Welche Pläne hat Gott mit Jeremia – und mit uns?

Wir sind in unserem Gewissen herausgefordert. Wir stehen auch als kirchliche Gemeinde vor der Frage, welchen Beitrag wir zum Umdenken im politischen, im gesellschaftlichen Bereich zu leisten haben. Unsere Bedenken dagegen sind möglicherweise Ausreden.

Gottes Pläne mit Jeremia: Ein Mann telefoniert mit Smartphone am Ohr

Was tun wir, wenn wir plötzlich einen Anruf bekommen – von Gott? (Bild: Mimzy – pixabay.com)

#predigtGottesdienst am 9. Sonntag nach Trinitatis, 12. August 1979, in Beienheim und Heuchelheim
Lesung – Apostelgeschichte 2, 12-17:

12 Sie entsetzten sich aber alle und wurden ratlos und sprachen einer zu dem andern: Was will das werden?

13 Andere aber hatten ihren Spott und sprachen: Sie sind voll von süßem Wein.

14 Da trat Petrus auf mit den Elf, erhob seine Stimme und redete zu ihnen: Ihr Juden, liebe Männer und alle, die ihr in Jerusalem wohnt, das sei euch kundgetan, und lasst meine Worte zu euren Ohren eingehen!

15 Denn diese sind nicht betrunken, wie ihr meint, ist es doch erst die dritte Stunde am Tage;

16 sondern das ist‘s, was durch den Propheten Joel gesagt worden ist :

17 »Und es soll geschehen in den letzten Tagen, spricht Gott, da will ich ausgießen von meinem Geist auf alles Fleisch; und eure Söhne und eure Töchter sollen weissagen, und eure Jünglinge sollen Gesichte sehen, und eure Alten sollen Träume haben.«

Lieder: 349, 1-3 / 103, 1+3+6 / 226, 5-7 / 263, 3-4
Gottes Gnade und Friede sei mit uns allen. Amen.

Den Predigttext lese ich aus dem Prophetenbuch Jeremia 1, 4-10:

4 Und des HERRN Wort geschah zu mir:

5 Ich kannte dich, ehe ich dich im Mutterleibe bereitete, und sonderte dich aus, ehe du von der Mutter geboren wurdest, und bestellte dich zum Propheten für die Völker.

6 Ich aber sprach: Ach, Herr HERR, ich tauge nicht zu predigen; denn ich bin zu jung.

7 Der HERR sprach aber zu mir: Sage nicht: »Ich bin zu jung«, sondern du sollst gehen, wohin ich dich sende, und predigen alles, was ich dir gebiete.

8 Fürchte dich nicht vor ihnen; denn ich bin bei dir und will dich erretten, spricht der HERR.

9 Und der HERR streckte seine Hand aus und rührte meinen Mund an und sprach zu mir: Siehe, ich lege meine Worte in deinen Mund.

10 Siehe, ich setze dich heute über Völker und Königreiche, dass du ausreißen und einreißen, zerstören und verderben sollst und bauen und pflanzen.

Wir bitten, Herr, um deinen Geist! Amen.

Liebe Gemeinde!

Dieser Text ist mir zugleich fremd und nahe. Er wird uns bis zu einem gewissen Grade fremd bleiben müssen, weil die Zeit Jeremias zu sehr von unserer unterschieden war. Was ist ein Prophet, wie redet Gott zu ihm, was für ein Volk, was für eine Gesellschaft war das, in der er auftrat? Das sind Fragen, die ich in dieser Predigt nicht einmal anschneiden, geschweige denn beantworten kann.

Ich will stattdessen auf die Dinge eingehen, durch die mir der Text nahe ist, die mir unmittelbar einleuchten. Ich lasse also dahingestellt sein, wie ein Wort Gottes einen Menschen erreicht – mich erreicht es z. B. in der schriftlich niedergelegten Form im Jeremiabuch. Sie erreicht es jetzt in der Predigt – die Wirkung dieses Wortes sieht bei mir so aus: ich spüre sehr viel Wärme, eine starke Geborgenheit bei den ersten Worten Gottes an Jeremia: „Als noch kein Mensch an dich dachte, hatte ich bereits einen Plan mit dir. Als du noch nicht geboren warst, hatte ich schon die Hand auf dich gelegt.“ Gott ist an Jeremia interessiert, Gott traut ihm etwas zu, Gott hat etwas mit ihm vor.

Redet Gott auch so mit uns? Können wir das, was im Alten Testament nur dem Propheten gesagt wurde, auf jeden von uns beziehen? Seit der Zeit der ersten Christen, seit dem Ereignis, das sie Pfingsten nannten, können wir darauf mit Ja antworten. Denn uns allen hat er seinen Geist verheißen; in uns allen will er die Gewissheit wecken, dass auch wir wichtig sind für ihn, dass er auch mit uns einen Plan hat und dass wir bei ihm geborgen sind.

Aber wie ist Gott mit seinem Geist in uns am Werk? Sind wir nicht freie Menschen? Das kann so aussehen: Wir vertrauen auf Gott, wir verlassen uns auf das, was Jesus gesagt hat, uns sind jetzt andere Dinge wichtig als früher, wir leben gemeinschaftlicher als früher – all das tun wir selbst, wir ändern uns selbst. Aber dass wir dazu imstande sind, das hat Gott in uns bewirkt, dazu bewegt uns die Ahnung oder die Gewissheit, dass er uns nahe ist.

Machen wir diese Erfahrung nicht? Dann ist es sinnvoll darum zu bitten, wie wir es vorhin im Lied getan haben: „O heilger Geist, kehr bei uns ein!“

Aber was ist der Plan Gottes mit Jeremia? Und was hat Gottes Geist mit uns vor? Jeremia wird Macht verliehen: „Von heute an hast du Macht über Völker und Königreiche!“ Diese Macht besteht nur in seinem Wort, stützt sich nicht auf Waffengewalt. Der Prophet erhält die Vollmacht, im Namen Gottes zu den politisch entscheidenden Vorgängen in seiner Welt Stellung zu nehmen; und mit dem folgenden Satz wird sein Auftrag zusammengefaßt:

Reiße nieder und zerstöre, vernichte und verheere, baue auf und pflanze an!

Vier Aufrufe zur Zerstörung, zwei nur zum Wiederaufbau – hat denn das noch etwas mit der christlichen Liebe zu tun? Erinnert das nicht eher an Parolen anderer Gruppen: zerschlagt das bürgerliche System?

Wir bekommen diese Verwandtschaft mit den Zielen der Systemveränderer nicht aus unserem Text heraus. Jeremia sollte wirklich seinem Volk den Untergang ankündigen, weil es Gott verlassen hatte, weil Gerechtigkeit und Liebe von Unterdrückung und Gleichgültigkeit gegenüber dem Leiden der anderen abgelöst worden waren. Er durfte nicht einmal mehr für sein Volk beten, als es von den Feinden überrannt wurde; es wurde verschleppt, misshandelt, erlebte das alles als harte Strafe Gottes. Erst dann darf Jeremia im Auftrag Gottes wieder vom Aufbauen und Pflanzen, vom neuen Bund Gottes mit seinem Volk reden.

Und wie ist es bei uns? Wenn Gottes Geist in uns am Werk ist, wird er uns Ähnliches zumuten? Darüber sollten wir ernsthaft nachdenken. Wir werden gleich ein Lied singen, in dem es heißt (EG 318, 5):

Er gibt uns seinen guten Geist, erneuet unsre Herzen, dass wir vollbringen, was er heißt, ob‘s auch das Fleisch mag schmerzen.

Auf Gottes Geist sich einzulassen, ist kein bequemer Weg – sonst ist wahrscheinlich etwas faul daran. Der Ausdruck „Fleisch“ hat zwar nichts zu tun mit einer Ablehnung von sinnlicher Lust und Freude, aber mit einer Absage an Lieblosigkeit und Gedankenlosigkeit gegenüber dem Unrecht. Denn dass Gott uns liebt, heißt nicht, dass er alles gutheißt, was wir tun.

Wir lassen uns treiben von den Zwängen unserer Gesellschaft; wir verschwenden Rohstoffe und Energie, wir hören, wie unsere Milch verseucht wird und die Fische in den Flüssen sterben. Noch geht es uns gut dabei. Die Leiden der Menschen in der übrigen Welt scheinen uns nicht zu betreffen – noch sind es ja nur sie, die schon lange unter der Politik der reichen Länder leiden, weil sie als billige Rohstofflieranten gebraucht werden. Noch leiden nur sie. Doch vielleicht müsste auch uns ein Prophet wie Jeremia zurufen: Ihr schafft euch euren eigenen Untergang, wie das Volk Israel damals, nur dass es heute nicht nur um euer eigenes Volk, sondern um die ganze Menschheit geht.

Wir sind in unserem Gewissen herausgefordert. Wir stehen auch als kirchliche Gemeinde vor der Frage, welchen Beitrag wir zum Umdenken im politischen, im gesellschaftlichen Bereich zu leisten haben. Unsere Bedenken dagegen sind möglicherweise Ausreden.

Wenn wir einwenden, Politik sei nicht die Aufgabe der Kirche, erinnere ich an das Wort, das dem Propheten gesagt wird: „Du hast Macht über Völker und Königreiche.“

Wenn wir einwenden, wir seien ja so wenige und in der Politik herrschen entweder Mehrheiten oder das große Geld, denke ich an das Wort vom Salz der Welt: Jesus sagt uns zu, dass wir, die Gemeinde, für die Welt das sind, was das Salz für die Nahrung ist – da machen schon wenige Salzkörner viel aus.

Und wenn wir einwenden, ich bin ja persönlich nicht fähig, mitzureden, mir fehlt die Zeit, mich fortzubilden, ich habe nicht das Wissen der Experten? Sicher kann nicht jeder über alles Bescheid wissen. Aber es ist auch nicht gut, nur den Fachleuten die Verantwortung für die Gestaltung unserer Zukunft zu überlassen.

In unserem Text steht Gottes Wort selbst gegen die Meinung, nur die Erfahrenen, ausschließlich die besonders Ausgebildeten sollten etwas zu sagen haben. Vielleicht sind diese durch persönliche Interessen zu stark an die Aufrechterhaltung ungerechter Zustände gebunden. Stattdessen heißt es hier, als Jeremia sich herausreden will: „Ich bin noch zu jung, ich kann doch nicht reden!“ – da antwortet ihm der Herr: „Sag nicht: ‚Ich bin zu jung!‛ Sondern geh, wohin ich dich sende, und verkünde, was ich dir auftrage!“ Er fordert aber nicht nur, sondern verspricht auch mehr zu geben, als Jeremia von anderen Menschen oder sich selbst erwarten kann: „Hab keine Angst, denn ich bin bei dir und werde dich beschützen. Ich, der Herr, sage es.“

Diese Predigt ist darauf angelegt, viele Fragen offenzulassen, nachdenklich zu machen. Wir sollten einmal gemeinsam besprechen, was bei diesem Nachdenken herauskommt und wie wir die offenen Fragen einer Antwort näherbringen können. Lassen Sie mich bitte wissen, was Sie von dem halten, was ich Ihnen in dieser Predigt gesagt habe. Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.

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