Die Unterseite des Himmels

Zur Trauerfeier für einen Mann, der nach einem reich erfüllten Leben gestorben ist, gehe ich auf eine faszinierende Geschichte aus dem 2. Buch Mose ein – wie der Gott Israels sich von den Ältesten des Volkes sehen lässt.

Die Unterseite des Himmels: Eine gewaltige Hängebrücke scheint direkt in den tiefblauen Himmel zu führen

Gibt es eine Brücke, die in den Himmel Gottes führt? (Bild: Falkenpost – pixabay.com)

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. Amen.

Liebe Gemeinde, wir sind hier zusammengekommen, um von Herrn W. Abschied zu nehmen, der im Alter von [über 80] Jahren gestorben ist.

Wir erinnern uns an sein Leben. Wir begleiten einander auf dem Weg der Trauer. Wir besinnen uns auf den Gott, von dem unser Leben herkommt und zu dem es im Tode zurückkehrt.

Wir hören Worte aus dem Psalm 37:

3 Hoffe auf den HERRN und tu Gutes, bleibe im Lande und nähre dich redlich.

5 Befiehl dem HERRN deine Wege und hoffe auf ihn, er wird‘s wohl machen

6 und wird deine Gerechtigkeit heraufführen wie das Licht und dein Recht wie den Mittag.

7 Sei stille dem HERRN und warte auf ihn. Entrüste dich nicht über den, dem es gut geht, der seinen Mutwillen treibt.

8 Steh ab vom Zorn und lass den Grimm, entrüste dich nicht, damit du nicht Unrecht tust.

16 Das Wenige, das ein Gerechter hat, ist besser als der Überfluss vieler Gottloser.

23 Von dem HERRN kommt es, wenn eines Mannes Schritte fest werden, und er hat Gefallen an seinem Wege.

24 Fällt er, so stürzt er doch nicht; denn der HERR hält ihn fest an der Hand.

26 Er ist allezeit barmherzig und leiht gerne, und sein Geschlecht wird zum Segen sein.

Wir singen aus dem Lied 362 die Strophen 1 bis 3:

1. Ein feste Burg ist unser Gott, ein gute Wehr und Waffen. Er hilft uns frei aus aller Not, die uns jetzt hat betroffen. Der alt böse Feind mit Ernst er‘s jetzt meint; groß Macht und viel List sein grausam Rüstung ist, auf Erd ist nicht seinsgleichen.

2. Mit unsrer Macht ist nichts getan, wir sind gar bald verloren; es streit‘ für uns der rechte Mann, den Gott hat selbst erkoren. Fragst du, wer der ist? Er heißt Jesus Christ, der Herr Zebaoth, und ist kein andrer Gott, das Feld muss er behalten.

3. Und wenn die Welt voll Teufel wär und wollt uns gar verschlingen, so fürchten wir uns nicht so sehr, es soll uns doch gelingen. Der Fürst dieser Welt, wie sau‘r er sich stellt, tut er uns doch nicht; das macht, er ist gericht‘: ein Wörtlein kann ihn fällen.

Liebe Trauergemeinde!

Der Psalm der Bibel und das Lied aus dem Gesangbuch sind von der Überzeugung getragen, dass wir gut daran tun, die Wege unseres Lebens dem Gott anzubefehlen, der sich zuerst dem Volk Israel und dann durch Jesus Christus aller Welt offenbart hat. Dieser Gott hält uns und trägt uns durch alle Höhen und Tiefen unseres Lebens hindurch, und er lässt uns auch nicht fallen, wenn wir sterben. Mit dieser Zuversicht im Herzen blicken wir heute auf das Leben des Verstorbenen zurück.

Erinnerungen an das Leben des Verstorbenen

Seine Lebenseinstellung war grundsätzlich positiv. Er war Ihnen ein Vorbild, indem er, was auch immer geschah, nie zu kämpfen aufhörte, seinen Lebensmut und seine Zuversicht nicht verlor. Obwohl er immer wieder schwer krank war, gab er sich selber nie auf.

Mit seinem Tod ging ein von Arbeit und Liebe erfülltes Leben zu Ende. Nun gilt es, für alle Verwandten und Freunde, für alle, die ihn geliebt haben, ihn loszulassen, von ihm Abschied zu nehmen, den Weg der Trauer zu gehen.

Sie, lieber Herr W., haben mir erzählt, wie Sie am Abend, als Ihr Vater gestorben war, im Einschlafen von ihm träumten: Sie sahen ihn über eine silberne Brücke gehen, von der grünen Erde hinüber in einen blauen Bereich auf der anderen Seite. Dieser wunderbare Traum hat mich an einen Bibeltext erinnert, der mich schon lange fasziniert. Er spielt sich auf dem Berg Sinai ab und steht im 2. Buch Mose – Exodus 24, 9-11:

9 Da stiegen Mose und Aaron, Nadab und Abihu und siebzig von den Ältesten Israels hinauf

10 und sahen den Gott Israels. Unter seinen Füßen war es wie eine Fläche von Saphir und wie der Himmel, wenn es klar ist.

11 Und er reckte seine Hand nicht aus wider die Edlen Israels. Und als sie Gott geschaut hatten, aßen und tranken sie.

Eigentlich kann niemand den Gott Israels sehen, kein Bild kann und darf man sich von ihm machen; hier lässt Gott sich trotzdem von den Edlen des Gottesvolkes sehen, ohne dass es ihnen schadet. Es ist wahrscheinlich kein Zufall, dass dieses „Sehen“ Gottes auf DEM Berg geschieht, auf dem die Israeliten die Zehn Gebote bekommen, denn es macht Sinn, dass wir Gott schauen dürfen in der Wegweisung, die er uns gibt, die das Volk Israel und durch Jesus Christus auch die Menschheit in die Freiheit führt.

Hier und heute interessiert mich an dieser kleinen und doch so großartigen Geschichte das Farbenspiel, das da beschrieben wird. Es wird ja keineswegs erzählt, wie Gott aussieht; das geht bei dem Gott nicht, der größer ist als das All und der sich doch für seine kleinen Geschöpfe interessiert. Beschrieben wird, wie es unter den Füßen Gottes aussieht; die Edlen Israels sehen sozusagen die Unterseite des Himmels wie eine mit kostbarem Saphir ausgelegte blaue Fläche.

In die blaue Sphäre dieses Himmels hinein haben Sie Ihren Vater gehen sehen, und dass er über eine silberne Brücke geschritten ist, passt zu ihm als dem Brückenbauer, der er war.

Wie schon die Israeliten damals Gott nicht direkt sehen konnten, sondern nur die Unterseite des Himmels, so können auch wir den Verstorbenen nur entschwinden sehen; wie es dort aussieht, wohin er gegangen ist, das wissen auch wir nicht. Im Vertrauen auf das Wort der Bibel können wir aber gewiss sein, dass ihn Gott mit Ehren annimmt, dass er in die ewige Ruhe und Erfüllung eingeht. In dieser Zuversicht können wir Herrn W. getrost loslassen. Wir vertrauen ihn den liebevollen Händen Gottes an. Amen.

Aus dem Lied 331 singen wir die Strophen 5, 7 und 11:

5. Dich, Gott Vater auf dem Thron, loben Große, loben Kleine. Deinem eingebornen Sohn singt die heilige Gemeinde, und sie ehrt den Heilgen Geist, der uns seinen Trost erweist.

7. Durch dich steht das Himmelstor allen, welche glauben, offen; du stellst uns dem Vater vor, wenn wir kindlich auf dich hoffen; du wirst kommen zum Gericht, wenn der letzte Tag anbricht.

11. Herr, erbarm, erbarme dich. Lass uns deine Güte schauen; deine Treue zeige sich, wie wir fest auf dich vertrauen. Auf dich hoffen wir allein: lass uns nicht verloren sein.

Wir beten den Psalm 23 von Gott, dem Guten Hirten, in einer eigenen Übertragung, für Herrn W. und für alle, die um ihn trauern:

Gott ist bei mir,
darum bin ich getrost
und voller Zuversicht.

Mir wird nichts mangeln.
Ich habe, was ich brauche.

Ich lasse mich leiten
auf dem rechten Weg,
auch wenn die Versuchung groß ist,
schwach zu werden.

Wenn ich traurig bin,
finde ich Trost,
auch in den dunkelsten Zeiten
meines Lebens.

Ein Tisch
bleibt für mich gedeckt,
sogar wenn ich Feindschaft erlebe.

Und vor Gott bin ich ein wertvoller,
geachteter Mensch,
der mir die volle Erfüllung
meines Lebens gönnt,
statt mir den Becher
nur halbvoll einzuschenken.

Wenn ich so mein Leben betrachte,
mit dankbarem Herzen,
dann nehme ich wahr,
dass ich nicht nur Böses,
sondern auch Gutes erfahre,
dass die Welt nicht nur
voll von Enttäuschungen
und Betrug ist.

Nein, es gibt Barmherzigkeit
auch für mich, mein Leben lang.

Am Ende nimmt mich der Gott,
dem ich vertraue, mit Ehren an:
Ich darf mir den Himmel vorstellen
wie ein Haus mit vielen Wohnungen.

Da werde ich ewig leben,
ruhig und im Frieden.

Großer Gott, wir danken dir für das Leben von Herrn W., besonders für alles Glück, für alle Erfüllung und alle Bewahrung, die du ihn hast erfahren lassen. Wir danken dir für deine Güte, die darin liegt, dass du uns unser kostbares Leben geschenkt hast, und die wir erst recht in der Liebe erfahren, die wir empfangen und geben.

Unsere Trauer bringen wir vor dich, Gott, doch wir danken dir auch: für alles Gute, das du uns erwiesen hast mit dem Leben des Verstorbenen; für die Kraft, die du uns gibst, um auch das Schwere zu tragen.

Ein Leben, das wir in Liebe führen, ist erfüllt von Glück; und durch Jesus Christus hilfst du uns, die Zeit zu bestehen in Verantwortung vor dir und die Ewigkeit zu gewinnen. Amen.

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