Das fromme Atheistlein

Ich gebe drei Ermutigungen weiter, um es schaffen zu können, „beim Herrn zu sein“: Aus einer Quelle schöpfen, die größer ist als ich. Ein Atheistlein im Kopf beschäftigen, das falsche Gottesbilder zerschlägt. Unter dem Schirm des Höchsten sitzen und auf ihn vertrauen.
Ob das Symbol der internationalen Atheistenvereinigung auch für das fromme Atheistlein im Kopf von Kurt Marti stehen könnte?

Das Symbol der Atheist Alliance International (AAI), einer internationalen Vereinigung atheistischer und agnostischer Gruppierungen (Bild: WikimediaImages – pixabay.com)

Andacht in der Kirchenvorstandssitzung der evangelischen Paulusgemeinde Gießen am 12. September 2006

Der Papst besucht Bayern, und es ist erstaunlich, wie unsere katholische Schwe­sterkirche die moderne Eventkultur beherrscht. Auf der anderen Seite beklagt Benedikt XVI. die geistliche Schwerhörigkeit der Menschen und insbesondere den Priestermangel in der eigenen Kirche. Und den oft überlasteten Priestern schreibt er ins Stammbuch: „Wo Priester das Sein beim Herrn wegen der großen Auf­gaben immer kürzer und geringer ausfallen lassen, verlieren sie bei aller vielleicht heroischen Aktivität die innere Kraft, die sie trägt.“ So heute im Gießener Anzeiger zu lesen. Aber kann das Rezept des Pap­stes, mehr „beim Herrn zu sein“, auf fruchtbaren Boden fallen, wenn es sozusagen als fromme Forderung daherkommt, die wiederum zur Überforderung werden kann? Wie macht man das denn als Priester, als Pfarrer, als einfacher Christ, „beim Herrn zu sein“?

Ich gebe Ihnen dazu heute drei Ermutigungen weiter, die ich in den letzten Tagen und Wochen selber bekommen habe. Eine erst gestern abend beim Vortrag von Anselm Grün über Wege zum Glück in der Gießener Kongresshalle. Sein Satz hat ich bewegt und ermutigt: „Ich bin nicht er-schöpft, ich schöpfe aus einer Quelle, die größer ist als ich. Diese Quelle ist der Heilige Geist Gottes selbst.“

Eine zweite stammt von dem großen evangelischen Dichter und Pfarrer Kurt Marti aus der Schweiz, der der Zeitschrift „Junge Kirche“ zu seinem 85. Geburtstag ein Interview mit sich selbst zur Verfügung gestellt hat. Da schreibt er über die Frage, wie Gott ist und wie man ihn sich vorstellen soll: Es ist nicht nur so, dass es uns als Juden und Christen verboten ist, uns ein starres Gottesbild zu machen. Das Gebot der Bibel heißt: „Du KANNST dir kein Bild von Gott machen“, nämlich keines, das IHM wirklich ähnlich wäre. Er spricht sogar von einem „frommen Atheistlein“ in seinem eigenen Kopf, das fortwährend damit beschäftigt ist, alle Gottesbilder, die sich dort verfestigen wollen, zu zerschlagen. Es gibt nach Kurt Marti für uns also keinen direkten Weg von unseren Vorstellungen zu Gott.

Tröstlich ist nun aber, dass es durchaus einen solchen Weg von Gott zu uns gibt. Denn er hat ja uns und jeden Menschen auf dieser Erde nach seinem Bild geschaffen. Das heißt: Gott begegnet uns in jedem Menschen, der uns zum Nächsten wird. Ein Bild von Gott können wir uns nicht machen, aber jeder lebendige Mitmensch kann für uns zu einem Bild Gottes werden, der uns braucht oder den wir brauchen.

Die dritte Ermutigung haben wir den Erstklässlern im Einschulungsgottesdienst mitgegeben, Frau Agnes Schmidts von der Albertusgemeinde hat sie gebastelt: Es sind kleine Kärtchen mit einem Schirm, von denen noch so viele übrig sind, dass ich sie auch Ihnen nach der Sommerpause mitgeben möchte auf den weiteren oft anstrengenden Weg im Kirchenvorstand. Der Spruch aus Psalm 91, 1-2, möge Sie begleiten:

Wer unter dem Schirm des Höchsten sitzt und unter dem Schatten des Allmächtigen bleibt, der spricht zu dem Herrn: Meine Zuversicht und meine Burg, mein Gott, auf den ich hoffe!

Amen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.