Die Trauer aushalten nach plötzlichem Kindstod

Der plötzliche Tod eines kleinen Kindes – wie sollen die Eltern, die Angehörigen, die Freunde damit fertig werden? Es gibt keinen Sinn in diesem Geschehen – gibt es Trost in Worten der Bibel?

Plötzlicher Kindstod: Eine Wiege mit Teddy vor einem dunklen Grabstein

Plötzlicher Kindstod – wo gibt es Trost für die Eltern? (Bild: pixabay.com)

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Wir sind erschüttert, schockiert, tief betroffen. Wir können den Schmerz noch nicht ganz fassen, den Verlust, der uns getroffen hat. Wir müssen N. begraben, der nur wenige Monate alt werden durfte.

Wir leben miteinander, wir leben uns auseinander, wir leben mit Konflikten beieinander. Wir sprechen miteinander, wir reden übereinander, wir reden nebeneinander her. Jeder hat seinen Platz in unserem Leben, in unseren Gesprächen, es geht mal auf und mal ab. Und da ist nun ein totes Kind, und es ändert alles: Unwiderruflich vorbei ist jede Möglichkeit, dem Kind noch etwas Gutes zu tun. Wo wir an N. gehangen haben, bleiben Wunden zurück. Wo wir uns über ihn gefreut haben, sehen wir nun nur eine abgeschnittene Zukunft. Wo wir an ihm etwas versäumt haben, können wir nichts mehr gut machen.

Wir suchen nach Trost, der dem Tod gewachsen ist, nach Vergebung, die es mit unserer Schuld aufnehmen kann, nach neuem Mut, der uns die Angst vor den Anforderungen des Lebens überwinden hilft.

Gott, wir beten zu dir mit den Worten eines Liedes aus der hebräischen Bibel, dem Psalm 139:

1 HERR, du erforschest mich und kennest mich.

2 Ich sitze oder stehe auf, so weißt du es; du verstehst meine Gedanken von ferne.

3 Ich gehe oder liege, so bist du um mich und siehst alle meine Wege.

4 Denn siehe, es ist kein Wort auf meiner Zunge, das du, HERR, nicht schon wüsstest.

5 Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir.

6 Diese Erkenntnis ist mir zu wunderbar und zu hoch, ich kann sie nicht begreifen.

7 Wohin soll ich gehen vor deinem Geist, und wohin soll ich fliehen vor deinem Angesicht?

8 Führe ich gen Himmel, so bist du da; bettete ich mich bei den Toten, siehe, so bist du auch da.

9 Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer,

10 so würde auch dort deine Hand mich führen und deine Rechte mich halten.

11 Spräche ich: Finsternis möge mich decken und Nacht statt Licht um mich sein -,

12 so wäre auch Finsternis nicht finster bei dir, und die Nacht leuchtete wie der Tag. Finsternis ist wie das Licht.

13 Denn du hast meine Nieren bereitet und hast mich gebildet im Mutterleibe.

14 Ich danke dir dafür, dass ich wunderbar gemacht bin; wunderbar sind deine Werke; das erkennt meine Seele.

17 Aber wie schwer sind für mich, Gott, deine Gedanken! Wie ist ihre Summe so groß!

23 Erforsche mich, Gott, und erkenne mein Herz; prüfe mich und erkenne, wie ich‘s meine.

24 Und sieh, ob ich auf bösem Wege bin, und leite mich auf ewigem Wege.

Liebes Ehepaar P., liebe Angehörige und Freunde von N. und seinen Eltern!

In diesen Tagen ist viel gesprochen und gefragt, untersucht und beraten worden. Als erstes will ich Ihnen heute sagen: Sie haben Menschen, die Sie nicht allein lassen, nachdem Ihr N. gestorben ist. Sie haben Verwandte und Freunde, die zu Ihnen stehen.

Es ist nun heute auch nicht leicht, mitten zwischen Gesprächen und Dingen, die getan werden müssen, nun die Ruhe zu finden, um Abschied von dem kleinen N. zu nehmen.

Ich möchte diese Ansprache unter das Wort aus Psalm 121, 7 stellen:

Der HERR behüte dich vor allem Übel, er behüte deine Seele.

Wenn wir diesen Vers ernst nehmen und ihm bei der Trauerfeier für ein Kind lesen, das den schrecklichen plötzlichen Kindstod gestorben ist – müssen wir dann nicht zornig werden und anklagen? Anklage erheben gegenüber Gott, der N. eben nicht vor allem Übel bewahrt hat? Ich denke an Hiob, den berühmt gewordenen Leidenden der Bibel, der seine Kinder verloren hat und Gott voller Enttäuschung und Verzweiflung und Wut entgegentritt, der uns daran erinnert, dass Gott oft unbegreiflich handelt und grausame Dinge zulässt, dass Gott unsere persönliche Geschichte wie die Weltgeschichte nicht wie in einem Marionettentheater an unsichtbaren Fäden zum Happy-End führt. Vielleicht ist Klage manchmal die einzige Art, zu Gott noch einen Zugang zu finden, wenn andere Arten des Glaubens nur um den Preis zu haben sind, dass wir einen Teil unserer Gefühle verdrängen.

Und ich denke auch an Jesus, der mit der Klage gestorben ist (Markus 15, 34):

Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?

Er macht den Widerspruch noch deutlicher, der in Gott selbst nicht aufgelöst ist: denn in Jesus sehen wir ja Gott, wie er sich uns zu erkennen gegeben hat, als Sohn eines Vaters, der sein Leiden und Sterben zulässt. Und um Jesu willen hatte der angsterfüllte König Herodes viele kleine Kinder umbringen lassen, weil er ihn schon im Kindesalter hatte treffen wollen.

Ich möchte diesen Widerspruch nicht auflösen, indem ich uns einen billigen Trost zurechtmache und sage, dass vielleicht doch ein Sinn in N.s Tod liege oder dass er es jetzt gut habe – nein, ich lasse das Grausame und Sinnlose so stehen, wie es ist, und sage uns TROTZDEM dieses Wort als Trost (Psalm 121, 7):

Der HERR behüte dich vor allem Übel, er behüte deine Seele.

Diesen Widerspruch können wir aushalten, wenn wir daran denken, wer dieser Herr ist. Es ist der Herr, der selber gelitten hat und verlassen war. Es ist der Herr, der auferstanden ist, der also gerade als der Leidende der eigentlich Mächtige ist, gerade als der Schwache der eigentlich Starke, gerade als der Hingerichtete der eigentlich Lebendige. Wenn wir an diesen Herrn denken, können wir N. nun loslassen, ohne uns Gedanken zu machen über den Sinn seines Todes, ohne darüber zu spekulieren, was jetzt mit ihm ist. Wir können zurückdenken, was wir mit N. erlebt haben in seinem kurzen Leben, wofür wir dankbar gewesen sind und was uns Sorgen gemacht hat, womit er uns Freude gemacht hat und wie wir ihn Liebe und Zuwendung haben spüren lassen. Wir können vorausdenken, was sein wird, wenn wir merken, wo N. uns fehlt, wenn wir traurig werden darüber, dass er nicht mit unseren anderen Kindern spielen wird. Dieser Trauer können wir nicht ausweichen, wohl können wir ihr standhalten.

Dass der Herr uns behütet, ist auch eine Ermutigung für uns, wenn wir uns wieder vor den Anforderungen des Alltags sehen oder vor schweren Herausforderungen, vor die wir gestellt werden. Wir brauchen uns nicht vor Dingen, die uns Angst machen, zu schützen, indem wir uns zurückziehen, einen Schutzwall vor uns aufrichten oder unsere Verantwortung an andere abgeben. Es gibt andere Möglichkeiten, behütet zu bleiben.

Ich will mit einem Text schließen, den Dietrich Bonhoeffer, der später als Widerstandskämpfer gegen Hitler hingerichtet wurde, im Gefängnis geschrieben hat, an der Jahreswende 1942/43:

Ich glaube, dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will. Dafür braucht er Menschen, die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen. Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage so viel Widerstandskraft geben will, wie wir brauchen. Aber er gibt sie nicht im Voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern allein auf ihn verlassen. In solchem Glauben müsste alle Angst vor der Zukunft überwunden sein. Ich glaube, dass auch unsere Fehler und Irrtümer nicht vergeblich sind und dass es Gott nicht schwerer ist, mit ihnen fertig zu werden, als mit unseren vermeintlichen Guttaten. Ich glaube, dass Gott kein zeitloses [Schicksal] ist, sondern dass er auf aufrichtige Gebete und verantwortliche Taten wartet und antwortet.

Gott, wir beten zu dir und fragen und klagen vor dir: worin liegt der Sinn dieses frühen Todes? worin der Sinn, dass du uns in Trauer stürzst? Denn du willst doch nicht den Tod, sondern das Leben, nicht Gleichgültigkeit, sondern Liebe zu jedem Menschen, auch zu dem kleinsten Kind, nicht rasche Besänftigung unserer Gefühle, sondern das allmähliche Wachsen eines inneren Friedens, der höher ist als unsere Vernunft.

Gott, du rätselhafter und doch so naher Gott, du wirst uns den Sinn des Todes von N. nicht aufdecken. Doch du lässt uns nicht allein mit unseren Gefühlen von Trauer, Ohnmacht, Schuld, Wut und Angst. Du hältst es aus, dass wir diese Gefühle dir gegenüber ausdrücken, und bleibst dabei uns nahe mit deiner Liebe. Du weiß, dass wir auch Menschen brauchen, vor denen wir uns mit unseren Gefühlen nicht verstecken müssen. Wir brauchen es, zu zeigen, was in uns vorgeht, ohne fertig gemacht zu werden, ohne jemanden zu verletzen, ohne uns oder andere zu überfordern. Gott, schenke uns neues Vertrauen zu Menschen, die es gut mit uns meinen.

Wir brauchen Menschen, die uns ernst nehmen, denen wir vertrauen können, echte Freunde, die mit uns fühlen, die uns aber auch harte Wahrheiten offen sagen. Amen.

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