Meer und Wasserquellen

Angesichts der Herausforderung durch so viele Flüchtlinge mitten im Wohnzimmer unseres Landes höre ich mit dem Kirchenvorstand auf Worte aus der Bibel, die von der Schöpfung handeln – und von der Liebe zu den Fremden.

Das Meer - schäumende Wellen am Strand

Das Meer spielt eine wichtige Rolle in den biblischen Schöpfungserzählungen (Bild: Pexels – pixabay.com)

Andacht im Kirchenvorstand der Evangelischen Paulusgemeinde Gießen am Dienstag, 8. Dezember 2015

Liebe Kirchenvorstandsmitglieder, zur heutigen Andacht schaue ich wieder in die Herrnhuter Losungen und finde mitten im Advent zwei Verse, in denen es um die Schöpfung Gottes geht (Psalm 102, 26 und Offenbarung 14, 7):

Du hast vorzeiten die Erde gegründet, und die Himmel sind deiner Hände Werk.

Betet an den, der gemacht hat Himmel und Erde und Meer und die Wasserquellen.

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber meine Grundstimmung ist in den letzten Wochen von einer Mischung aus Sorge und Zuversicht geprägt. Das hat mit der Herausforderung zu tun, die mit so vielen Flüchtlingen buchstäblich nicht mehr nur vor der Tür, sondern mitten im Wohnzimmer unseres Landes steht. Das hat auch mit der Furcht vor Terroranschlägen zu tun, die wiederum mit der ungeklärten Frage zusammenhängt, wie man den Ursachen von Terror wirksam begegnen kann. Aber letzten Endes ist es die Sorge, ob die Stimmung auch in unserem Land wie zur Zeit bereits in Frankreich politisch nach rechts abdriften kann – weg von einer vernünftigen Diskussion über Streitfragen, hin zu einer hasserfüllten Abwehr gegen alles Fremde.

Und auf meinem Schreibtisch liegt ein Flyer der Vereinigten Evangelischen Mission mit einem Zitat aus der Bibel (3. Buch Mose – Levitikus 19, 34):

Du sollst den Fremdling lieben wie dich selbst.

Egal wie schwerwiegend die Probleme der Politik in Deutschland und in der Welt sind, dieser Satz steht direkt neben dem Satz (3. Buch Mose – Levitikus 19, 18):

Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.

Der Fremde ist dem Nächsten gleichgestellt.

Egal wie viele Sorgen wir uns um uns selbst und unser Land machen: Gleichgültigkeit und Hass sind keine Lösung. Liebe im Sinne von Menschlichkeit und Klarheit im Umgang miteinander ist von uns gefordert.

Aber wer fordert uns so heraus? Es ist der Gott, der Himmel und Erde gemacht hat. Unser Glaube bindet sich an die Macht, die „vorzeiten die Erde gegründet hat“. Vor aller Zeit, anders gesagt, als es noch keine Zeit gab, da war schon Gott als die Macht, die der Grund unserer Welt ist. Merkwürdig klingt für unseren naturwissenschaftlich geschulten Verstand, dass im Psalm die Erschaffung des Himmels nach der Erschaffung der Erde genannt wird. Damals stellte man sich den Himmel wie eine Kuppel vor, die Gott als Schutzschild über die Erde spannt, und zwar zum Schutz vor den Wassermassen, die von allen Seiten die Schöpfung bedrohen. Gott ist nicht nur der Grund der Erde, sondern auch ihr Beschützer.

Der Vers aus der Offenbarung erwähnt neben Himmel und Erde ausdrücklich das Meer und die Wasserquellen. Warum werden aus allen Schöpfungswerken ausgerechnet diese genannt? Vielleicht weil es in den beiden Schöpfungserzählungen am Anfang der Bibel genau das Wasser ist, das in ganz unterschiedlicher Weise in Erscheinung tritt. Im Schöpfungsbericht mit den sieben Tagen ist das Wasser bedrohlich: als Urmeer und Chaosflut, aus der heraus die Erde sozusagen wie eine Insel festen Landes als Zufluchtsort für Pflanzen, Tiere und Menschen erschaffen werden kann. In der Erzählung von Adam und Eva im Paradies dagegen wird Wasser dringend benötigt, um den Garten der Erde mit seinen Bäumen zu bewässern, und als Lösung erschafft Gott die Quellen der Flüsse.

Nebenbei bemerkt entsprechen die beiden Schöpfungsberichte genau den klimatischen Bedingungen der Gegenden, wo sie zum ersten Mal erzählt wurden. Vom Paradiesgarten wird in der israelitischen Königszeit erzählt, im Land Palästina, in eher von Trockenheit heimgesuchten Gebieten. Von der Weltschöpfung aus der Chaosflut erzählen die Juden, als sie nach Babylon verbannt sind, wo die gro­ßen Ströme Euphrat und Tigris gerne einmal große Landstriche überfluten.

Die Offenbarung, das letzte Buch der Bibel, greift jedenfalls die Bilder des Schöpfungsanfangs wieder auf, indem es dort heißt (Offenbarung 14, 7):

Betet an den, der gemacht hat Himmel und Erde und Meer und die Wasserquellen.

Wir müssen nicht unsere Angst und Sorge anbeten, auch nicht die Götter des Profits, des Fanatismus, der Eigensucht oder der Gedankenlosigkeit.

Wir dürfen uns dem Gott anvertrauen, der nicht nur das große Weltall, sondern auch unsere kleine verletzbare Erde in der Hand hält. Wir glauben an einen Gott, der die bedrohlichen und die Leben spendenden Seiten der Wirklichkeit kennt, weil er sie selber gemacht hat: Meer und Wasserquellen, Todesmächte und Lebenskräfte. Auf diesen Gott dürfen wir alle Sorgen werfen, denn er sorgt für uns. Amen.

Heute vor 366 Jahren, im Jahr 1649, ist der Liederdichter Martin Rinckart gestorben. Er hat das Lied 321 gedichtet und komponiert, das ich jetzt mit Ihnen singen möchte, auch wenn es kein Adventslied ist:

1. Nun danket alle Gott mit Herzen, Mund und Händen, der große Dinge tut an uns und allen Enden, der uns von Mutterleib und Kindesbeinen an unzählig viel zugut bis hierher hat getan.

2. Der ewigreiche Gott woll uns bei unserm Leben ein immer fröhlich Herz und edlen Frieden geben und uns in seiner Gnad erhalten fort und fort und uns aus aller Not erlösen hier und dort.

3. Lob, Ehr und Preis sei Gott dem Vater und dem Sohne und Gott dem Heilgen Geist im höchsten Himmelsthrone, ihm, dem dreiein’gen Gott, wie es im Anfang war und ist und bleiben wird so jetzt und immerdar.

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