„Er gibt den Müden Kraft“

Woher bekommen wir neue Kraft, wenn wir müde geworden, am Ende unserer Kräfte sind? Der Prophet Jesaja weiß, von wem die Müden Kraft gewinnen!

Gott gibt den Müden Kraft: Stilisierte Zeichnung eines überlasteten Schreibtischarbeitern, den den Kopf in die Arme stützt und einen Stapel Papier vor sich hat

Wie können wir Müdigkeit überwinden? (Bild: kmicican – pixabay.com)

Andacht zur Kirchenvorstandssitzung der Evangelischen Paulusgemeinde Gießen am 11. Dezember 2012

Liebe Kirchenvorstandsmitglieder, ich muss sagen, dass ich mich bis jetzt reichlich wenig weihnachtlich fühle, obwohl ja schon in zwei Wochen Weihnachten ist. OK, das Krippenspiel der Kita-Kinder vorgestern hat mich schon weihnachtlich berührt. Sie haben es mit vielen Aufzügen auf der Bühne im Gemeindesaal so geheimnisvoll inszeniert, dass es in seiner ganzen Schlichtheit doch so wirkte wie eine völlig neue Botschaft: „Ein Kind ist geboren.“

Aber ich weiß nicht, wie es Ihnen geht: Mir geht es so, dass ich den Eindruck habe, die Zeit fliegt immer rascher davon, je älter ich werde. Und die vielen schönen Dinge, die wir in unserer Gemeinde gemeinsam gestalten und auf den Weg bringen, sie bereiten mir auch Mühe und Anstrengung. Wenn dann ein schönes Ereignis wie das Belcanto-Konzert am Samstag oder der Familiengottesdienst am Sonntag vorüber sind, ist gleich schon wieder daran zu denken, dass ich noch zwei Beerdigungen vorbereiten, die Presse wegen des Konzerts „Kirche und Kaffeehaus“ informieren, einen Erinnerungshandzettel für das Projekt „Glaubensvielfalt“ drucken und noch viele andere Dinge erledigen muss. Natürlich ist zwischendurch auch einmal unsere Enkelin bei uns zu Besuch, das wollen wir nicht missen, ist allerdings auf eine andere Art auch anstrengend.

Im Blick auf die Gemeinde mache ich mir Gedanken darüber, dass sich die Arbeit auf wenige Schultern verteilt, und dass es immer schwieriger wird, Menschen für die Mitarbeit zu gewinnen, zum Beispiel im Kirchenvorstand, aber auch für Dinge wie „Kuchen backen“ für das Kaffeehaus im Gemeindesaal. Wir alle geraten an Grenzen unserer Kräfte, und ich gebe zu, dass ich manchmal denke: Dieses oder jenes werde ich in der Gemeinde nicht mehr schaffen, nicht mehr ändern, nicht mehr auf den Weg bringen; es gibt Dinge, die kriegt vielleicht ein/e Nachfolger/in in vier, fünf Jahren anders und vielleicht besser hin.

Warum erzähle ich Ihnen das alles, was uns doch eher herunterziehen kann, als dass es uns aufbaut? Weil es besser ist, wenn man ausspricht, was einem manchmal auf der Seele liegt, als dass es einen unterschwellig um so mehr belastet. Und weil ich denke, dass wir ein Gegenmittel gegen trübe Gedanken haben, gerade jetzt im Advent. Ich stieß dieser Tage auf folgende Worte aus dem Buch des Propheten Jesaja, die mir ganz neu Mut gemacht haben (Jesaja 40):

6 Es spricht eine Stimme: Predige!, und ich sprach: Was soll ich predigen? Alles Fleisch ist Gras, und alle seine Güte ist wie eine Blume auf dem Felde.

7 Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt; denn des HERRN Odem bläst darein. Ja, Gras ist das Volk!

8 Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt, aber das Wort unseres Gottes bleibt ewiglich.

15 Siehe, die Völker sind geachtet wie ein Tropfen am Eimer und wie ein Sandkorn auf der Waage. Siehe, die Inseln sind wie ein Stäublein.

25 Mit wem wollt ihr mich vergleichen, dem ich gleich sei? spricht der Heilige.

26 Hebet eure Augen in die Höhe und seht! Wer hat dieses ganze Weltall geschaffen? Er führt das Heer der Sterne vollzählig heraus und ruft sie alle mit Namen; seine Macht und starke Kraft ist so groß, dass nicht einer von ihnen fehlt.

27 Warum sprichst du denn, Jakob, und du, Israel, sagst: »Mein Weg ist dem HERRN verborgen, und mein Recht geht vor meinem Gott vorüber«?

28 Weißt du nicht? Hast du nicht gehört? Der HERR, der ewige Gott, der die Enden der Erde geschaffen hat, wird nicht müde noch matt, sein Verstand ist unausforschlich.

29 Er gibt dem Müden Kraft und Stärke genug dem Unvermögenden.

30 Männer werden müde und matt, und Jünglinge straucheln und fallen;

31 aber die auf den HERRN harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.

Ja, liebe Kirchenvorstandsmitglieder, hier höre ich, dass auch die Bibel ganz realistisch sieht, dass wir Menschen so vergänglich sind wie das Gras, dass wir nur kurze Zeit auf Erden blühen wie die Blumen. Ganze Völker sind wie Sand und Staub und wie Tropfen am Eimer. Und wenn wir uns manchmal in unseren kleinen banalen Alltagsproblemen verfangen, dann sind wir nur ein kleiner Teil der großen Probleme, die wir mit aller Welt teilen.

Aber das allein wäre nicht tröstlich, eher im Gegenteil. Aber der Realismus der Bibel geht weiter. Er fragt tiefer nach dem, was hinter der Welt steckt, so wie wir sie kennen, und drückt die feste Überzeugung aus: Dieses Weltall, in dem wir nur als kleine Staubkörner auf dem kleinen Planeten Erde exi­stieren, ist aus dem Willen und Plan eines Gottes entstanden, der uns liebt. Es war das kleine Volk Israel, dem das zum ersten Mal auf unserer Erde offenbart wurde, und durch Jesus, dessen Geburt wir an Weihnachten wieder feiern, erreicht dieses Gottvertrauen alle Völker der Erde.

Es gibt Menschen, die sagen, das sei alles nur erfunden. Und es sei nicht gut, Gott erfunden zu haben, weil es im Namen der Religionen viel zu viel Unduldsamkeit und Krieg auf der Erde gebe. Der Gott der Bibel aber ist anders. Sein Name steht dafür, dass Menschen frei werden aus den Todesmächten von Lüge und Gewalt, von Unterdrückung und Unrecht, von Hass und Krieg. Wo er unduldsam ist, da ist er es gegen Menschen, die andere niedermachen und missbrauchen. Es ist wohl wahr, dass man auch den Glauben an diesen Gott oft missbraucht hat, um eigene menschliche Macht zu rechtfertigen. Aber der wahre, ewige Gott ist einer, dem man sich wirklich anvertrauen kann im Leben und im Sterben. Denn er liebt die Menschen und will nicht, dass auch nur ein Mensch verloren geht. Er traut uns zu, dass unser Leben gelingt, und dieses Gelingen hängt nicht davon ab, wie viel Geld wir verdienen oder ob wir unter den Menschen berühmt sind. Erfüllt ist unser Leben dann, wenn wir etwas von der Liebe, die wir von Gott empfangen, anderen Menschen weitergeben. Wenn dieser Gott, der uns Menschen so geschaffen hat, dass wir unser Leben meistern können und füreinander da sein können, erfunden sein sollte, dann ist er eine gute Erfindung. Ich bin aber überzeugt, sein Wort ist wahr und kann uns Kraft und Mut für unser Leben geben, auch wenn wir menschlichen Prediger dieses Wort oft nur mit Mühe in unsere Zeit zu übertragen verstehen.

„Er gibt den Müden Kraft“, darauf will ich bauen. Kraft gewinnen müde Männer, indem sie sich genug Schlaf gönnen und dann ausgeruht an ihre Arbeit gehen. Um das zu können, muss man manchmal weniger machen und mehr Nein sagen. Oder man vertraut einander an, was zu viel wird, wobei man Hilfe braucht. Vielleicht kann man auch Pläne machen, um Menschen anzusprechen, die sich engagieren wollen, aber bisher nur noch nicht wussten, dass genau sie gebraucht werden. Gott gibt dem Müden Kraft und Stärke genug dem Unvermögenden, ja, Gottes Kraft ist gerade in Schwachen mächtig, wie es auch die Jahreslosung für das Jahr 2012 betont. Darauf können wir bauen. Amen.

Wir singen das Lied 15:

1. »Tröstet, tröstet«, spricht der Herr, »mein Volk, dass es nicht zage mehr.« Der Sünde Last, des Todes Fron nimmt von euch Christus, Gottes Sohn.

2. Freundlich, freundlich rede du und sprich dem müden Volke zu: »Die Qual ist um, der Knecht ist frei, all Misse­tat vergeben sei.«

3. Ebnet, ebnet Gott die Bahn, bei Tal und Hügel fanget an. Die Stimme ruft: »Tut Buße gleich, denn nah ist euch das Himmelreich.«

4. Sehet, sehet, alle Welt die Herrlichkeit des Herrn erhellt. Die Zeit ist hier, es schlägt die Stund, geredet hat es Gottes Mund.

5. Alles, alles Fleisch ist Gras, die Blüte sein wird bleich und blass. Das Gras verdorrt, das Fleisch verblich, doch Gottes Wort bleibt ewiglich.

6. Hebe deine Stimme, sprich mit Macht, dass niemand fürchte sich. Es kommt der Herr, eu’r Gott ist da und herrscht gewaltig fern und nah.

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