„Wir warten auf die Stadt, die kommen wird“

In einer Trauerfeier für eine Frau, die oft ihre Heimat oder vertraute Wohnungen zurücklassen musste, spreche ich über die Sehnsucht nach der himmlischen Stadt, die Gott durch den Propheten Jesaja und im Hebräerbrief verheißt.

Die Stadt Gottes, die kommt: eine französische Stadt an einem Hang mit einer Kirche

Welches Bild machen wir uns von der Stadt Gottes, die kommt? (Bild: pixabay.com)

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Wir halten die Trauerfeier aus Anlass des Todes von Frau O., die im Alter von [über 80] Jahren gestorben ist. Uns, die wir hier versammelt sind, gilt die christliche Botschaft (Philipper 3, 20-21):

Unser Bürgerrecht aber ist im Himmel; woher wir auch erwarten den Heiland, den Herrn Jesus Christus, der unsern nichtigen Leib verwandeln wird, dass er gleich werde seinem verherrlichten Leibe nach der Kraft, mit der er sich alle Dinge untertan machen kann.

Wir singen das Lied EG 529, 1+7:

1. Ich bin ein Gast auf Erden und hab hier keinen Stand; der Himmel soll mir werden, da ist mein Vaterland. Hier reis ich bis zum Grabe; dort in der ewgen Ruh ist Gottes Gnadengabe, die schließt all Arbeit zu.

7. Mein Heimat ist dort droben, da aller Engel Schar den großen Herrscher loben, der alles ganz und gar in seinen Händen träget und für und für erhält, auch alles hebt und leget, wie es ihm wohlgefällt.

Eingangsgebet

Wir hören ein Wort der Verheißung aus dem Prophetenbuch Jesaja 65 (GNB):

16 Der Herr sagt: »Alle Not wird vergessen sein, ich bereite ihr ein Ende.

17 Alles mache ich jetzt neu: einen neuen Himmel schaffe ich, und eine neue Erde. Dann sehnt sich niemand nach dem zurück, was früher einmal gewesen ist; keiner wird mehr daran denken.

18 Freut euch und jubelt ohne Ende über das, was ich nun schaffe! Ich mache Jerusalem zur Stadt der Freude, und seine Bewohner erfülle ich mit Glück.

19 Niemand wird mehr weinen und klagen.

21-22 Sie werden sich Häuser bauen und auch darin wohnen können. Sie werden Weinberge pflanzen und selbst den Ertrag genießen. Sie sollen sich nicht lebenslang mühen, nur damit andere den Gewinn davon haben. Alt wie Bäume sollen sie werden, die Menschen in meinem Volk, und den Lohn ihrer Arbeit selbst genießen!

23 Sie werden sich nicht vergeblich abmühen.

25 Auf dem Zion, meinem heiligen Berg, wird keiner mehr Böses tun und Unheil stiften. Ich, der Herr, sage es.

Liebe Trauergemeinde!

Wir müssen Abschied nehmen von Frau O., die ein hohes Alter erreicht hat. Sie hatte ein bewegtes Leben, geprägt von viel Arbeit, von Einsatz auch für die Kirche, bestimmt auch von einer Reihe von Abschieden, Trennungen und Umzügen.

Erinnerungen an das Leben der Verstorbenen

Im Leben von Frau O. war eine Sehnsucht nach Beständigkeit, nach Heimat spürbar. Doch immer wieder machte sie die Erfahrung, die in der Bibel so ausgedrückt ist (Hebräer 13, 14 – GNB):

Auf der Erde gibt es keine Stadt, in der wir bleiben können.

Mehrere Male musste sich Frau O. an neuem Ort oder in einer neuen Wohnung einleben, oft, weil es nicht anders ging, manchmal auch, weil sie sich nicht verschließen wollte, wenn sie woanders nötiger gebraucht wurde. Eine bleibende Heimat können wir in keiner Stadt auf der Erde finden – wir verlassen sie wieder, und sei es spätestens im Augenblick des Todes. Deshalb schreibt der Verfasser des Hebräerbriefes seinen Satz weiter (Hebräer 13, 14):

Auf der Erde gibt es keine Stadt, in der wir bleiben können. Wir warten auf die Stadt, die kommen wird.

Er spricht von seiner Sehnsucht nach wirklicher Heimat, nach einer Geborgenheit, die einem nicht genommen werden kann, nach einem Glück, das wir uns nicht verscherzen können durch unsere Lieblosigkeit und Verschlossenheit, durch unsere Zaghaftigkeit oder mangelnde Vergebungsbereitschaft. „Die Stadt, die kommen wird“ – das ist ein Bild für die Hoffnung, die Gott den Glaubenden ins Herz pflanzt. Wir haben von Gott noch etwas zu erwarten – so können wir diese Hoffnung ausdrücken; wir sind nicht verloren mit unserer Angst vor dem Sterben und vor dem Tod; wir haben die Zusage, dass wir geborgen sein können in der Liebe Gottes – im Leben und im Sterben; diese Welt mag sich zwar selbst in den Untergang steuern, aber Gott hat versprochen, alles neu zu machen. Es ist also sinnvoll, das Leben zu lieben, auf dieser Erde etwas anzufangen mit den Gaben, die wir empfangen haben – für eine bestimmte Zeit, unsere Lebenszeit. Es hat also Zweck, wenn wir uns darum bemühen, liebende Menschen zu sein, unsere lieblose Umwelt zu verändern – durch Hilfsbereitschaft, Vergebung, Offenheit für Menschen, die in Not geraten sind. Offenheit auch für die Sorgen der Fremden, denen genauso wie uns selbst die zukünftige Stadt Gottes verheißen ist. Heimat ist, wenn wir aus der Hoffnung für die künftige Stadt Gottes heraus leben, nicht eingeschränkt auf ein bestimmtes Volk oder eine bestimmte Familie, zu denen man durch natürliche Bindungen gehört. In der Stadt Gottes werden endlich alle miteinander verbunden sein: die Beständigen und die Unstetigen, die Vertrauten und die Fremden, die armen und die reichen Menschen. Diese Verbundenheit kann schon hier beginnen, wo wir in der Hoffnung leben und es als christliche Gemeinde wagen, über Grenzen hinwegzuschauen, auf andere Menschen zuzugehen, mit ihnen auch über Glaubensdinge zu sprechen.

In der neuen Stadt Gottes, die auf uns wartet, wird kein Menschenleben ausgeschlossen sein von der Liebe Gottes. Der Tod wird auf eine unvorstellbare Weise aufgehoben sein. Im Licht der Liebe und Vergebung Gottes werden wir erkennen, wo wir unserer Verantwortung gerecht geworden sind, als wir noch in Städten wohnten, in denen wir nicht bleiben konnen, deren Bestes wir aber suchen sollten; und wir werden auch beschämt erkennen, wo wir versagt haben in der Aufgabe, die jedem von uns gestellt ist: uns mit unseren geschenkten Kräften im Sinn der Liebe Jesu einzusetzen. Wir vergessen so gern die dunklen Erfahrungen, Leid und Schuld. Wir halten es oft nicht aus, daran zu denken und zugleich weiter an das Leben zu glauben. Das Leid, das hier erduldet wurde, das Leid, das man anderen zugefügt oder nicht verhindert hat, das bringen wir nicht so leicht in Einklang mit dem Glauben an einen Gott, der die Liebe ist. In der Hoffnung auf die Stadt Gottes, in der alle Not vergessen sein wird, in der niemand mehr weinen und klagen wird, in der die Freude kein Ende haben wird, wird es uns jedoch möglich, schwere Erfahrungen hier und jetzt auszuhalten, es zu ertragen, dass Gott nicht einfach zu verstehen ist in der Art, wie er oft gerade die im Glauben stärksten Menschen führt.

Auf der Erde gibt es keine Stadt, in der wir bleiben können. Wir warten auf die Stadt, die kommen wird.

In der Hoffnung auf diese neue Stadt Gottes geben wir unsere liebe Verstorbene in Gottes Hände und führen UNSER Leben in der Verantwortung vor Gott, so lange uns dieses Leben mit all seinen Gaben geschenkt ist. Amen.

Herr, himmlischer Vater, du kennst unsere Gedanken und Wege, und so wenig einer unserer Pläne vor dir verborgen ist, so wenig sind unsere Trauer und Freude vor dir verborgen. Sieh uns an, die wir Frau O. beerdigen müssen. Was sie uns getan hat an Gutem, du weißt es. Was wir ihr getan haben an Gutem, davon weißt du auch, ebenso wie du weißt, was wir einander schuldig geblieben sind. Darum nehmen wir in Frieden vor dir, Gott, Abschied von der Verstorbenen, und wir bitten dich herzlich, dass du ihr deinen ewigen Frieden und ewige Heimat gewährst. Halte deine barmherzige Hand über sie und gib uns Kraft, in Wahrheit darauf zu vertrauen, dass unser sterbliches Leben in deiner Hand ist und dass du es zu einem unsterblichen und von Liebe und Freude erfüllten Leben machen willst – hier beginnend und auch in Ewigkeit. Amen.

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