„Seht doch Gottes Herrlichkeit!“

Das Wort „Siehe“ in der Bibel meint offenbar dasselbe wie unser Sohn mit dem Wort „Kuppa“ und unsere Enkelin mit ihrem Zeigen und sich Vergewissern, ob wir auch sehen, was ihr wichtig ist.

In der Weihnachtsgeschichte ruft Gott durch seinen Engel voller Freude: „Siehe!“ „Seht doch!“ Es ist, als ob Gott wie ein stolzer Vater uns seinen Sohn zeigen wollte.

Ein Auge in Großaufnahme

„Kuppa!“ – „Kuck mal!“ (Foto: pixabay.com)

direkt-predigtGottesdienst an Heiligabend, Samstag, 24. Dezember 2011, 18.00 Uhr in der evangelischen Pauluskirche Gießen

Guten Abend, liebe Gemeinde!

Ich begrüße alle herzlich zu diesem Weihnachtsgottesdienst mit dem Wort aus dem Evangelium nach Johannes 1, 14:

Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit.

Wir wollen feiern, was uns Gott in der Heiligen Nacht schenkt: die Geburt seines Sohnes und damit Frieden und Freude für alle Menschen. Den Hirten wurde es von den Engeln gesagt und wir können es einander weitersagen (Lukas 2, 10):

Siehe, ich verkünde euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird!“

Zuerst singen wir aus dem Lied 24 die Strophen 1, 2 und 5 sowie 9 bis 12.

1. »Vom Himmel hoch da komm ich her, ich bring euch gute neue Mär; der guten Mär bring ich so viel, davon ich singn und sagen will.

2. Euch ist ein Kindlein heut geborn von einer Jungfrau auserkorn, ein Kindelein so zart und fein, das soll eu’r Freud und Wonne sein.

5. So merket nun das Zeichen recht: die Krippe, Windelein so schlecht, da findet ihr das Kind gelegt, das alle Welt erhält und trägt.«

9. Ach Herr, du Schöpfer aller Ding, wie bist du worden so gering, dass du da liegst auf dürrem Gras, davon ein Rind und Esel aß!

10. Und wär die Welt vielmal so weit, von Edelstein und Gold bereit‘, so wär sie doch dir viel zu klein, zu sein ein enges Wiegelein.

11. Der Sammet und die Seiden dein, das ist grob Heu und Windelein, darauf du König groß und reich herprangst, als wär’s dein Himmelreich.

12. Das hat also gefallen dir, die Wahrheit anzuzeigen mir, wie aller Welt Macht, Ehr und Gut vor dir nichts gilt, nichts hilft noch tut.

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. „Amen.“

Worte des Lichtes und der Freude hören wir vom Propheten Jesaja 9:

1 Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell.

2 Du weckst lauten Jubel, du machst groß die Freude. Vor dir wird man sich freuen, wie man sich freut in der Ernte, wie man fröhlich ist, wenn man Beute austeilt.

3 Denn du hast ihr drückendes Joch, die Jochstange auf ihrer Schulter und den Stecken ihres Treibers zerbrochen wie am Tage Midians.

4 Denn jeder Stiefel, der mit Gedröhn dahergeht, und jeder Mantel, durch Blut geschleift, wird verbrannt und vom Feuer verzehrt.

Kommt, lasst uns anbeten! „Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem heiligen Geist, wie es war im Anfang, jetzt und immerdar, und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“

Licht scheint auf über Menschen, die im Dunkel wohnen. Jubeln dürfen wir wie Bauern, die eine reiche Ernte einfahren, wie eine Jagdgesellschaft, die ihre Beute miteinander teilt, wie ein unterdrücktes Volk, dem ein schweres Joch von den Schultern genommen wird. Mit dem biblischen Propheten freuen wir uns über Befreiung für bedrängte und getriebene Menschen oder wenn das Blutvergießen im Krieg ein Ende nimmt. Auch wenn wir es kaum glauben können: Mit der Geburt Jesu setzt Gott ein Signal, dass es hell werden soll in unserer Welt, dass die Finsternis nirgends das letzte Wort behalten soll, weder in unserer eigenen Seele noch in unseren Familien, weder in unserer Kirche noch in der Welt. Wir rufen zu Gott:

Herr, erbarme dich! „Herr, erbarme dich, Christe, erbarme dich, Herr, erbarm dich über uns!“

Jubeln dürfen wir vor Freude, Weihnachten ist das Fest des Lichtes, des Friedens, der Gerechtigkeit und Befreiung (Jesaja 9):

5 Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ruht auf seiner Schulter; und er heißt Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst;

6 auf dass seine Herrschaft groß werde und des Friedens kein Ende auf dem Thron Davids und in seinem Königreich, dass er‛s stärke und stütze durch Recht und Gerechtigkeit von nun an bis in Ewigkeit. Solches wird tun der Eifer des HERRN Zebaoth.

„Ehre sei Gott in der Höhe und auf Erden Fried, den Menschen ein Wohlgefallen. Allein Gott in der Höh sei Ehr und Dank für seine Gnade, darum dass nun und nimmermehr uns rühren kann kein Schade. Ein Wohlgefalln Gott an uns hat; nun ist groß Fried ohn Unterlass, all Fehd hat nun ein Ende.“

Der Herr sei mit euch „und mit deinem Geist.“

Gott, unser Vater im Himmel, wir danken dir, dass du uns deinen Sohn gegeben hast, der uns Vergebung schenkt, der uns in die Freiheit führt, der uns dich zu erkennen lehrt, der uns zum Frieden anleitet. Darum bitten wir dich im Vertrauen auf Jesus Christus, unseren Herrn. „Amen.“

Wir hören die Weihnachtsgeschichte nach Lukas 2, 1-16:

1 Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt geschätzt würde.

2 Und diese Schätzung war die allererste und geschah zur Zeit, da Quirinius Statthalter in Syrien war.

3 Und jedermann ging, dass er sich schätzen ließe, ein jeder in seine Stadt.

4 Da machte sich auf auch Josef aus Galiläa, aus der Stadt Nazareth, in das jüdische Land zur Stadt Davids, die da heißt Bethlehem, weil er aus dem Hause und Geschlechte Davids war,

5 damit er sich schätzen ließe mit Maria, seinem vertrauten Weibe; die war schwanger.

6 Und als sie dort waren, kam die Zeit, dass sie gebären sollte.

7 Und sie gebar ihren ersten Sohn und wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe; denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge.

8 Und es waren Hirten in derselben Gegend auf dem Felde bei den Hürden, die hüteten des Nachts ihre Herde.

9 Und der Engel des Herrn trat zu ihnen, und die Klarheit des Herrn leuchtete um sie; und sie fürchteten sich sehr.

10 Und der Engel sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird;

11 denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids.

12 Und das habt zum Zeichen: ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen.

13 Und alsbald war da bei dem Engel die Menge der himmlischen Heerscharen, die lobten Gott und sprachen:

14 Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens.

15 Und als die Engel von ihnen gen Himmel fuhren, sprachen die Hirten untereinander: Lasst uns nun gehen nach Bethlehem und die Geschichte sehen, die da geschehen ist, die uns der Herr kundgetan hat.

16 Und sie kamen eilend und fanden beide, Maria und Josef, dazu das Kind in der Krippe liegen.

Herr, dein Wort ist unseres Fußes Leuchte und ein Licht auf unserem Wege. Halleluja. „Halleluja, Halleluja, Halleluja!“

Glaubensbekenntnis

Wir singen das Lied 48:

1. Kommet, ihr Hirten, ihr Männer und Fraun, kommet, das liebliche Kindlein zu schaun, Christus, der Herr, ist heute geboren, den Gott zum Heiland euch hat erkoren. Fürchtet euch nicht!

2. Lasset uns sehen in Bethlehems Stall, was uns verheißen der himmlische Schall; was wir dort finden, lasset uns künden, lasset uns preisen in frommen Weisen. Halleluja!

3. Wahrlich, die Engel verkündigen heut Bethlehems Hirtenvolk gar große Freud: Nun soll es werden Friede auf Erden, den Menschen allen ein Wohlgefallen. Ehre sei Gott!

Gott gebe uns ein Herz für sein Wort und Worte für unser Herz. Amen.

Liebe Gemeinde, als der Engel zu den Hirten spricht, da benutzt er unter anderem ein Wort, das heute ziemlich ungebräuchlich geworden ist (Lukas 2, 10):

„Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird!“

Ich meine das kleine Wörtlein „siehe“, das 1248 Mal in der Lutherübersetzung vorkommt und mit dem ich früher nicht sehr viel anzufangen wusste. Ist das nicht ein altmodisches und unbedeutendes Füllwort? In der katholischen Einheitsübersetzung oder der Zürcher Bibel der Reformierten Christen wird es denn auch oft einfach weggelassen.

Als unser älterer Sohn noch nicht ganz zwei Jahre alt war, da habe ich von ihm gelernt, wie wichtig dieses kleine Wort „siehe“ zu nehmen ist. OK, es war nicht genau dieses Wort, das er damals immer wieder benutzte. Das Wort, das er immer wieder sagte, lautete: „Kuppa!“

„Kuppa“? Was sollte das denn bedeuten? Mit der Zeit merkten wir: immer, wenn er „kuppa!“ sagte, zeigte er auf etwas. „Kuppa!“ war in seiner Sprache das Wort für „kuck mal!“ und damit ist ja nichts anderes gemeint als mit dem Wort „siehe!“, das der Engel zu den Hirten sagt. „Sieh doch mal!“ „Schau genau hin!“ „Kuppa!“

Wenn unser Sohn damals „Kuppa!“ sagte, hatte er etwas erlebt, was für ihn wichtig war. Er wollte uns unbedingt Anteil daran geben. Im Bilderbuch entdeckte er eine kleine Katze und rief strahlend: „Kuppa! Mimi!“ Beim Essen kleckerte er und war ganz bestürzt: „Kuppa, nass!“ Oder er malte ein paar Bleistiftstriche und Kringel auf ein Blatt Papier und zeigte der Mama sein Kunstwerk: „Kuppa! Auto.“ Einmal hörte ich ein „Kuppa!“, mit vollem Mund ausgesprochen, und wusste erst nicht, was los war. Da zeigte unser Sohn auf den Fußboden, wo ich erst nichts erkennen konnte. „Was ist denn da?“, fragte ich, und er noch einmal: „Kuppa!“ Da sah ich die Stelle, wo er Kekskrümel verstreut hatte.

Unser Kind wollte das, was es gesehen hatte, nicht für sich behalten. Es sah die Mama oder den Papa an, damit sie es ansehen und auf sein Erlebnis aufmerksam werden – auf die kleinen Freuden und auch Sorgen und Ärgerlichkeiten des Alltags.

Und ich denke, nicht nur ein Kind braucht andere Menschen, die es ansehen, mit ihm fühlen, mit ihm lachen oder weinen, mit ihm zusammen etwas anschauen und staunen, sich mit ihm ärgern, eine angerichtete Bescherung beseitigen, auf den verletzten Finger pusten und über einen Schmerz hinwegtrösten. OK, das mit dem Pusten ist für uns Erwachsene vielleicht nicht mehr so angebracht, aber geteiltes Leid ist doch auch für uns immer noch halbes Leid.

Mit unserer kleinen Enkelin, die mit ihren neun Monaten noch nicht sprechen kann, erleben wir Ähnliches auf nonverbale Weise: Sie hat entdeckt, dass sie mit ihrem Zeigefinger auf das deuten kann, was ihr wichtig ist – und zu weit weg, als dass sie es erreichen kann. Es kommt schon mal vor, dass sie dann ein „daaaa!“ hervorstößt, ohne zu wissen, dass das ein Wort ist. Auf jeden Fall ist es ihr wichtig, wenn sie etwas Neues entdeckt hat, uns anzusehen, ob wir ihre Freude und Neugier teilen.

Das Wort „siehe“ in der Bibel meint offenbar dasselbe wie unser Sohn mit dem Wort „kuppa“ und unsere Enkelin mit ihrem Zeigen und sich Vergewissern, ob wir auch sehen, was ihr wichtig ist. Das Wesentliche daran ist dieses unsichtbare Band, das wir Vertrauen oder Liebe nennen.

In der Weihnachtsgeschichte ist es nun Gott selbst, der uns durch seinen Engel voller Freude etwas zeigt: „Siehe!“ „Seht doch!“ „Lauft zur Krippe!“ Es ist, als ob Gott wie ein stolzer Vater uns seinen Sohn zeigen wollte.

Aber hier geht es um mehr. Die ersten, die diese Botschaft erfahren, sind ja Hirten auf dem Feld, armes Landvolk, im damaligen Israel von allen verachtet, weil sie es zu nichts gebracht haben und auf Grund ihrer sozialen Lage nicht einmal die religiösen Vorschriften einhalten können. Ihr Leben ist hart und mühselig in einem Land, das unter der Last der römischen Besatzung stöhnt. Lukas erwähnt ausdrücklich, dass der Kaiser befohlen hat: alle Bewohner des Landes sind in Steuerlisten zu erfassen; keiner soll sich mehr davor drücken, den Luxus und die Kriege der Reichen des römischen Reiches zu bezahlen. In diesem Reich sind die Hirten der Inbegriff des Volkes, „das im Finstern wandelt“. Und von genau diesem Volk hatte der Prophet Jesaja gesprochen, als er ausrief:

1 Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell.

Das ist schon damals mehrere Hundert Jahre her gewesen. Jetzt scheint dieses Licht über den Hirten auf.

Schauen wir einmal, um was für ein Licht es sich dabei überhaupt handelt. Es geht ja nicht einfach darum, besser sehen zu können, sonst müssten in unserer Zeit der elektrischen Beleuchtung alle Menschen überglücklich sein.

Die Weihnachtsgeschichte ist ja auf Griechisch geschrieben, und da heißt es, dass die „doxa“ von Gott den Engel umleuchtet. Dieses Wort „doxa“ ist schwer zu übersetzen. Luther übersetzt mit „Klarheit“ und mit „Ehre“, die Elberfelder Bibel mit „Herrlichkeit“ und die die katholische Einheitsübersetzung mit „Glanz“. Das griechische Wort „doxa“ ist aber selbst schon eine Übersetzung des hebräischen Wortes „kabod“, und das meint ursprünglich ein schweres Gewicht oder eine enorme Wucht: Gott ist so groß, so stark, so bedeutend wie nichts auf der Welt. Das strahlt also über den Hirten von Bethlehem auf: Gottes Wucht, seine gewaltige Ehre, Herrlichkeit und Klarheit. Der Engel will den Hirten zeigen: „siehe!“, „seht doch!“, der große, starke Gott ist auf eurer Seite! So zeigt er ihnen einen Weg, auf dem sogar sie Freude finden können, wenn sie es denn überhaupt glauben können.

Können wir auch etwas von Gottes „doxa“ sehen, von seiner gewaltigen Wucht, Klarheit und Herrlichkeit?

Gottes Klarheit kann uns in unserem Leben zum Beispiel so aufgehen: Wer glauben kann, dass in Jesus Gott selbst auf der Erde erschienen ist, der muss den Sinn seines Lebens nicht irgendwo anders suchen; das Vertrauen auf Jesus genügt, um ein erfülltes Leben zu führen. Hören wir auf Jesu Worte, hören wir Gott; gibt Jesus uns Orientierung, weist uns Gott selbst unseren Weg; vergibt Jesus uns unsere Sünde, dürfen wir mit aufrechtem Gang in die Zukunft sehen und sind fähig dazu, Verantwortung für unsere Aufgaben zu übernehmen.

Und was ist mit Gottes Herrlichkeit? Mit diesem Wort konnte ich früher nicht viel anfangen. In der Schule haben wir uns scherzhaft gefragt, ob das Gegenteil von „herrlich“ vielleicht „dämlich“ ist. Das Wort „Herrlichkeit“ stammt aus einer Zeit, als ein „Herr“ noch etwas Besonderes war, ein Mann aus dem Adel mit Vorrechten, der mit „edler Herr“ angesprochen wurde, während einer, der diesem Herrn untergeben war, eben kein „Herr“, sondern ein „kleiner Mann“ aus dem Volk war. Meine Mutter ist als junges Mädchen noch als Hausmädchen bei einem Gutsherrn in Stellung gegangen und sprach noch, als sie schon alt geworden war, immer noch mit Achtung von ihrer „Herrschaft“, obwohl sie damals zum Beispiel gerade mal alle vierzehn Tage einen freien Sonntag bekam.

Herrlichkeit war also jedenfalls früher etwas für die höheren Kreise der Gesellschaft; kein Wunder, dass man auch den Glanz, der Gott und seine große Macht umgibt, so genannt hat.

An Weihnachten auf dem Hirtenfeld erscheint diese Herrlichkeit nun aber über den Hirten. Und sie stellt das Leben dieser einfachen Leute vom Lande völlig auf den Kopf! Sie sollen durch Gottes Herrlichkeit nämlich zu Herren ihres eigenen Lebens werden; Gott ist ein Herr, der ihnen einen Ausweg aus ihrem Elend verspricht, ja, eigentlich sogar ein Ende ihrer Knechtschaft.

Ich hatte auch den Eindruck, wenn meine Mutter davon erzählte, wie sie als junges Mädchen in den Mädchenkreis ihres Pastors gegangen ist, sogar in der Hitlerzeit, als das gar nicht gern gesehen wurde, da fühlte sie sich überhaupt nicht als untergeordnet, sondern von ganz oben anerkannt und gestärkt. Mochte sie weiterhin ängstlich und schwach sein, sie vertraute darauf, dass Gott in den Schwachen mächtig ist und dass Jesus die Welt mit ihrer Angst überwunden hat.

Zurück zu den Hirten: Sie werden wirklich überwältigt von Gottes „doxa“, Klarheit, Herrlichkeit und Wucht und setzen sich in Bewegung: „Lasst uns nun nach Bethlehem gehen und die Geschichte sehen, die da geschehen ist!“ Sie machen sich auf, um mit allen Sinnen wahrzunehmen, wie Gott ihre Welt verändert hat mit der Geburt dieses besonderen Kindes.

Und die Herrlichkeit, die Klarheit, die ganze Wucht der Allmacht Gottes soll nun wirklich in Bethlehem zu sehen sein? Da ist doch nur ein Kind in Windeln zu sehen, das in einer Futterkrippe liegt, ein Kind, das wie heute manches Flüchtlingskind unterwegs geboren wird, auf der Schattenseite des Lebens, in einem armen Winkel des mächtigen römischen Reiches. Dieses Kind soll Gottes Sohn sein, Retter der Welt? Gott selbst liegt im harten Stall, auf dem Stroh in der Krippe?

Tatsächlich, Gott wollte es so. Wo Menschen arm dran sind, da ist Gott – Gott will das Leben nicht nur der Reichen, Starken und Schönen, Gott will, dass sich alle Menschen freuen, auch die Benachteiligten, die Armen, die Leidenden. Ängste und Schuld, Leid, das wir sehen oder das uns trifft, all das brauchen wir nicht zu verdrängen, all das hat nicht mehr das letzte Wort über unser Leben. Gott tritt nicht als Zauberer auf, schafft nicht alles Böse ohne unser Zutun weg, aber er hat das letzte Wort über Sinn und Sinnlosigkeit in unserer Welt, er ist mächtig auf eine ungewohnte Art: er kommt selbst auf die Welt und leidet – von seiner Geburt an. Der mächtige Gott leidet. Seine Macht ist die Kraft, die im Leiden steckt, nicht die Gewalt, die anderen Leiden zufügt. Seine Macht ist die Kraft der Liebe, so dass wir sagen können: Wo Menschen lieben, da ist Gott! Liebe wartet auf Gegenliebe, kann sie aber nicht erzwingen. Sie ist scheinbar machtlos denen ausgesetzt, die auf Kosten anderer lieber für sich allein leben.

So unscheinbar lebt Gott in unserer Welt. Es ist schon notwendig, mit dem Herzen zu sehen, um ihn zu finden – bei Menschen, die Hilfe brauchen. Mit dem Herzen sehen wir, dass dort, wo Menschen leiden, Gott mitleidet. Das heißt für den, der eine harte Zeit durchmacht: ich kann diese Herausforderung durchstehen, Gott hilft mir zu tragen, was mir unerträglich scheint, ja, vielleicht kann ich mich sogar von ihm getragen fühlen. Und wer Zeit, Kraft und andere Mittel übrig hat, der kann für Gott selbst tun, indem er mit offenen Augen wahrnimmt, wo Hilfe nötig ist. Da besorgt zum Beispiel eine türkischstämmige junge Mutter für eine alte deutsche Dame in ihrer Nachbarschaft regelmäßig die Einkäufe und macht bei ihr sauber. So kann die Frau in ihrer vertrauten Wohnung bleiben und hat auch noch zusätzliche Kontakte gewonnen, die ihr Freude machen. Auch durch Aktionen wie „Brot für die Welt“ können wir uns beteiligen an wirksamer Hilfe für Menschen in aller Welt. Und am schönsten ist es für uns natürlich, wenn in der eigenen Familie Frieden herrscht und wir Kinder und Enkel auf ihrem Weg ins Leben begleiten dürfen.

Am Anfang der Predigt erzählte ich von unserem Sohn, wie er damals das Wort „Kuppa!“ – „Kuck mal!“ als Lieblingswort entdeckt hat. Einmal kam er traurig mit einem Spielzeug und meinte: „Kuppa! Pu!“ „Pu“ war sein Wort für „kaputt“. Wie leicht war es, ihn wieder zum Strahlen zu bringen; das Spielzeug ließ sich nämlich leicht reparieren. Beim nächstenmal konnte er es sogar selbst heil machen und er rief stolz: „Kuppa! Heile!“ Auch diese Freude wollte er mit uns teilen.

Freude mit Kindern ist wohl die schönste Weihnachtsfreude, und auch Gott teilt gern mit uns solche Freude, ist er doch selbst ein Kind geworden. Wenn die Lichter am Tannenbaum leuchten, wecken sie Erinnerungen an die Kindheit und spiegeln die Liebe Gottes wider. „Siehe, auch euch verkündige ich große Freude!“ So kann sich auch das Kind in uns freuen. Amen.

Der Gott der Hoffnung erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben. Amen.

Wir singen das Lied 34:

Halleluja, Halleluja, Halleluja, Halleluja, Halleluja, Halleluja, Halleluja, Halleluja, Halleluja, Halleluja, Halleluja, Halleluja.

1. Freuet euch, ihr Christen alle, freue sich, wer immer kann; Gott hat viel an uns getan. Freuet euch mit großem Schalle, dass er uns so hoch geacht‘, sich mit uns befreund’t gemacht. Freude, Freude über Freude: Christus wehret allem Leide. Wonne, Wonne über Wonne: Christus ist die Gnadensonne.

2. Siehe, siehe, meine Seele, wie dein Heiland kommt zu dir, brennt in Liebe für und für, dass er in der Krippen Höhle harte lieget dir zugut, dich zu lösen durch sein Blut. Freude, Freude über Freude: Christus wehret allem Leide. Wonne, Wonne über Wonne: Christus ist die Gnadensonne.

3. Jesu, wie soll ich dir danken? Ich bekenne, dass von dir meine Seligkeit herrühr, so lass mich von dir nicht wanken. Nimm mich dir zu eigen hin, so empfindet Herz und Sinn Freude, Freude über Freude: Christus wehret allem Leide. Wonne, Wonne über Wonne: Christus ist die Gnadensonne.

4. Jesu, nimm dich deiner Glieder ferner noch in Gnaden an; schenke, was man bitten kann, und erquick uns alle wieder; gib der ganzen Christenschar Frieden und ein seligs Jahr. Freude, Freude über Freude: Christus wehret allem Leide. Wonne, Wonne über Wonne: Christus ist die Gnadensonne.

Halleluja, Halleluja, Halleluja, Halleluja, Halleluja, Halleluja, Halleluja, Halleluja, Halleluja, Halleluja, Halleluja, Halleluja.

Herr, wir beten zu dir, zum mächtigen Gott, der in der Krippe gelegen hat, der bei den Verachteten und Heimatlosen seine Heimat gesucht hat, den wir sehen, wo wir auf die geringsten der Brüder und Schwestern Jesu aufmerksam werden. Öffne unsere Augen für die Menschen, die neben uns oder fern von uns leiden. Gib uns liebevolle Augen, die sehen, wer uns braucht, einen liebevollen Verstand, der Ideen entwickelt, um in komplizierten Verhältnissen Unrecht zu bekämpfen, und liebevolle Hände, mit denen wir tun, was anderen und uns wirklich hilft. Gib uns Kraft, dem Widerstand der Lieblosigkeit in uns selbst und in anderen Menschen entgegenzutreten, stärke die Macht der Liebe in uns. Schenke uns Menschen, die sich um uns kümmern, wenn wir am Ende sind, wenn wir nicht mehr fähig sind, zu lieben, wenn wir auf uns allein gestellt den Mut verlieren würden. Schenke uns Weihnachtsfreude, die wir gern mit anderen teilen! Amen.

In der Stille bringen wir vor dich, Gott, was wir persönlich auf dem Herzen haben.

Stille und Vater unser

Wir singen das Lied 44:

1) O du fröhliche, o du selige, gnadenbringende Weihnachtszeit! Welt ging verloren, Christ ist geboren: Freue, freue dich, o Christenheit!

2) O du fröhliche, o du selige, gnadenbringende Weihnachtszeit! Christ ist erschienen, uns zu versühnen: Freue, freue dich, o Christenheit!

3) O du fröhliche, o du selige, gnadenbringende Weihnachtszeit! Himmlische Heere jauchzen dir Ehre: Freue, freue dich, o Christenheit!

Abkündigungen

Empfangt Gottes Segen:

Der Herr segne euch und er behüte euch. Er lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig. Er erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch seinen Frieden. „Amen, Amen, Amen!“

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