Trauerfeier für die „Turnschuhoma“

Eine Trauerfeier für die von Jugendlichen so genannte Turnschuhoma, die durch einen Unfall vor den Toren des Ortes ums Leben kam.

Turnschuhoma: ein paar alte Turnschuhe, die auf dem Bürgersteig stehen

Eine Frau ist gestorben, die von Jugendlichen liebevoll Turnschuhoma genannt wurde (Bild: pixabay.com)

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Wir sind hier zusammengekommen, um Frau E. zu begraben. Wir können es noch gar nicht begreifen, dass sie, die immer da war, die fast jeder gekannt hat, die einfach zum Ort dazu gehörte, nicht mehr lebt. Nun müssen wir so plötzlich von ihr Abschied nehmen. Für sie ist das bekannte Wort aus dem Psalm 90, 10 wahr geworden (Lutherbibel 1912):

Unser Leben währet siebzig Jahre, und wenn‘s hoch kommt, so sind‘s achtzig Jahre, und wenn‘s köstlich gewesen ist, so ist es Mühe und Arbeit gewesen; denn es fährt schnell dahin, als flögen wir davon.

Wir beten mit Worten aus Psalm 146:

1 Lobe den HERRN, meine Seele!

2 Ich will den HERRN loben, solange ich lebe, und meinem Gott lobsingen, solange ich bin.

3 Verlasset euch nicht auf Fürsten; sie sind Menschen, die können ja nicht helfen.

4 Denn des Menschen Geist muss davon, und er muss wieder zu Erde werden; dann sind verloren alle seine Pläne.

5 Wohl dem, dessen Hilfe der Gott Jakobs ist, der seine Hoffnung setzt auf den HERRN, seinen Gott,

6 der Himmel und Erde gemacht hat, das Meer und alles, was darinnen ist; der Treue hält ewiglich,

7 der Recht schafft denen, die Gewalt leiden, der die Hungrigen speiset. Der HERR macht die Gefangenen frei.

8 Der HERR macht die Blinden sehend. Der HERR richtet auf, die niedergeschlagen sind. Der HERR liebt die Gerechten.

9 Der HERR behütet die Fremdlinge und erhält Waisen und Witwen; aber die Gottlosen führt er in die Irre.

10 Der HERR ist König ewiglich, dein Gott, Zion, für und für. Halleluja!

Liebe Trauergemeinde!

Frau E. ist tot. Sie war [über 80] Jahre alt, hatte ein langes Leben hinter sich. Aber nicht auf Grund ihres Alters, nicht durch Krankheit oder Lebensüberdruss ist sie gestorben. Wir hätten uns vorstellen können, dass sie hundert Jahre alt geworden wäre, denn sie erfreute sich bester Gesundheit und war voller Lebensenergie. Ein Unfall setzte ihrem bis ins hohe Alter hinein aktiven Leben ein plötzliches Ende. „Es fährt schnell dahin, als flögen wir davon“, heißt es im Psalm. So schnell kann uns das Geschenk unseres Lebens genommen werden; so nahe sind wir alle dem Tod.

Das Leben von Frau E. lässt sich wirklich am besten unter das Wort stellen (Psalm 90, 10 – Lutherbibel 1912):

Und wenn‘s köstlich gewesen ist, so ist‘s Mühe und Arbeit gewesen.

Sie hat sich oft hart durchkämpfen müssen, hat viel durchgemacht, viele Enttäuschungen erlebt, bittere Schicksalsschläge hinnehmen müssen und immer hart gearbeitet – und doch habe ich sie nie jammern hören. Sie nahm alles, wie es eben war, und stellte sich, oft mit raschen Entschluss, entschieden darauf ein. Wo sie gebraucht wurde, setzte sie sich unermüdlich ein. Wo sie Enttäuschungen erfuhr, zog sie ihre Konsequenzen. Sie war demütig, aber nicht in einem unterwürfigen Sinn – zum Dienen bereit, aber nicht willens, sich alles gefallen zu lassen.

Erinnerungen aus dem Leben der Verstorbenen

Bereits in der Kindheit und Jugend lernte sie, das Leben zu meistern, wenn es auch schwer war und wenn es auch Widerstände zu überwinden galt. Beinahe wäre sie in jungen Jahren gestorben; schon ihr Mann verunglückte tödlich. Auch eins ihrer Enkelkinder starb früh. So hat Frau E. in ihrem Leben zwar viel Freude, aber immer wieder auch großes Leid erfahren.

Nicht nur ihre Familie, sondern viele, die sie gekannt haben, sind heute traurig über ihren Tod. Sie war für viele der Inbegriff einer guten alten Frau, die nur für die anderen da war und an sich selbst zuletzt gedacht hat. Sie war vielen aber auch ein Vorbild in dem Sinne, dass sie dabei nicht etwa selbst vollkommen zu kurz gekommen wäre, sondern dass sie zufrieden war und lachen konnte und etwas von Lebenserfüllung wusste. Arbeit schien ihr keine Last zu sein, sondern eine Selbstverständlichkeit: Noch vor gar nicht so lange Zeit half sie im Nachbarort, wo sie zu Fuß hingelaufen ist, in der Landwirtschaft aus; bis zuletzt holte sie ihr Brennmaterial für den Küchenherd aus dem Supermarkt, wobei sie auch mal jemandem die Einkaufstasche auf ihrem Handwagen mit nach Hause fuhr. Selbst die Jugendlichen, die sonst der älteren Generation heute wenig Beachtung schenken, kannten Frau E. und nannten sie auf ihre Art die Turnschuhoma. Persönlich für mich möchte ich sagen, dass auch mir ihr Tod sehr nahe gegangen ist. Es ist mir so, als hätte ich eine liebe Großmutter verloren. Die Begegnungen mit ihr waren meist nur kurz, aber nicht wenige davon haben einen tiefen Eindruck bei mir hinterlassen. Zum letzten Mal habe ich sie gesehen, als sie wenige Tage vor ihrem Unfall zu mir gekommen ist, um im Voraus einen kirchlichen Kalender zu bezahlen, den sie bei mir bestellt hatte. Der Kalender hätte auf seinem Deckblatt das Bibelwort getragen, das auch ein Motto für ihr Leben hätte sein können (2. Timotheus 1, 7):

Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.

Sie hat darüber nicht viel gesprochen, aber doch gezeigt, dass sie auf ihre stille Art ihrem Glauben durch alle schweren Zeiten ihres Lebens hindurch treu geblieben ist. Manchmal tat es ihr weh, wie zuweilen soger christlich eingestellte Leute übereinander reden. Aber dann hat sie sich lieber zurückgezogen, als dass sie Vorwürfe gemacht hätte.

Ein halbes Leben lang hat Frau E. hier gelebt. Sie hat unseren Ort mitgeprägt, und wir werden sie noch oft vermissen, wenn wir auf der Straße unterwegs sind oder im Supermarkt und meinen, gleich müsste sie mit ihrem Handkarren um die Ecke biegen oder in ihrem raschen Schritt vorbeigehen. Auch zur Kirchengemeinde hat Frau E. in all den Jahren, zum Beispiel durch ihre langjährige Mitgliedschaft in der Frauenhilfe, eine intensive Beziehung gehabt.

Jetzt sind durch ihren Unfall alle Beziehungen zu ihr abrupt abgebrochen. Keiner hat noch Zeit gehabt, von ihr bewusst Abschied zu nehmen; zu spät war es dann für alles, was man ihr vielleicht noch hätte sagen wollen. Der junge Mann, der Frau E. überfahren hat, wird vor allem mit sich selbst und mit Gott ins Reine kommen müssen über die Verantwortung, die er an dem Unfall trägt. Doch der plötzliche Tod von Frau E. ist auch für jeden von uns eine mahnende Anfrage, ob wir persönlich in unseren Begegnungen mit ihr eine Hilfe für sie waren oder ob wir an ihr etwas versäumt haben. Gerade in den letzten Tagen müssen wir auch wieder besonders darüber nachdenken, wie wir von unseren Mitmenschen reden, ob sie nun gestorben oder am Leben seien. Prüfen wir uns immer, ob unser Reden von Liebe geprägt ist, sonst schweigen wir lieber.

Wenn wir gleich am Grab stehen, nehmen wir den endgültigen Abschied – von der Verwandten, von der lieben Bekannten. Doch unsere Gefühle ihr gegenüber werden wir wohl noch lange in uns tragen und – je näher wir ihr gestanden haben – erst allmählich mit ihnen klar kommen. Gott helfe uns dabei. Der Gott, der Frau E. gnädig aufzunehmen verheißen hat in sein himmlisches, ewiges Reich, der helfe uns allen, hier in unserem irdischen Dasein verantwortlich zu leben, so lange uns unser Leben gegeben ist. Amen.

Lasst uns nun beten mit den Worten eines Liedes von Paul Gerhardt, dem großen Liederdichter des Dreißigjährigen Krieges (Eg 529):

1. Ich bin ein Gast auf Erden und hab hier keinen Stand; der Himmel soll mir werden, da ist mein Vaterland. Hier reis ich bis zum Grabe; dort in der ewgen Ruh ist Gottes Gnadengabe, die schließt all Arbeit zu.

2. Was ist mein ganzes Wesen von meiner Jugend an als Müh und Not gewesen? Solang ich denken kann, hab ich so manchen Morgen, so manche liebe Nacht mit Kummer und mit Sorgen des Herzens zugebracht.

3. Mich hat auf meinen Wegen manch harter Sturm erschreckt; Blitz, Donner, Wind und Regen hat mir manch Angst erweckt; Verfolgung, Hass und Neiden, ob ich’s gleich nicht verschuld’t, hab ich doch müssen leiden und tragen mit Geduld.

10. Wo ich bisher gesessen, ist nicht mein rechtes Haus. Wenn mein Ziel ausgemessen, so tret ich dann hinaus; und was ich hier gebrauchet, das leg ich alles ab, und wenn ich ausgehauchet, so legt man mich ins Grab.

11. Du aber, meine Freude, du meines Lebens Licht, du ziehst mich, wenn ich scheide, hin vor dein Angesicht ins Haus der ewgen Wonne, da ich stets freudenvoll gleich wie die helle Sonne mit andern leuchten soll.

12. Da will ich immer wohnen – und nicht nur als ein Gast – bei denen, die mit Kronen du ausgeschmücket hast; da will ich herrlich singen von deinem großen Tun und frei von schnöden Dingen in meinem Erbteil ruhn.

Amen.

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