst erlebt hat, kann kaum ermessen, was das bedeutet: so plötzlich diese Frau hergeben zu müssen, die man so geliebt hat, mit der man sich so sehr verbunden gefühlt hat, die doch einfach immer da war. Bedeutet das, dass nun alles aus ist? Manchmal fragt man sich: Warum werde ich so gestraft? Gott selbst kann einem auch fremd werden in schweren Zeiten, Not lehrt nicht immer nur Beten.

Doch der Dichter des Psalms leitet uns nicht nur an, unsere traurigen Empfindungen zu spüren bis hin zu Verzweiflung und Ausweglosigkeit – nein, er führt uns auch auf einen Weg der Hoffnung. Er denkt nicht nur an das Schöne, was war und was nun nicht mehr ist, er denkt auch daran, wie Gott früher schon einmal geholfen hat, und zwar gerade dann, wenn Menschen am Ende waren.

„Darum denke ich an die Taten des HERRN“, betet der Psalmdichter, „ja, ich denke an deine früheren Wunder und sinne über alle deine Werke und denke deinen Taten nach. Gott, dein Weg ist heilig. Wo ist ein so mächtiger Gott, wie du, Gott, bist? Du bist der Gott, der Wunder tut…“

Wir tun uns heute schwer damit, an Gottes Wunder zu glauben. Wir denken dabei auch immer an irgendwelche großartigen Ereignisse, die dann am nächsten Tag in der Zeitung stehen müssten. Aber in Wirklichkeit geht es bei den Wundern Gottes gar nicht darum, dass die von Gott geschaffenen Naturgesetze plötzlich nicht mehr gelten. Nein, Gottes Wunder sehen anders aus.

Zum Beispiel so, dass er uns hindurchführt durch große Traurigkeit zu neuer Hoffnung und sogar dahin, dass wir uns irgendwann auch wieder freuen können. Ein Wunder ist es auch, wenn wir Vertrauen zueinander haben und das Gefühl: einer lässt den anderen nicht allein, gerade jetzt in der Traurigkeit. Ein Wunder ist es, wenn wir sagen können: Im Tod versinken wir nicht im Abgrund des Nichts, sondern unser Leben wird vollendet in Gott.

Frau F.s Körper, der in diesem Sarg liegt, wird zwar in die Erde gelegt und wird im Lauf der Zeit selber zu Staub und Erde werden, aber all das, was sie war mit Leib und Seele, ihr Wesen, ihr Fühlen, ihre Liebe, ihre Hoffnung, all das geht nicht verloren im Tod. Unsichtbar für unsere Augen ist sie bei Gott, und wir können heute nichts Besseres und Schöneres tun, als sie wirklich ganz bewusst Gott anzuvertrauen.

Wenn wir vom Tod getroffen wurden, fällt es schwer, von Vertrauen und Zuversicht zu reden. Es ist wirklich ein Wunder, wenn wir in dem riesigen Meer von Traurigkeit nicht untergehen. So viele Tränen wollen fließen, zum Teil sitzen sie auch fest und lösen sich nicht, oft trauen wir uns auch nicht, zu weinen, weil wir denken, Verzweiflung könnte uns überschwemmen. Alle Gefühle sind in Aufruhr, so wie draußen das Wetter am Todestag von Frau F. Aber im Vertrauen auf Gott können wir allem standhalten, was uns so sehr Angst macht.

Der Psalmdichter beschreibt mit gewaltigen Bildern aus der Natur, wie Gott stärker ist auch als der größte Aufruhr unserer Gefühle: „Die Wasser sahen dich, Gott, die Wasser sahen dich und ängstigten sich, ja, die Tiefen tobten. Wasser ergossen sich aus dem Gewölk, die Wolken donnerten, und deine Pfeile fuhren einher. Dein Donner rollte, Blitze erhellten den Erdkreis, die Erde erbebte und wankte. Dein Weg ging durch das Meer und dein Pfad durch große Wasser; doch niemand sah deine Spur. Du führtest dein Volk wie eine Herde durch die Hand des Mose und Aaron.“

Ja, Gott führt auch uns wie eine Herde von Tieren, die sich ihrem Hirten anvertrauen. Er nimmt Frau F. auf in sein unsichtbares Reich im Himmel, und uns begleitet er unsichtbar hier auf der Erde und lässt uns nie allein. Und er schenkt uns Menschen, die für uns da sind, damit wir auch einen schweren Weg bewältigen können. Amen.

Wir beten mit den Worten eines alten Kirchenliedes (EG 361, 1+12):

1. Befiehl du deine Wege und was dein Herze kränkt der allertreusten Pflege des, der den Himmel lenkt. Der Wolken, Luft und Winden gibt Wege, Lauf und Bahn, der wird auch Wege finden, da dein Fuß gehen kann.

12. Mach End, o Herr, mach Ende mit aller unsrer Not; stärk unsre Füß und Hände und lass bis in den Tod uns allzeit deiner Pflege und Treu empfohlen sein, so gehen unsre Wege gewiss zum Himmel ein.

Amen.

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