Giordano Bruno, der Golem und die Zellbiologie

Anmerkungen zu einem Buch von Nicolas Benzin.

Verfügte der Wegbereiter des modernen astronomischen Weltbildes Giordano Bruno (1565-1600) mit seinem Interesse an der okkulten Philosophie der Renaissance und seinen Kontakten zu Girolamo Fracastoro, John Dee und Schülern des Paracelsus bereits über zellbiologische Einsichten, die sich auf die Erwähnung des Golems in Psalm 139 und seine kabbalistische Interpretation stützen konnten?

Giordano Bruno steht vor der Römischen Inquisition und wird verurteilt.

Der Prozess gegen Giordano Bruno vor der Römischen Inquisition. Bronze-Relief von Ettore Ferrari (1845-1929), Campo de’ Fiori, Rome (Bild: Jastrow [Public domain], via Wikimedia Commons)

Inhaltsverzeichnis

Sehr geehrter Herr Benzin!

Zum Werdegang und zu den Prägungen von Giordano Bruno

Verfügten bereits Girolamo Fracastoro, John Dee und Giordano Bruno über zellbiologische Einsichten?

Enthält die Bibel in Psalm 139,13-16 zellbiologische Informationen?

Gelang es Paracelsus, einen künstlichen Menschen zu erschaffen?

Nebenbei: Gab es im Prag Kaiser Rudolfs II. bereits die Television?

Was ist die Kernaussage von Giordano Brunos Werk „Über die Monas, die Zahl und die Figur“?

Die Urkraft des Lebens entzieht sich wissenschaftlicher Betrachtung

Sehr geehrter Herr Benzin,

zu Ihrem Buch „Giordano Bruno und die okkulte Philosophie der Renaissance“ (Groß-Gerau 2016), das von Wilhelm Kaltenstadler sehr positiv rezensiert wurde, habe ich selbst erhebliche Einwände. Aber ich will mit dem Positiven beginnen.

Zum Werdegang und zu den Prägungen von Giordano Bruno

Den Lebenslauf des großen Denkers Giordano Bruno, der seiner Zeit in vielem voraus war – zum Beispiel darin, dass er als erster seinen Blick auf eine Vielzahl von Welten in einem unermesslich großen Universum von Millarden von Galaxien mit Milliarden von Sonnensystemen gerichtet hat – haben Sie so dargestellt, dass man einen guten Eindruck von seinem Werdegang und der Entwicklung seines Denkens bekommt.

Ebenso aufschlussreich finde ich die vielen Hinweise auf Zeitgenossen oder Vorläufer seines Denkens, mit denen er in Kontakt gestanden, auf denen er aufgebaut oder von denen er sich abgegrenzt hat.

Ich stimme auch zu, dass Giordano als Mensch der Renaissance sowohl durch Einflüsse der griechisch-römischen Antike wie der arabischen und jüdischen Kultur geprägt wurde. Anders als etwa die „Hamburger Neue Historische Schule“ sehen Sie die Renaissance auch als ein Zeitalter der „Wiederentdeckung des Wissens der Alten, das oftmals höher steht als die ganze Entwicklung der vorangegangenen Jahrhunderte im christlichen Abendland“, und verdächtigen Sie die „antiken Handschriften der griechisch-römischen Epoche“, die vor allem „in den Klöstern“ gefunden werden und „ab 1453 nach der Eroberung Konstantinopels (Byzanz) durch die Osmanen, mit dem anschließenden Untergang des oströmischen Reiches, … in den Westen Europas“ strömen, nicht in Bausch und Bogen der Fälschung (S. 12). Im Blick auf das „übermittelte Wissen der Araber“ und den „Einfluss der jüdischen Tradition auf die Renaissance-Kultur“ (S. 13) vertreten Sie einen ausgewogenen Standpunkt.

Warum Giordano Bruno „die hebräische Sprache“ Ihrer Ansicht nach nicht „im Konvent von Neapel“ (S. 21) gelernt haben kann, erschließt sich mir nicht ganz; immerhin hat er als 23-Jähriger bei seiner Audienz vor Papst Pius V. bereits profunde Hebräisch-Kenntnisse. Und warum sollte es auf einer Universität, die von Friedrich II. gegründet wurde, nicht auch Hebräisch-Unterricht gegeben haben, wenn doch gerade dieser König für seine Sprachkenntnisse auch im Hebräischen bekannt war?

Dass Bruno sich zeitlebens für Kabbalistik, Hermetik und Alchemie interessiert hat, insbesondere „ein Freund altägyptischer Weisheitslehren“ (S. 17) war, ist ebenfalls unbestritten; wenn Sie allerdings die Datierung der „hermetischen Schriften in die ersten Jahrhunderte nach Christus“ anzweifeln und in ihnen ein „Wissen, dessen einzelne Elemente aus einer viel älteren Epoche stammen“ (S. 15), vermuten, dann beginne ich mich zu fragen, auf was Sie letztlich wohl hinaus wollen.

Vollends skeptisch stimmen mich in Ihrem Buch zahlreiche Formulierungen, die eine Spurensuche nach geheimgehaltenen Quellen verborgenen Wissens in Kabbala, Hermetik und Alchemie unterstellen, von denen nur Sie etwas ahnen oder wissen, die aber von der gesamten offiziellen Wissenschaft übersehen oder als Hirngespinste rückwärtsgewandter Denker abgetan werden. Das beginnt bereits mit dem kryptischen Satz Dieter Vogls im Vorwort, „dass Bruno über Sachverhalte schreibt, die er gar nicht gekannt haben kann“ (S. 7).

Sie sehen Giordano Bruno in „Südfrankreich“ als einem „Zentrum der Gnostiker …, die außerbiblische Überlieferungen bewahrt haben“, möglicherweise „auf der Suche nach alten Handschriften …, die sein Wissen über die ägyptisch-hermetische Überlieferung haben vertiefen sollen. Bedenken müssen wir auch, dass in Südfrankreich verschiedene kabbalistische Bücher entstanden sind und auch noch heute in dortigen Bibliotheken zu finden sind.“ (S. 30) Dass Bruno nicht „ohne Umwege nach Paris“ gegangen ist, sehen Sie als Indiz dafür, dass er „genau festgelegte Stationen für seine Studienreisen gehabt“ haben könnte (S. 31) und dass er „zwar auf der Flucht vor der Inquisition gewesen ist, insofern ein Getriebener, dass er aber ganz gezielt die Orte an denen das alte alchimistisch-hermetisch-kabbalistische Wissen noch lebendig gewesen ist, aufgesucht hat.“ (S. 33)

Weiter halten Sie es nicht für ausgeschlossen, dass er – wie es auch für Heinrich Cornelius Agrippa von Nettesheim (1486-1535) vermutet wurde, „Mittelpunkt eines Geheimbundes gewesen sein [könnte], der sich mit Alchimie und der Erforschung hermetischer, neuplatonischer und kabbalistischer Texte befasst habe“, und dass „jene Gruppen von Eingeweihten …, die Träger der alchimistisch-hermetisch-kabbalistischen Tradition, die er in jeder größeren Stadt seiner Reisen hat antreffen können“ (S. 44), vielleicht sogar den Druck seiner Werke finanziert haben.

Dass Kaiser Rudolf II. im Jahr 1588 in Prag „Giordano Bruno mit der Summe von dreihundert böhmischen Talern für seine Dienste“ entlohnt, nach eigener Aussage „für seine dem Kaiser gewidmeten ‚160 Thesen gegen die Mathematiker‘“, werten Sie als ein Indiz dafür, dass „der Nolaner dem Kaiser schon etwas mehr aus seinem reichen Wissensschatz geboten haben“ muss (S. 61).

Verfügten bereits Girolamo Fracastoro, John Dee und Giordano Bruno über zellbiologische Einsichten?

Worin besteht nun Ihrer Meinung nach der Kern des Wissens von Giordano Bruno?

Bereits im Vorwort bezieht Dieter Vogl Brunos Lehre von der Monade „auf den biologischen Bereich“, indem „aus der Ursache, dem Prinzip und dem Einen, lediglich eine äußerst detaillierte Beschreibung des Lebens“ wird (S. 8). Sie führen diesen Gedanken noch einen Schritt weiter, indem Sie zu Giordano Bruno formulieren (S. 24):

„ Alle lebendigen Organismen im biologischen Sinne sind seiner Meinung nach aus ‚Monaden‘ aufgebaut, was wir heute als Ur- oder Stammzelle deuten können.“

Dazu möchte ich allerdings sogleich kritisch fragen, ob eine solche Deutung nicht zu viel in Brunos Monadenlehre hineinliest, denn er persönlich spricht eben nicht ausdrücklich von Zellen, und erst recht beschreibt er sie nicht im Sinne der modernen Biologie.

Zu belegen versuchen Sie Ihre Deutung, indem Sie vermuten, dass Bruno während seines Studiums in Neapel auch die Schriften des Mediziners Girolamo Fracastoro kennengelernt haben kann. Der hatte nämlich „mit seiner Schrift ‚De contagione et contagiosis morbis‘ 1546 als erster … eine zusammenfassende Darstellung der Infektionskrankheiten verfasst“, und Sie fragen sich, ob Fracastoros für die moderne Medizin bahnbrechenden Erkenntnisse über „Infektionsträger“ oder „Infektionskeime“ (S. 23) allein auf ein „totes Universum“ wie „die Atomistik des Griechen Demokrit zurückzuführen sein“ können. Das halten Sie für unwahrscheinlich; stattdessen unterstellen Sie ohne weitere Belege als bewiesen: „Fracastoro als auch Bruno müssen noch andere gemeinsame Quellen für ihre Vorstellung von lebendigen Mikroorganismen gehabt haben.“ (S. 24)

Auch mit John Dee bringen Sie Bruno in Verbindung, da beide nach einem Aufenthalt in Zürich jeweils ein Buch über die „Monas“ veröffentlichen – John Dee im Jahr 1564 seine astrologisch- alchimistische „Monas hieroglyphica“, Giordano Bruno im Jahr 1591 sein Werk „Von der Monas, der Zahl und der Figur“. In diesem Zusammenhang erläutern Sie im Blick auf John Dee folgende „gewagte Hypothese“ (S. 41f.):

„Was mag wohl die ‚Monas hieroglyphica‘ darstellen? Wenn man Monas als den ‚Urgrund allen Seins‘ übersetzt und hieroglyphisch mit ‚heiliges Zeichen darstellend‘, die Abbildung mit uns heute geläufigen Symbolen vergleicht, dann kommen wir zu dem Schluss, dass es sich um eine Urzelle gehandelt haben muss. Somit liegt bereits 1564 ein Buch zur Zellbiologie vor.“

Das belegen Sie aber nur mit Hilfe fragwürdiger Rückschlüsse. Beschreibt denn John Dee mit Hilfe seines Begriffs der Monade tatsächlich winzigste Bausteine der Lebewesen und weiß er über ihren Aufbau Bescheid?

Sie bringen alles, was er über die Monade als „heiliges Einheitszeichen“, als „Einheit natürlichen und göttlichen Wissens“, als „alchimistisches Gefäß“ für die „Transmutation“, als „Speicher“ für die „ganze Vielfalt des Universums“ sagt, auch dass sie „für Zeugung und Tod des Lebewesens verantwortlich“ ist, mit modernen Erkenntnissen über die DNS zusammen und behaupten, dass er damit ausdrücklich etwas über die „Funktionen einer Urzelle“ zu sagen weiß. Dabei unterläuft Ihnen aber der Denkfehler, dass Sie von etwas Allgemeinerem einen beweiskräftigen Schluss auf etwas sehr Spezielles ziehen wollen.

Natürlich laufen in einer Zelle Transmutationen ab, und den Raum „innerhalb der abgegrenzten Einheit der Zelle“ kann man von heute aus gesehen rückblickend mit einem alchimistischen Gefäß vergleichen. Aber wie soll damit bewiesen sein, dass John Dee damals schon alles gekannt hat, was man später einmal mit einem alchimistischen Gefäß seiner Zeit würde vergleichen können? Um zu beweisen, dass John Dee schon über den Aufbau der Zelle Bescheid wusste, müssten Sie schon Belege dafür beibringen, dass er diesen Aufbau tatsächlich im einzelnen beschreibt.

John Dees Gedanken der Monade als „Speicher“ für die „ganze Vielfalt des Universums“ beziehen Sie übrigens nicht korrekt auf die Gedankenwelt Brunos, indem Sie schreiben (S. 43):

„Wenn am Anfang der Schöpfung eine Urzelle mit dem universellen Code der DNS gestanden hat, dann sind aus ihr alle Lebensformen des Universums hervorgegangen. Die Zelle stellt so den Speicher dar, in dem sich auf geringstem Raum die ganze spätere (biologische) Vielfalt des Universums verdichtet. Ein Gedanke, den Giordano Bruno in seinen Schriften aufgreifen wird, wenn er von einem homogen aufgebauten Universum schreibt, das eine unendliche Vielzahl von belebten Welten beherbergt, die von Lebewesen und Menschheiten der unterschiedlichsten Entwicklungsstufen bevölkert werden.“

Wo steckt der Fehler?

Erstens ist schon einmal die Voraussetzung Ihres Satzes, dass „alle Lebensformen des Universums“ aus einer einzigen Urzelle hervorgegangen sind, bestenfalls ein Axiom und keine bewiesene Tatsache. Und selbst wenn dieser Satz für die Erde stimmt, hatte nicht schon die Urzelle selbst die Information für die ganze Vielfalt aller späteren Lebewesen enthalten, sondern diese gingen durch ein Wechselspiel von Umweltfaktoren und Gen-Mutationen im Laufe der Zeit auseinander hervor.

Zweitens ist Bruno zwar wegweisend als erster Denker, der den Makrokosmos als eine Vielzahl von Galaxien denkt, die Milliarden von Sternsystemen enthalten, auf deren Planeten es Leben geben kann, das dem Leben auf der Erde vergleichbar ist. Aber man kann nicht den Rückschluss beweisen, dass Bruno das auf Grund von Einsichten über die Stuktur einer Urzelle herausgefunden haben soll. Zum Gegenbeweis müssten Sie konkrete Belege dafür in seinen Schriften vorweisen.

Enthält die Bibel in Psalm 139,13-16 zellbiologische Informationen?

Im Zusammenhang mit Giordano Brunos Aufenthalt in Prag erwähnen Sie den angeblich von Rabbi Löw geschaffenen Golem, „einen künstlichen Menschen“ (S. 51), und beschäftigen sich sehr ausführlich mit der einzigen Erwähnung des Wortes „Golem“ in der hebräischen Bibel, „und zwar in Psalm 139, Vers 16“ (S. 52).

Dabei stellen Sie bedauernd fest:

„die einzelnen Übersetzungen sind recht unterschiedlich. Ja gibt es denn nicht nur eine verbindliche Text-Überlieferung, wird man vielleicht fragen? Nein, zumindest nicht außerhalb des hebräischen Urtextes.“

Damit wiederum begründen Sie den Vorwurf, dass die „Theologen der einzelnen Konfessionen“ in ihre Übersetzungen „theologische Interpretation – ganz nach dem jeweiligen Glaubensverständnis“ hineinpacken:

„Diese Art der Textausdeutung führt natürlich zu schwerwiegenden Verfälschungen der eigentlichen Aussagen.“

Diese Ausführungen lassen erkennen, dass Sie den grundlegenden Unterschied zwischen Urtext und Übersetzung nicht begreifen. Den Urtext kann die philologische Wissenschaft mit den Mitteln, die ihr zur Verfügung stehen, an Hand der vorhandenen Handschriften einigermaßen verbindlich rekonstruieren. Aber jede Übersetzung dieses Urtextes in eine andere Sprache ist immer außerhalb des übersetzten Urtextes, sonst wäre es ja einfach eine Kopie und keine Übersetzung.

Und verschiedene Übersetzungen, auch solche in dieselbe andere Sprache, müssen immer unterschiedlich sein, da keine Übersetzung vollständig in den Sprach- und Kulturraum einer anderen Sprache übertragen werden kann, schon deswegen, weil sich beides fortwährend im Fluss befindet. Daher auch die immer wieder notwendig werdenden Neu-Übersetzungen, um sowohl dem Sprachempfinden der neuen Zeit als auch neuen Forschungsergebnissen über den Urtext und seine Überlieferung gerecht zu werden.

Schließlich ist es auch völlig unvermeidlich, mit einem eigenen Vorverständnis an eine Übersetzung heranzugehen. Jede Übersetzung ist immer auch eine Interpretation. Das geht gar nicht anders. In der Gefahr, bei einer Übersetzung Aussagen des Urtextes zu verfälschen, stehen also nicht nur Theologen mit ihrem „jeweiligen Glaubensverständnis“, sondern zum Beispiel auch Sie mit Ihrem alternativen Ansatz. Am deutlichsten lassen Sie Ihre persönliche Voreingenommenheit erkennen, wenn Sie beiläufig den „Schöpfer des künstlich zu erschaffenden Menschen“ (S. 54) erwähnen. Das bedürfte zumindest mal einer Erläuterung, denn ich kenne niemanden außer Ihnen, der den Psalm 139 als Lobpreis der künstlichen Menschenschöpfung interpretiert.

Im einzelnen begreifen Sie nicht, warum die meisten „Übersetzer von der Erschaffung der Nieren schreiben“, während „die Übersetzer der ‚Bibel in heutigem Deutsch‘ diesen Aspekt wegfallen“ lassen. Sie meinen (S. 54):

„Zu unklar ist die Bedeutung dieses Details. Theologischem Wunschdenken gemäß wird daraus ‚Du hast mich geschaffen mit Leib und Geist‘. Also ‚vollkommen‘ oder ‚ganz und gar‘. Das ist zwar auch in unserem Gesamtzusammenhang nicht falsch, trifft aber nicht den Kern der Sache einer wörtlichen Übertragung ins Deutsche.“

Auch hier irren Sie in mehrfacher Hinsicht. Erstens ist überhaupt nicht unklar, warum im Urtext wortwörtlich die Nieren erwähnt werden. Denn für hebräisch denkende Menschen waren die Nieren oder die Eingeweide der Sitz der Gefühle, was nach dem deutschen Sprachempfinden nicht der Fall ist. Darum irren Sie zweitens auch darin, dass in jedem Fall eine wörtliche Übersetzung den Sinn des Urtexts am besten wiedergibt. Übersetzt man wörtlich mit „Nieren“, dann kann der Sinn des Urtextes damit nicht in vollem Umfang ins Deutsche übertragen werden. Deswegen hat die „Bibel in heutigem Deutsch“ den Weg einer weniger wörtlichen und mehr sinngemäßen Übertragung gewählt, um mit der Formulierung „mit Leib und Geist“ das ursprünglich Gemeinte besser herauszustellen. Letztlich kann nur ein Zusammenspiel verschiedener Übersetzungen, verbunden mit zusätzlichen Erläuterungen, dem Urtext einigermaßen gerecht werden.

Kommen wir nun zur Übersetzung von „meinen GoLäM“. Die Grundbedeutung dieses Wortes ist tatsächlich „formlose Masse“. Da es hier um das Werden eines Menschen im Mutterleib geht (siehe Vers 13), könnte man auch „meinen Embryo“ übersetzen, die Elberfelder Revision von 2006 übersetzt mit „meine Urform“. Die sinngemäße Übersetzung der „Bibel in heutigem Deutsch“ trifft eigentlich ganz gut, worum es geht: „Du sahst mich schon fertig, als ich noch ungeformt war.“ Weiter hergeholt ist das jedenfalls nicht als Ihre Überlegungen, dass mit diesem „GoLäM“ bereits ein detailliertes Wissen über „die genetischen Tatsachen“ der Teilung und Reifung von Keimzellen vorweggenommen würde. Ihre Spekulationen, auf Grund welcher „Technik“ oder „Überlieferung“ der Psalmdichter wohl zu seinen Erkenntnissen gekommen sein könnte, sind jedenfalls völlig überflüssig, da er einfach in schlichten poetischen Worten den natürlichen Ursprung des Menschen im Mutterleib beschreibt.

Aus der Übersetzung der von Ihnen zitierten Elberfelder Bibelausgabe vom Jahr 1990 schließen Sie weiterhin, dass die (S. 55f.)

„einzelnen Gebeine, inneren Körperbestandteile oder Organe ‚… während vieler Tage gebildet‘ [wurden] … und dass diese Vorgänge der Organbildung in das Buch des Schöpfers eingetragen waren oder wurden. Welches Buch kann hier gemeint sein? Sicherlich das ‚Sefer Jezira‘, das ‚Buch der Schöpfung‘ oder ‚Buch der Formung‘. Inhaltlich führt es die in Psalm 139 kurz angedeuteten Vorgänge detailliert aus – und ist Grundlage und ‚Betriebsanleitung‘ bei der Erschaffung eines Golems (Hilchoth Jezira = Vorschrift für die Schöpfung)“.

Diese gesamte Argumentation bricht schon deswegen zusammen, weil selbst die revidierten Elberfelder Übersetzungen von 1993 und 2006 (wie alle anderen Bibelausgaben) davon abgegangen sind, die in Vers 16 erwähnten „vielen Tage“ auf die Bildung der Gebeine des Menschen zu beziehen. Auch sie übersetzen nun: „Und in dein Buch waren sie alle eingeschrieben, die Tage, die gebildet wurden, als noch keiner von ihnen da war.“ Denn erstens kann sich der Plural von „eingeschrieben“ nicht gut auf das Wort „Gebein“ beziehen, das im vorvorigen Satz im Singular steht; zweitens fehlt vor dem Wort „die Tage“ eine Präposition, die man mit „während vieler Tage“ übersetzen könnte.

Tatsächlich stellt sich also der Psalmdichter vor, wie Gott alle zukünftigen Tage der Menschen in sein Buch des Lebens aufschreibt, das u. a. genau in diesem Sinne in Psalm 69,29, Philipper 4,3, Offenbarung 3,5; 17,8; 20,12.15 erwähnt wird (vgl. auch Lukas 10,20).

Aber selbst wenn der Psalmdichter die Tage der Bildung der Gebeine meinen würde, könnten diese sicher nicht schon vor Urzeiten in das „Sefer Jezira“ eingetragen worden sein, da dieses Buch allerfrühestens im 1. Jahrhundert n.Chr. entstanden ist. Und selbst wenn man den Autoren des „Sefer Jezira“ glauben dürfte, dass ihr Buch bereits auf Abraham und Melchisedek zurückgeht, wäre es immer noch mindestens 1400 Jahre zu spät entstanden, als dass die Schöpfer des Adam ihre ursprünglichen Informationen über seine Erschaffung in das „Sefer Jezira“ hätten eintragen können.

Gelang es Paracelsus, einen künstlichen Menschen zu erschaffen?

Weiterhin ist es Ihnen wichtig, dass Giordano Bruno in seiner Prager Zeit auch Schülern des Paracelsus begegnen konnte, die Kaiser Rudolf II. an seinen Hof holte. Es mag erfolgversprechend sein, die Heilmethoden des Paracelsus einer intensiven Würdigung durch die moderne medizinische Wissenschaft zu unterziehen. Ihnen liegt aber noch mehr daran, dass bereits Paracelsus die „Schaffung eines Homunculus“, also eines künstlichen Menschen, für möglich gehalten hat (S. 57):

„Ob auch der Natur und Kunst möglich sei, dass ein Mensch außerhalb weiblichs Leibs und einer natürlichen Mutter möge geboren werden? Darauf geb ich die Antwort, dass es der Kunst spagirica und der Natur in keinem Weg zuwider, sondern gar wohl möglich sei.“ (so Paracelsus, Vom Licht der Natur und des Geistes: Eine Auswahl aus dem Gesamtwerk, Stuttgart: Reclam 1993, S. 169).

In diesem Zusammenhang weisen Sie darauf hin, dass Paracelsus die gleichberechtigte Beteiligung von Mann und Frau bei der Entstehung eines Kindes betont:

„Merket, dass der Mann einen halben Samen hat und die Frau einen halben. Also die zween machen einen ganzen Samen.“ (Paracelsus, Vom Licht der Natur und des Geistes: Eine Auswahl aus dem Gesamtwerk, a.a.O. , S. 169)

Daraus folgern Sie allerdings wieder kurzschlüssig und ohne weitere Belege, dass er bereits den Aufbau der Chromosomen gekannt hätte, und fragen sich (S. 58):

„Woher hatte Paracelsus sein Wissen? Kann er bereits Hochleistungsmikroskope gekannt haben – oder hat er in einer Tradition uralten überlieferten Wissens gestanden?“

Indem Sie in einer Anmerkung zu diesen Fragen auf einen von Ihnen verfassten Beitrag über „Das Paläo-SETI-Patent“ verweisen, wird deutlich, dass Sie annehmen, Paracelsus schöpfe aus uralten Überlieferungen, die der Menschheit von Wesen außerirdischen Ursprungs hinterlassen worden waren.

An dieser Stelle kommen Sie zum eigentlichen Kern dessen, was Sie an der Beschäftigung mit dem Umfeld Giordano Brunos interessiert. Es ist der Satz des Paracelsus:

„Denn alles das, das ein besonderes Stück ist im Leib, das hat einen besonderen Samen“ (Paracelsus, Vom Licht der Natur und des Geistes: Eine Auswahl aus dem Gesamtwerk, a.a.O., S. 169).

Aus diesem Satz schließen Sie, dass schon Paracelsus gewusst habe, „dass genau bestimmbare Chromosomen für die Ausbildung eines Organs oder Körpersystems zuständig sind“. Und es ist dieser Zusammenhang, der Ihren Mitstreiter „Dieter Vogl, Dozent am Institut für angewandte Paläo-SETI-Forschung der Giordano-Bruno-Gesellschaft e.V.“ zur Erfindung eines „mikrobiologischen Verfahrens zur genetischen Rekonstruktion von menschlichen Organen unter Verwendung von körpereigenen Zellen und der darin enthaltenen Erbinformation“ (S. 58f.) inspiriert hat (vgl. das von Ihnen mitverantwortete Werk „Die Entdeckung der Urmatrix“).

Ob ein solches Verfahren überhaupt umsetzbar ist, lasse ich an dieser Stelle dahingestellt sein. Sie selbst weisen darauf hin, dass bereits Paracelsus zur Erschaffung eines Homunculus den Vorschlag mache, „männliche Samenzellen zu verwenden, die es auf besondere Weise zu verarbeiten gilt, um ein Retortenbaby entstehen zu lassen“ (S. 58). Schaut man aber einmal in Wikipedia nach, wie diese „besondere Weise“ der Verarbeitung konkret ausgesehen hat, so scheint sie mir nicht sehr erfolgversprechend gewesen zu sein:

In De natura rerum wird aus der Tatsache der Putrefaktion (dem Verfaulen und Verwesen organischer Stoffe) in warm-feuchter Umgebung abgeleitet, dass auch die Entwicklung des bebrüteten Vogeleies und die Entwicklung des männlichen Samens in der Gebärmutter eine solche Putrefaktion darstelle. Somit ließe sich eine künstliche warm-feuchte Umgebung für das Wachstum eines Lebewesens schaffen. Paracelsus gibt eine konkrete Anleitung für die Erzeugung eines Homunkulus: Man müsse menschliche Spermien 40 Tage in einem Gefäß im (wärmenden) Pferdemist verfaulen lassen. Was sich dann rege, sei „einem Menschen gleich, doch durchsichtig“. 40 Wochen lang müsse man dieses Wesen dann bei konstanter Wärme mit dem Arcanum des Menschenbluts nähren, und schließlich werde ein menschliches Kind entstehen, jedoch viel kleiner als ein natürlich geborenes Kind.

Nebenbei: Gab es im Prag Kaiser Rudolfs II. bereits die Television?

Merkwürdig finde ich es, wenn Sie im Zuge der Beschreibung der „Atmosphäre im Prag der Spätrenaissance“ anzudeuten scheinen, dass es bereits damals so etwas wie das Fernsehen gegeben haben könnte: „Aus dem Prag Kaiser Ru{60}dolfs ll. erreicht uns das Gerücht, dass Hieronymus Scotus einen ‚magischen Spiegel‘ besessen habe, mit dem man Dinge in weiter Ferne sehen könnte. Es würde sich lohnen, auch dieser Sache einmal auf den Grund zu gehen.“ (S. 59f.) Nach einem Eintrag in Wikipedia handelte es sich dabei allerdings schlicht um Taschenspielertricks bzw. Hypnose.

Was ist die Kernaussage von Giordano Brunos Werk „Über die Monas, die Zahl und die Figur“?

Ausführlich beschäftigten Sie sich mit dem Werk „Über die Monas, die Zahl und die Figur“, das Bruno im Jahr 1591 in Frankfurt am Main veröffentlicht hat. Sie bestreiten, dass es lediglich eine Abhandlung über „Mathematik und die Konstruktion von geometrischen Figuren“ ist (S. 65), sondern reihen es in die Tradition „von Kabbala, Hermetik, Alchimie und Magie“ ein, deren „praktischen Nutzen“ die „moderne Philosophie in ihren traditionellen Strömungen“ Ihnen zufolge noch immer nicht erkannt hat (S. 70). Nach Brunos eigenen Worten waren „die Zahlen dieser Art für Pythagoras, Aglaophemus, Zarathustra und Hermes Babylonius Prinzipien …, durch die die Menschen Kooperatoren der operierenden Natur sein können.“ (Giordano Bruno [1591], Über die Monas, die Zahl und die Figur, a.a.O., S. 14) Das ist also das „Kernthema“ dieses Buches: „Wie kann der Mensch Kooperator der operierenden Natur werden?“ (S. 69)

Und wieder versuchen Sie, in Giordano Brunos Werk Indizien aufzuweisen, die belegen, dass bereits er über zellbiologisches Wissen verfügt hat (S. 71):

„Grundlage aller biologischen Lebensformen ist die natürliche Zelle. Und das Leben auf der Erde soll unseren Wissenschaftlern zufolge ja auch mit den Einzellern in den Urozeanen seinen Anfang genommen haben. Betrachten wir die Figuren in dem Buch ‚Über die Monas‘, dann könnten einige als idealisierte Graphiken einem modernen Buch über Zellbiologie entnommen sein.“

Diese Vermutung ist allerdings nicht wirklich beweisbar, weil man, wie Sie sagen, in späteren Ausgaben seiner Schriften „die Abbildungen im Geiste der damaligen Zeit ‚geschönt‘ … [d.h.] den mathematisch-mechanistischen Vorstellungen angeglichen hat.“ (S. 71f.)

Dass die „Monas“ bereits in den „hermetischen hermetischen Schriften … als Kreis mit einem Punkt in der Mitte dargestellt“ (S. 72) wird, kann allerdings ebenfalls nicht beweisen, dass man sie mit dem modernen Begriff einer Zelle als dem „kleinsten Teil alles Lebendigen“ (S. 73) identifizieren muss. Dafür sind Brunos Sätze, die Sie zur Begründung zitieren, viel zu allgemein gefasst:

„Das erste Prinzip für alles Hervorgehende ist eines. Die erste Ursache für jede Wirkung ist eine. Eines ist das Element für alles Zusammengesetzte.“ (Giordano Bruno [1591], Über die Monas, die Zahl und die Figur, a.a.O., S. 26)

Nach Ihrer Methode der Beweisführung müsste man aus diesen Sätzen ebenso schließen können, dass Bruno bereits sämtliche Bausteine der Atome bis hinunter zu den letzten Quarks gekannt haben müsste.

Vollends abwegig werden Ihre Schlussfolgerungen, die Sie auf den folgenden Satz Brunos aufbauen (S. 74):

„Eines ist das Zentrum im Mikrokosmos, das Herz, von dem durch das ganze Lebewesen die Lebensgeister ausgehen, in ihm ist der universale Lebensbaum angeheftet und angewurzelt, und auf seine erste Bewahrungs- und Erhaltungskraft wenden sich jene Geister wieder zurück.“ (Giordano Bruno [1591], Über die Monas, die Zahl und die Figur, a.a.O., S. 28)

Alle Begriffe in diesem Satz interpretieren Sie so, als ob Bruno bereits den Aufbau des „Mikrokosmos der Zelle“ gekannt hätte (S. 74f.):

„Das Herz, von dem die Lebensgeister ausgehen, wird der Zellkern sein. … Bei den Lebensgeistern, die aus- und eingehen, mag es sich um Botenstoffe handeln… : Die Engel, griechisch angeloi – Boten. ln der Genetik kennt man die sogenannte Messenger-RNS, das sind Stränge der Ribonukleinsäure, die eine Boten-Funktion haben. … Im Herzen, dem Zellkern, befinde sich auch der universale Lebensbaum. … Und wenn man sich die Kunststoffmodelle der Struktur der DNS aus der Schulzeit wieder ins Gedächtnis ruft, die wie eine Wendeltreppe nach oben strebende Doppelhelix (Watson-Crick-Modell), dann erkennt man, was poetisch ausgedrückt einen ‚Lebensbaum‘ darstellt.“

So geheimnissen Sie sehr phantasievoll spätere Erkenntnisse in einen Satz des Giordano Bruno hinein, und zwar ohne jeden Beleg, dass Bruno wirklich über genau diese Erkenntnisse schon verfügte.

Als Bestätigung Ihrer Behauptungen führen Sie allerdings den Anfang des Johannesevangeliums (1,1) an: „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott. Dieses war im Anfang bei Gott. Alles ward durch dasselbe, und ohne dasselbe ward auch nicht eines, das geworden ist.“ Diese Gleichsetzung des Wortes mit Gott bringt Bruno in einen Zusammenhang mit dem Namen Gottes, der

„bei den Völkern nach altem Brauch vier Buchstaben hatte. Besonders aber bei den Kabbalisten gab es den unaussprechlichen Namen Gottes aus dem zehnten, dem fünften, dem zehnten und dem sechsten Buchstaben des hebräischen Alphabets, an dessen Stelle allerdings ein Name aus dem ersten, vierten, vierzehnten und zehnten [Buchstaben des Alphabets] ausgesprochen wird.“ (Giordano Bruno [1591], Über die Monas, die Zahl und die Figur, a.a.O., S. 66)

Nebenbei ist hier anzumerken, dass an dieser Stelle die von Ihnen zitierte Ausgabe des Werkes von Bruno selber einen Fehler enthält, denn der jüdische Gottesname lautet ja JHWH und nicht JHJW, das heißt, die beiden letzten Buchstaben sind nicht der zehnte und sechste, sondern der sechste und fünfte Buchstabe des hebräischen Alphabets.

Die Vierzahl der Buchstaben des Gottesnamens wiederum bringen Sie in einen Zusammenhang mit dem genetischen Code (S. 75f.):

„Wie ist nun der genetische Code aufgebaut? Er besteht aus Sequenzen, die durch die Basen Adenin, Cytosin, Guanin und Thymin gebildet werden. Vier Basen, vier Buchstaben, die das Wort Gottes bilden. ‚Alles ward durch dasselbe, und ohne dasselbe ward auch nicht eines, das geworden ist.‘ Die Idee, dass hinter dem Wort Gottes, dem Tetragrammaton, der Aufbau der DNS-Struktur und damit der Code des Lebens verborgen ist, müsste eigentlich für Kabbalisten nahe liegen. Und so ist es nicht verwunderlich, wenn bereits 1995 Donald Tyson die Sache angedacht hat und die DNS-Doppelhelix mit dem Tetragrammaton und dem Stab des Hermes Trismegistos (u. a. zwei ineinander verschlungene Schlangen) vergleicht.“

Ich kann dazu nur sagen: Blühende Phantasie! Nichts davon ist bereits für die alten Kabbalisten und speziell für Giordano Bruno wirklich belegbar, auch wenn Sie annehmen, dass die „letzte Abbildung im Buch ‚Über die Monas‘ … eine Zelle mit mehreren Chromosomenknäueln symbolisieren“ mag.

Die Urkraft des Lebens entzieht sich wissenschaftlicher Betrachtung

Insgesamt kreide ich Ihnen also an, dass Sie die vielschichtige Ideenwelt des Giordano Bruno an vielen Stellen sehr einseitig im Sinne nicht wirklich beweisbarer Annahmen der Paläo-SETI-Forschung interpretieren und ihm die Vorwegnahme detaillierter Kenntnisse der modernen Genetik und Zellbiologie unterstellen.

Der Verfasser Ihres Vorworts, Dieter Vogl, scheint Bruno differenzierter zu beurteilen, wenn er schreibt (S. 9):

„er musste verbrannt werden, weil durch ihn Gott nicht mehr außerhalb des Kosmos stand, sondern in das All hinein versetzt wurde. Er wurde durch Bruno zum innerlichen Prinzip gemacht, zur natura naturans, zur Weltseele. Nicht mehr transzendente, sondern immanente Ursache.“

Das heißt, er wurde letztlich als Leugner des theistischen Schöpfungsgedankens verurteilt, weil nämlich (S. 10)

„Bruno den veralteten aristotelisch-scholastischen Begriff des Kosmos überwunden hat, in dem das All als ein wohlgeordnetes Ganzes von Ursachen und Wirkungen gedacht wurde, welches zufälliger- nicht notwendigerweise, eine unendliche Ursache als ersten Beweger oder Schöpfer gehabt hat.“

Ob diese Beurteilung berechtigt ist, lasse ich offen; die abschließende Einschätzung Brunos durch Vogl teile ich allerdings, insofern sie offen lässt, wie letzten Endes die Urkraft des Lebens zu benennen wäre (S. 10f.):

„Bruno hat den Menschen in seinem Denken freier gemacht und auch wenn manche heute Widersprüche in seiner Lehre sehen, dann doch nur deshalb, weil er mystisch-kabbalistische und theistisch-biblische Aspekte in seine Überlegungen hat einfließen lassen. Aber gerade deshalb ist das Werk Brunos für uns heute so wichtig, denn es zeigt uns, dass der ehrgeizigste aller Renaissance-Wissenschaftler den Brückenschlag vollbrachte, aufzuzeigen, dass das Leben wissenschaftlich betrachtet werden muss, aber sich letztlich gerade einer wissenschaftlichen Betrachtung entzieht, weil wir nicht in der Lage sind jenes Eine, jene alles bewirkende Urkraft mit Namen zu nennen, welche das Prinzip des Lebens ist.“

Vogl beansprucht an dieser Stelle jedenfalls nicht, die Existenz Gottes beweisen oder widerlegen zu können (das sieht allerdings in dem hauptsächlich von ihm verantworteten Buch „Die Entdeckung der Urmatrix“ ganz anders aus). Was Bruno noch nicht möglich war, in einem freien, offenen Diskurs theologische und wissenschaftliche Aussagen so voneinander zu unterscheiden, dass theologische Deutungen auf einem ganz anderen Blatt stehen als naturwissenschaftliche Beweisführungen, das sollte heute selbstverständlich sein.

Ich beanspruche nicht, Ihrem Buch über Giordano Bruno insgesamt gerecht geworden zu sein. Ich hoffe aber, dass Sie bereit sind, sich meinen kritischen Anfragen zu stellen.

Mit freundlichen Grüßen

Helmut Schütz

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.