Die Liebe – das Band der Vollkommenheit

Trauerfeier für einen in Ehe, Familie, Nachbarschaft und Vereinsleben stark eingebundenen Mann, dessen Konfirmationsspruch die Liebe höher als alles andere stellt.

Liebe als Band der Vollkommenheit: Ein Herz aus gefalteten Origami-Kranichen

Die Liebe wird im Kolosserbrief als Band der Vollkommenheit gesehen (Bild: pixabay.com)

In Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. Amen.

Wir sind hier versammelt, um den letzten irdischen Weg zu gehen mit Herrn X., der mit [über 70] Jahren nach wenigen Krankheitstagen gestorben ist. Gemeinsam sind wir hier, die große Familie des Verstorbenen und seine Freunde und die ihn gut kannten, und lassen einander in dieser schweren Stunde nicht allein. Und wir fragen nach Gottes Wort, nach dem Trost, den nur Gott geben kann. Denn wir dürfen zu ihm sprechen (Psalm 108, 5):

Deine Gnade reicht, so weit der Himmel ist, und deine Treue, so weit die Wolken gehen.

Ein erfülltes Leben ist zu Ende gegangen, ein Leben voller Arbeit und Einsatz, ein Leben, das keinen Ruhestand gekannt hat, aber auch ein Leben voller Lebensfreude und Humor. Zu Ende gegangen ist – so plötzlich, dass es noch kaum zu fassen ist – eine über 50-jährige eheliche Gemeinschaft, ein Leben inmitten der Schar von Kindern und Kindeskindern, ein Leben der Begeisterung für die Musik. Traurig sind wir, dass dies nun alles abgebrochen ist, das Herr X. eine große, schmerzliche Lücke hinterlässt. Doch in aller Trauer können wir auch für vieles dankbar sein.

Mit Worten eines Psalms der Bibel können wir unseren Dank ausdrücken für das, was uns mit dem Verstorbenen geschenkt war. Es ist der Psalm 92, der die Musik, die Herrn X. lieb und teuer war, als schönstes Mittel zum Lob Gottes versteht:

2 Das ist ein köstlich Ding, dem HERRN danken und lobsingen deinem Namen, du Höchster,

3 des Morgens deine Gnade und des Nachts deine Wahrheit verkündigen

4 auf dem Psalter mit zehn Saiten, mit Spielen auf der Harfe.

5 Denn, HERR, du lässest mich fröhlich singen von deinen Werken, und ich rühme die Taten deiner Hände.

6 HERR, wie sind deine Werke so groß! Deine Gedanken sind sehr tief.

7 Ein Törichter glaubt das nicht, und ein Narr begreift es nicht.

8 Die Gottlosen grünen wie das Gras, und die Übeltäter blühen alle – nur um vertilgt zu werden für immer!

9 Aber du, HERR, bist der Höchste und bleibest ewiglich.

13 Der Gerechte wird grünen wie ein Palmbaum, er wird wachsen wie eine Zeder auf dem Libanon.

14 Die gepflanzt sind im Hause des HERRN, werden in den Vorhöfen unsres Gottes grünen.

15 Und wenn sie auch alt werden, werden sie dennoch blühen, fruchtbar und frisch sein,

16 dass sie verkündigen, wie der HERR es recht macht; er ist mein Fels, und kein Unrecht ist an ihm.

Liebe Frau X., liebe Angehörige, liebe Trauergemeinde!

Am Sonntagmorgen war es für uns alle wie ein Schock, als wir vom plötzlichen Tod von Herrn X. erfuhren. Wieder einmal mussten wir erleben, wie schnell ein Mann mitten aus einem aktiven Leben herausgerissen werden kann. Was uns auf der einen Seite mit Dankbarkeit erfüllt, dass Herr X. bis in seine letzten Lebenstage hinein am Leben teilgenommen hat und sozusagen jung geblieben ist, das macht es auf der anderen Seite jetzt so schwer, überhaupt zu begreifen, dass er schon von uns gehen konnte. Und dass er ohne langes Krankenlager und ohne eine lange Zeit der Pflegebedürftigkeit einen raschen und leichten Tod gehabt hat, das war sein eigener Wunsch immer gewesen, der ihm nun erfüllt worden ist.

Sie als Angehörige werden mehr Zeit brauchen, um zu ermessen, was geschehen ist, und um damit zurechtzukommen. Gut ist es, dass Sie in Ihrer großen Familie schon zu Lebzeiten des Verstorbenen immer eine starke Gemeinschaft untereinander gepflegt heben und einander auch jetzt in der Zeit der Trauer nicht allein lassen werden.

Erinnerungen an das Leben des Verstorbenen

Als Sie damals von Herrn Pfarrer R. in der Kirche hier am Ort getraut worden sind, da hat er Ihnen und Ihrem Mann einen Trauspruch aus dem Kolosserbrief gegeben. Dieser Vers soll nun auch der Grabtext Ihres Mannes sein, denn im Nachdenken über eine geeignete Bibelstelle ist mir aufgegangen, dass dieser Vers sehr gut zusammenfassen kann, was ein Leben im Geist Christi ausmacht und was ich in Ihre Situation hinein sagen kann. Der Bibeltext lautet (Kolosser 3, 14):

Über alles aber zieht an die Liebe, die da ist das Band der Vollkommenheit.

Zunächst denken wir bei diesem Band an das Band der Ehe. In Ihrer Ehe war über 50 Jahre lang Liebe und Treue lebendig, so dass Sie etwas davon erahnen konnten, dass Liebe mit Vollkommenheit zu tun hat. Ein starkes Band der Liebe hat auch die anderen Familienangehörigen mit dem Vater und Großvater und Urgroßvater verbunden; und nicht vergessen sei auch die Beziehung der Vereins- oder Schulkameraden und anderer Freunde und Bekannten zu Herrn X., der ja ein überaus geselliger Mensch war und zuletzt noch vor zwei Wochen an einem Ausflug seines Vereins teilgenommen hat.

Das Band der Liebe und der Freundschaft ist nun zerschnitten worden durch den Tod. Aber es gibt etwas in diesem Sterben und Abschiednehmen, das unvergänglich ist. Schon unsere menschliche Liebe und dankbare Erinnerung können wir einem Verstorbenen bewahren. Noch viel mehr aber gilt von der Liebe Gottes, dass sie unvergänglich und vollkommen ist.

Diese Liebe kann unser Trost sein, wenn wir Tod und Trauer erleben, weil sie stärker ist als der Tod. Diese Liebe kann uns ermutigen zum Leben, weil Gott einer ist, der stützt und trägt und aufrichtet, einer, der uns wichtig nimmt und dem wir teuer sind. Gott ist keiner, der kapituliert vor dem Tod oder vor der Lieblosigkeit, die in uns immer wieder Macht gewinnen will.

Er traut uns zu, dass wir sozusagen immer wieder neu in die Liebe hineinschlüpfen können wie in ein Kleid oder einen guten Anzug. Er traut uns zu, dass wir einander Mut zusprechen können, dass wir einander halten und stützen können, wenn wir traurig sind. Er traut uns uns, dass wir den Weg der Trauer gehen können, ohne in Verzweiflung zu fallen, und er begleitet uns selbst mit seiner Liebe auf diesem Weg.

Wir brauchen uns nicht völlig zurückzuziehen, wenn wir schwach sind, wir können uns einander anvertrauen und Unterstützung erbitten. Gott erwartet nicht, dass wir übermenschlich stark sind, sondern er ermuntert uns, dass wir uns auf das starke Band der Liebe verlassen, das uns tragen kann, auch wenn wir selbst zeitweise zu schwach sind, um uns zusammenzunehmen oder die Zähne zusammenzubeißen.

In der Verwandtschaft oder Freundschaft kann dieses Band der Liebe lebendig sein; und es besteht vor allem auch dort, wo ein Mensch sich im Gebet seinem Gott anvertrauen kann, mit allem, was ihn bewegt. Der Gott der Liebe ist ein Gott, dem man alles sagen kann, auch dann, wenn einem die Ratschlüsse Gottes nicht verständlich sind oder wenn Zweifel kommen. An seiner Treue zu uns hält Gott immer fest, wenn wir es auch manchmal nicht spüren.

Und noch etwas dürfen wir im Vertrauen auf die Liebe Gottes getrost tun: Wir können den Verstorbenen heute loslassen und hineingeben in die Liebe Gottes hinein. Wenn auch das Band, das uns auf der Erde mit ihm verbunden hat, zerschnitten ist, so dürfen wir doch im Glauben an die Auferstehung der Toten fest damit rechnen, dass der Tod nicht über die Liebe Gottes triumphiert. Wie Gott uns schon hier auf der Erde mit seiner Liebe begleitet (im Heiligen Geist), so bleiben wir in seiner Liebe geborgen und finden einen gnädigen Gott, wenn wir von dieser Erde abberufen werden in die Ewigkeit. Diesem Gott, dem Vater Jesu Christi, vertrauen wir heute unseren geliebten Verstorbenen an. Amen.

Herr, unser allmächtiger, barmherziger Gott! Wir verstehen oft deine Wege nicht, aber höre nicht auf, uns zu dir zu ziehen durch deine Güte! Wir geraten in Trauer und Verzweiflung, aber halte uns fest durch das Band deiner Liebe! Nimm Herrn X. gnädig auf in dein Reich und lass uns dankbar und im Vertrauen auf Vergebung leben, so lange uns unser Leben auf dieser Erde geschenkt ist. Und lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden, auf dass wir den Glauben an dich suchen und bewahren und die Liebe anziehen, die das Band der Vollkommenheit ist.

Mit einem Lied aus dem Gesangbuch (EG 530), das wir in diesem Jahr schon mehrfach Anlass hatten zu beten, rufe ich zu Gott:

1. Wer weiß, wie nahe mir mein Ende! Hin geht die Zeit, her kommt der Tod; ach wie geschwinde und behände kann kommen meine Todesnot. Mein Gott, mein Gott, ich bitt durch Christi Blut: Mach’s nur mit meinem Ende gut.

2. Es kann vor Nacht leicht anders werden, als es am frühen Morgen war; solang ich leb auf dieser Erden, leb ich in steter Todsgefahr. Mein Gott, mein Gott, ich bitt durch Christi Blut: Mach’s nur mit meinem Ende gut.

3. Herr, lehr mich stets mein End bedenken und, wenn ich einstens sterben muss, die Seel in Jesu Wunden senken und ja nicht sparen meine Buß. Mein Gott, mein Gott, ich bitt durch Christi Blut: Mach’s nur mit meinem Ende gut.

4. Lass mich beizeit’ mein Haus bestellen, dass ich bereit sei für und für und sage frisch in allen Fällen: Herr, wie du willst, so schick’s mit mir! Mein Gott, mein Gott, ich bitt durch Christi Blut: Mach’s nur mit meinem Ende gut.

Amen.

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