Ein bewegtes Leben in Russland und Kasachstan

Trauerfeier für eine alte Frau, die in Russland und Kasachstan zwischen Familienglück und Kindersterben, zwischen dem Leben in einem deutschen Dorf und harter Deportation und Zwangsarbeit viel erlebt hat, was sie aus Gottes Hand nahm und mit Gottes Hilfe bewältigen konnte.

Ein Denkmal in Kasachstan, das an die Sowjetzeit erinnert: Männer und Frauen, die mit nach oben ausgestreckten Händen vorwärts gehen

Ein Denkmal in Kasachstan, das an die Sowjetzeit erinnert (Bild: pixabay.com)

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. Amen.

Wir sind hier vor Gottes Angesicht versammelt, um Abschied zu nehmen von Frau G., die im Alter von [über 80] Jahren gestorben ist. Ihr irdischer Weg ist zu Ende gegangen, der himmlische Vater, auf den sie vertraute, hat sie heimgerufen.

In dieser Stunde beten wir zu diesem Gott, in dessen Hand wir alle geborgen sind, sei es in der Freude oder sei es im Leid. Wir beten zu Gott, vor dem niemand fliehen kann und der uns überall begleitet, wo auch immer wir sind. Wir beten mit dem Psalm 139:

1 HERR, du erforschest mich und kennest mich.

2 Ich sitze oder stehe auf, so weißt du es; du verstehst meine Gedanken von ferne.

3 Ich gehe oder liege, so bist du um mich und siehst alle meine Wege.

4 Denn siehe, es ist kein Wort auf meiner Zunge, das du, HERR, nicht schon wüsstest.

5 Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir.

6 Diese Erkenntnis ist mir zu wunderbar und zu hoch, ich kann sie nicht begreifen.

7 Wohin soll ich gehen vor deinem Geist, und wohin soll ich fliehen vor deinem Angesicht?

8 Führe ich gen Himmel, so bist du da; bettete ich mich bei den Toten, siehe, so bist du auch da.

9 Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer,

10 so würde auch dort deine Hand mich führen und deine Rechte mich halten.

11 Spräche ich: Finsternis möge mich decken und Nacht statt Licht um mich sein -,

12 so wäre auch Finsternis nicht finster bei dir, und die Nacht leuchtete wie der Tag. Finsternis ist wie das Licht.

13 Denn du hast meine Nieren bereitet und hast mich gebildet im Mutterleibe.

14 Ich danke dir dafür, dass ich wunderbar gemacht bin; wunderbar sind deine Werke; das erkennt meine Seele.

15 Es war dir mein Gebein nicht verborgen, als ich im Verborgenen gemacht wurde, als ich gebildet wurde unten in der Erde.

16 Deine Augen sahen mich, als ich noch nicht bereitet war, und alle Tage waren in dein Buch geschrieben, die noch werden sollten und von denen keiner da war.

17 Aber wie schwer sind für mich, Gott, deine Gedanken! Wie ist ihre Summe so groß!

18 Wollte ich sie zählen, so wären sie mehr als der Sand: Am Ende bin ich noch immer bei dir.

19 Ach Gott, wolltest du doch die Gottlosen töten! Dass doch die Blutgierigen von mir wichen!

20 Denn sie reden von dir lästerlich, und deine Feinde erheben sich mit frechem Mut.

21 Sollte ich nicht hassen, HERR, die dich hassen, und verabscheuen, die sich gegen dich erheben?

22 Ich hasse sie mit ganzem Ernst; sie sind mir zu Feinden geworden.

23 Erforsche mich, Gott, und erkenne mein Herz; prüfe mich und erkenne, wie ich’s meine.

24 Und sieh, ob ich auf bösem Wege bin, und leite mich auf ewigem Wege.

Wir singen gemeinsam das Lied 376:

1. So nimm denn meine Hände und führe mich bis an mein selig Ende und ewiglich. Ich mag allein nicht gehen, nicht einen Schritt: wo du wirst gehn und stehen, da nimm mich mit.

2. In dein Erbarmen hülle mein schwaches Herz und mach es gänzlich stille in Freud und Schmerz. Lass ruhn zu deinen Füßen dein armes Kind: es will die Augen schließen und glauben blind.

3. Wenn ich auch gleich nichts fühle von deiner Macht, du führst mich doch zum Ziele, auch durch die Nacht. So nimm denn meine Hände und führe mich bis an mein selig Ende und ewiglich.

Liebe Trauergemeinde,

es war ein langes, bewegtes Leben, das am vergangenen Montag zu Ende gegangen ist! Frau G. wurde in Russland geboren, im Kaukasus. Das Dorf, in dem sie aufwuchs, gehörte zu den Orten, in denen sich bereits vor 200 Jahren viele Deutsche angesiedelt hatten, die von der Kaiserin Katharina ins Land gerufen worden waren.

In dem Jahr, als sie geboren wurde, herrschten die Zaren noch in Russland, wenn auch die erste russische Revolution schon den späteren großen Wechsel ahnen ließ. Ihren Eltern gehörte ein Bauernhof, und die Familie hatte ihr Auskommen, auch wenn die Kinderschar groß war.

Dann kam der Erste Weltkrieg und die Oktoberrevolution, und mit ihr wurde nach und nach enteignet: erst traf es die großen Grundbesitzer, zum Schluss auch die kleinen Bauersleute. 1928 verlor die Familie ihren eigenen Hof; man musste in der Kolchose arbeiten, aber viel verdiente man nicht. Ohne den eigenen Garten am Haus wäre wohl gar nicht genug zum Essen da gewesen.

Die Lage wurde noch schlimmer, als man deutschstämmige Familien zu verfolgen und zu verschleppen begann.

Erinnerungen an das Familienleben und an Zeiten von Hunger, Deportation und Zwangsarbeit

So waren zwar Not, Hunger und Tränen die ständigen Begleiter der Familie G., aber es gab doch auch immer wieder Glück und Freude in allem Leid.

Hoffnung setzte die Familie auf den Ausreiseantrag, dem aber nicht stattgegeben wurde. Erst nach dem Tod des Ehemannes kam die nun Verstorbene mit einem Teil ihrer Familie ohne Ausreisegenehmigung hier herüber nach Deutschland.

So ging für Frau G. ein Wunsch in Erfüllung: im Land der Urahnen wohnen zu dürfen, die einmal aus Deutschland gekommen waren; hier leben zu dürfen, wo man nicht einfach nur deshalb, weil man deutsch ist, verfolgt wird; noch einmal in Verhältnissen leben müssen, wo nicht ständig Hunger und Not an der Tagesordnung sind.

Ein bewegtes Leben ist das gewesen, und man kann sich fragen, wie man ein derartiges Schicksal tragen kann: der Hof enteignet, harte Arbeit in der Kolchose, mehrere Kinder schon früh verstorben, der Mann für Jahre interniert, die ganze Familie verschleppt aus der Heimat, und immer wieder Zeiten von Hunger und Not.

Frau G. und ihre Familie habem dennoch nie am Glauben an Gott gezweifelt. Auch in äußerer Not und Bedrängnis kann man so zu Gott beten, wie im Psalm 139 gebetet wurde:

5 Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir.

Doch manchmal muss man wohl – genau wie der Psalmbeter selbst – hinzufügen:

6 Diese Erkenntnis ist mir zu wunderbar und zu hoch, ich kann sie nicht begreifen.

Ganz gleich, durch welche Zeiten und an welche Orte Frau G. geführt wurde, und selbst in der Zeit, als man die Familie auseinander riss, so fiel man doch nie aus der Obhut Gottes heraus, so wie es der Psalm in den wunderbaren Worten beschreibt:

9 Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer,

10 so würde auch dort deine Hand mich führen und deine Rechte mich halten.

11 Spräche ich: Finsternis möge mich decken und Nacht statt Licht um mich sein -,

12 so wäre auch Finsternis nicht finster bei dir, und die Nacht leuchtete wie der Tag. Finsternis ist wie das Licht.

Ja, es mag Frau G. oft finster ums Herz gewesen sein, als sie ihre toten Kinder beweinte, als sie zehn Jahre ohne ihren Mann leben und um ihn bangen musste, als ihr Hof und Heimat genommen wurde und Hunger und Elend ihr tägliches Brot waren. Dennoch hielt sie mit ihrer Familie fest am Glauben, denn vor Gott ist selbst die Finsternis nicht einfach finster. „Finsternis ist wie das Licht.“ Im tiefsten Dunkel ist der Herr der Welt als das Licht in der Finsternis erschienen. In tiefe Verzweiflung hinein schenkt Gott den Seinen neues Vertrauen, neue Liebe, neue Hoffnung. Ja, selbst im Tod ist für einen Christen nicht alles aus und vorbei, sondern Gott schenkt uns die ewige Seligkeit.

Dort drüben in Russland und in Kasachstan, da war es in der Zeit des Kommunismus äußerst schwer, am Glauben festzuhalten. Da, wo die Familie G. lebte, wurde es erst 1969 erlaubt, eine lutherische Kirche zu bauen; 1970 war sie fertig, ein einfaches Gebäude, das nicht nur bei der Einweihung voll war, sondern für viele Jahre zahlreichen Gottesdienstbesuchern Platz bot. Auch viel Jugend nahm teil am kirchlichen Leben, und in Kirchenchören wurde mit Begeisterung das Lob Gottes gesungen. So schwer das Leben dort war, man sagte nicht: „Dann kann ich nicht mehr an Gott glauben!“, sondern gerade im Gegenteil: „Gott allein führt mich auf allen meinen Wegen, er lässt nicht von mir, darum lasse ich auch nicht von ihm!“

Einige Jahre hat Frau G. noch hier in Deutschland verlebt. Sie hat mit ihrer Familie erfahren, dass man auch hier Fuß fassen und Freunde finden kann. Man kann als aus dem fernen Russland heimgekehrter Deutscher als Christ am gottesdienstlichen Leben teilnehmen, auch wenn einem vieles fremd ist und einen manches wehmütig stimmt, zum Beispiel wenn unsere Kirchen hier meistens so leer sind und wenn normalerweise bei einer Beerdigung keine Lieder gesungen werden.

Erinnerungen an die Krankheitszeit der Verstorbenen

Sie mag wohl auch zu Gott gebetet haben: „Nimm mich heim zu dir!“ Und das ist nun auch geschehen. Sie ist im Alter von [über 80] Jahren von Gott heimgerufen worden, und wir geben sie getrost in seine Hände.

Wer Frau G. geliebt hat, ist nun traurig über ihren Tod. Aber zugleich kann er auch dankbar sein für das, was ihr an Liebe und Barmherzigkeit geschenkt war, und für das, was Frau G. Ihnen allen bedeutet hat, wie sie sie geprägt hat, womit sie Ihnen unvergessen bleiben wird. Und der größte Trost in der Traurigkeit ist uns die Zusage Gottes, dass er uns nicht vergisst und nicht verloren gehen lässt. Denn wir können zu Gott mit den Worten unseres Psalms beten:

15 Es war dir mein Gebein nicht verborgen, als ich im Verborgenen gemacht wurde, als ich gebildet wurde unten in der Erde.

16 Deine Augen sahen mich, als ich noch nicht bereitet war, und alle Tage waren in dein Buch geschrieben, die noch werden sollten und von denen keiner da war.

Dieser Gott, der uns schon kannte, bevor wir geboren wurden, der nimmt uns bei sich auf, wenn wir sterben. Amen.

Lasst uns beten:

Allmächtiger und barmherziger Gott, wir beten für Frau G., nimm sie gnädig auf in Dein himmliches Reich! Und hilf auch uns, dass wir auf dem Weg bleiben, der zu Dir führt, dass wir uns Dir, dem Ziel unseres Lebens, anvertrauen. Hilf uns, dass wir zu danken lernen, für alles, was Du uns schenkst, auch für all das, was uns mit dem Leben der Verstorbenen gegeben war. Hilf uns auch, empfangene und gegebene Liebe über den Tod hinaus zu bewahren. Und vergib uns, wo wir einander etwas schuldig geblieben sind, was nun nicht mehr zu ändern ist und was uns nicht mehr quälen soll. Begleite uns auf dem Weg der Trauer, schenke uns neu Vertrauen, Hoffnung und Freude. Amen.

Auch wenn es hier ungewöhnlich ist, singen wir noch ein Lied, bevor wir hinausgehen – ein Lied, das der Verstorbenen schon aus der Zeit in Russland sehr vertraut war:

Lass mich gehen, lass mich gehen, dass ich Jesum möge sehen! Meine Seele ist voll Verlangen, ihn auf ewig zu empfangen und vor seinem Thron zu stehen.

Süßes Licht, süßes Licht, Sonne, die durch Wolken bricht, ach, wann werd ich dorthin kommen, dass ich doch mit allen Frommen sehen werd sein Angesicht!

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