„Du bist und bleibst ein reisendes Kind“

Trauerfeier für ein Mitglied der Fahrenden Zunft, als Zirkuskind geboren, als Reisender Händler zeitlebens unterwegs gewesen. Sein Leben kann als Sinnbild für alle gelten, sind wir doch alle „Gast auf Erden“.

Reisendes Kind: Jahrmarktbuden und ein Riesenrad auf einem Rasenplatz

Als Reisender Händler ist man auf vielen Jahrmärkten unterwegs (Bild: jill111 – pixabay.com)

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. Amen.

Liebe Trauergemeinde, wir sind hier versammelt, um Abschied zu nehmen von Herrn J., der im Alter von [über 60] Jahren gestorben ist.

Wir erinnern uns und denken gemeinsam an sein Leben, versuchen ihm gerecht zu werden. Wir begleiten einander auf dem Weg des Abschieds, denn es tut weh, einen Menschen zu verlieren, der uns nahestand. Und wir besinnen uns angesichts des Todes auf Worte Gottes, die trösten und zum Leben helfen.

Lasst uns beten mit Worten aus Psalm 31:

2 HERR, auf dich traue ich, lass mich nimmermehr zuschanden werden, errette mich durch deine Gerechtigkeit!

3 Neige deine Ohren zu mir, hilf mir eilends! Sei mir ein starker Fels und eine Burg, dass du mir helfest!

5 Du wollest mich aus dem Netze ziehen, das sie mir heimlich stellten; denn du bist meine Stärke.

6 In deine Hände befehle ich meinen Geist; du hast mich erlöst, HERR, du treuer Gott.

8 Ich freue mich und bin fröhlich über deine Güte, dass du mein Elend ansiehst und nimmst dich meiner an in Not

9 und übergibst mich nicht in die Hände des Feindes. Du stellst meine Füße auf weiten Raum.

10 HERR, sei mir gnädig, denn mir ist angst! Mein Auge ist trübe geworden vor Gram, matt meine Seele und mein Leib.

11 Denn mein Leben ist hingeschwunden in Kummer und meine Jahre in Seufzen.

15 Ich aber, HERR, hoffe auf dich und spreche: Du bist mein Gott!

16 Meine Zeit steht in deinen Händen.

Liebe Trauerversammlung, von Geburt an war J. ein Zirkuskind, und es war für ihn selbstverständlich, dass ihn seine Eltern in die artistischen Darbietungen mit einbezogen, zum Beispiel wenn sie mit dem Motorrad über das Seil fuhren und er im Korb unter dem Motorrad saß, der das Gleichgewicht ausbalancierte. Von früher Jugend an war er daran gewöhnt, niemals lange an einem Ort zu bleiben, wenn man nicht gerade überwinterte.

Sein Leben war – an üblichen Maßstäben gemessen – abenteuerlich. Mehr als abenteuerlich, nämlich in ganz anderer Weise gefährdet und bedroht wurde seine Familie durch die braunen Machthaber im Dritten Reich, die die Vorurteile gegen das Fahrende Volk in brutale Verfolgung umschlagen ließen. So kam seine Mutter gegen Ende des Naziregimes ins KZ und wurde nur durch beherztes Eingreifen ihres Vaters, also seines Großvaters, dort herausgeholt und gerettet. Auch der Weltkrieg forderte Opfer in der Familie. Danach machte sich Herr J. als Händler selbständig und war von März bis November immer unterwegs, in allen Teilen Deutschlands. Nur im Winter war er sesshaft.

Erinnerungen an das Leben des Verstorbenen in der Großfamilie

Bis zum letzten Jahr ist Herr J. auf die Reis‘ gefahren. „Die Reis‘ war sein Leben.“ Überall kannte er sich aus, seine Erfahrungen sammelte er unterwegs, in der Natur und in der Politik wusste er Bescheid. „Die weite Welt war sein Feld.“

Wenn ich zurückblicke auf sein Leben, dann fällt mir zuerst ein Lied aus dem Evangelischen Gesangbuch ein (529, 1-3):

1. Ich bin ein Gast auf Erden und hab hier keinen Stand; der Himmel soll mir werden, da ist mein Vaterland. Hier reis ich bis zum Grabe; dort in der ewgen Ruh ist Gottes Gnadengabe, die schließt all Arbeit zu.

2. Was ist mein ganzes Wesen von meiner Jugend an als Müh und Not gewesen? Solang ich denken kann, hab ich so manchen Morgen, so manche liebe Nacht mit Kummer und mit Sorgen des Herzens zugebracht.

3. Mich hat auf meinen Wegen manch harter Sturm erschreckt; Blitz, Donner, Wind und Regen hat mir manch Angst erweckt; Verfolgung, Hass und Neiden, ob ich‘s gleich nicht verschuld‘t, hab ich doch müssen leiden und tragen mit Geduld.

Ja, die Reis‘ war sein Leben und sein Leben war eine fortwährende Reise. An seinem Leben wurde besonders deutlich, dass es wahr ist: „Ich bin nur Gast auf Erden und hab hier keinen Stand.“

Außerdem fällt mir zum Leben von Herrn J. ein, wie viel in der Bibel von Menschen die Rede ist, die auf der Wanderschaft leben und nicht sesshaft sind.

Abraham, der Stammvater dreier Weltreligionen, verlässt das Land seiner Vorfahren und treibt seine Viehherden immer dorthin, wo es genug Futter und Wasser für seine Tiere gibt. Jakob muss auf der Flucht vor seinem Bruder Esau über zwanzig Jahre weit weg von zu Hause wohnen. Mose führt das Volk Israel 40 Jahre lang durch die Wüste, bis „das wandernde Gottesvolk“ endlich das Gelobte Land erreicht. Von Jesus heißt es, dass er unterwegs geboren wurde, auf der Durchreise, im Stall von Bethlehem. Bekannt sind auch die Reisen des Apostels Paulus, der den Glauben an Christus in die Welt hinaus trug. Eigentlich ist es in der Bibel etwas ganz Normales, ständig auf der Reis‘ zu sein.

Jesus hätte den Spruch wohl sehr gut verstanden:

Beneide nie, die sesshaft sind, denn du bist und bleibst ein reisendes Kind.

Denn auch Jesus war ja nicht sesshaft, er zog als Wanderprediger von Dorf zu Dorf und sagte von sich selbst (Matthäus 8, 20):

Die Füchse haben Gruben, und die Vögel unter dem Himmel haben Nester; aber der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlege.

Aber egal ob wir in festen Häusern wohnen oder ob wir heute hier, morgen dort im Campingwagen übernachten, für alle Menschen gilt, was im Brief an die Hebräer 13, 14 steht:

Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.

Sesshaft sind wir auf dieser Erde alle nur für bestimmte Zeit. Dann heißt es Abschied nehmen, so ist es uns bestimmt, uns sterblichen Menschen auf dieser Erde.

Was dann folgt, ist – wie man‘s nimmt – entweder eine Reise ins Ungewisse, in das Dunkel des Todes oder der Geisterwelt, oder es ist die Reise in eine Gewissheit. Diese Gewissheit hat mit Gottvertrauen zu tun, mit der getrosten Zuversicht, dass wir im Tode nicht verloren gehen.

Zwar weiß kein Mensch, wie es dort aussieht, wo Herr J. jetzt ist oder wohin er noch auf der Reise ist. Es gibt viele Namen für das Ziel dieser Reise: Die zukünftige Stadt, das Reich Gottes, der Himmel, das Paradies – so malen wir uns das Land jenseits des Todes aus, das noch niemand von uns gesehen hat.

Und doch dürfen wir Vertrauen haben. Da erwartet uns einer auf der anderen Seite, der es gut mit uns meint, selbst wenn er unser Richter ist, vor dem wir uns verantworten müssen. Denn der, der uns da erwartet, der einzige, der das Recht hat, über uns zu urteilen, trägt das Gesicht Jesu, ein liebevolles Gesicht. Besser als er kennt uns niemand, ich glaube, nicht einmal wir selbst. Er kennt unsere geheimste Sehnsucht und bewahrt alles in unserem Leben auf, was wir an Liebe empfangen und gegeben haben.

Man sagt immer, wir können nichts mitnehmen, wenn wir sterben. Ich würde sagen: Liebe ist das einzige, was wir mitnehmen können in den Himmel, sie ist wie der kleine Ball, den ein Kind dem Onkel geschenkt hat, und er wird damit spielen. Amen.

Wir beten mit Worten aus dem Lied 376:

1. So nimm denn meine Hände und führe mich bis an mein selig Ende und ewiglich. Ich mag allein nicht gehen, nicht einen Schritt: wo du wirst gehn und stehen, da nimm mich mit.

3. Wenn ich auch gleich nichts fühle von deiner Macht, du führst mich doch zum Ziele auch durch die Nacht: so nimm denn meine Hände und führe mich bis an mein selig Ende und ewiglich!

Herr, dem wir gehören im Leben und im Sterben, steh uns bei, damit wir nicht mutlos werden, dass wir die Last der Trauer tragen können, dass die Angst nicht zu mächtig wird, dass die Leere nicht zu groß wird.

Gott, wir denken vor dir an Herrn J., den du von uns genommen hast. Du weißt, wie er gelebt hat und wie ihn die Jahre geprägt haben. Dankbar erinnern wir uns an gute Zeiten und schöne Stunden, die ihm geschenkt waren und die wir mit ihm verbringen konnten. Aber auch die leidvollen Tage, die ihm auferlegt waren, stehen uns vor Augen. Beide, die Tage des Glücks und die Tage des Leides, sind vorüber. Gib du, Herr, dem Verstorbenen nach der Unrast des zeitlichen Lebens ewige Heimat in deinem Reich. Lass ihn für immer in deiner Treue geborgen sein.

Uns aber befähige, einander zu trösten und aufzurichten. Lass Zeichen deiner Liebe unter uns geschehen, dass niemand das Gefühl hat, verlassen zu sein. Und gib unserm Leben noch Ziele, die uns froh und zufrieden machen. Amen.

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