Angst um den Auferstehungsglauben?

Der Glaube an Auferstehung hat Auswirkungen auf unser Leben. Über den Tod hinaus hoffen zu können, heißt erst recht: hoffen zu können für unser Leben vor dem Tod. Wir müssen nicht auf den toten Jesus am Kreuz starren, als wäre der Tod nicht besiegt. Wir müssen nicht Jesus an seinem Grab beweinen, als wäre Jesus nicht bei den Lebenden.

Kirchenfenster in drei Teilen: Gethsemane - Karfreitag - Ostern

Nach Gethsemane und Golgatha steht Jesus auf vom Tod (Foto des Kirchenfensters: pixabay.com)

direkt-predigtAbendmahlsgottesdienst am Ostersonntag, 6. April 1980, um 8.30 in Dorn-Assenheim, 9.30 in Heuchelheim, 10.30 (mit Taufen) in Reichelsheim und am Ostermontag, 7. April 1980, (ohne Abendmahl) um 10.00 Uhr in Dorheim
Orgelvorspiel und Begrüßung
EKG 75 (EG 99):

Christ ist erstanden von der Marter alle; des solln wir alle froh sein, Christ will unser Trost sein. Kyrieleis.

Wär er nicht erstanden, so wär die Welt vergangen; seit dass er erstanden ist, so lobn wir den Vater Jesu Christ’. Kyrieleis.

Halleluja, Halleluja, Halleluja! Des solln wir alle froh sein, Christ will unser Trost sein. Kyrieleis.

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. „Amen.“

Wisst ihr nicht, dass alle, die wir auf Christus Jesus getauft sind, die sind in seinen Tod getauft? So sind wir ja mit ihm begraben durch die Taufe in den Tod, damit, wie Christus auferweckt ist von den Toten durch die Herrlichkeit des Vaters, auch wir in einem neuen Leben wandeln. (Römer 6, 3-4)

Herr, unser Gott, was am Karfreitag geschehen ist, können wir uns genau erklären. So etwas geschieht in unserer Welt mit einem, der so sanft ist und gleichzeitig so radikal. Und zuletzt wird der Tod uns alle treffen. Was Ostern geschehen ist, können wir uns nicht erklären, so etwas ist noch nie da gewesen. Sollte einer stärker sein als der Tod? Bist du wirklich bei uns, heute und hier, bist du bei uns, Herr Jesus Christus, lebendiger Gott? Hast du, der du die Liebe bist, überlebt? Amen.

Lesung: Markus 16, 1-8

1 Und als der Sabbat vergangen war, kauften Maria von Magdala und Maria, die Mutter des Jakobus, und Salome wohlriechende Öle, um hinzugehen und ihn zu salben.

2 Und sie kamen zum Grab am ersten Tag der Woche, sehr früh, als die Sonne aufging.

3 Und sie sprachen untereinander: Wer wälzt uns den Stein von des Grabes Tür?

4 Und sie sahen hin und wurden gewahr, dass der Stein weggewälzt war; denn er war sehr groß.

5 Und sie gingen hinein in das Grab und sahen einen Jüngling zur rechten Hand sitzen, der hatte ein langes weißes Gewand an, und sie entsetzten sich.

6 Er aber sprach zu ihnen: Entsetzt euch nicht! Ihr sucht Jesus von Nazareth, den Gekreuzigten. Er ist auferstanden, er ist nicht hier. Siehe da die Stätte, wo sie ihn hinlegten.

7 Geht aber hin und sagt seinen Jüngern und Petrus, dass er vor euch hingehen wird nach Galiläa; dort werdet ihr ihn sehen, wie er euch gesagt hat.

8 Und sie gingen hinaus und flohen von dem Grab; denn Zittern und Entsetzen hatte sie ergriffen. Und sie sagten niemandem etwas; denn sie fürchteten sich.

Selig sind, die das Wort Gottes hören und bewahren. Halleluja.

Lied EKG 80, 1-3 (EG 106):

1. Erschienen ist der herrlich Tag, dran niemand g’nug sich freuen mag: Christ, unser Herr, heut triumphiert, sein Feind er all gefangen führt. Halleluja.

2. Die alte Schlange, Sünd und Tod, die Höll, all Jammer, Angst und Not hat überwunden Jesus Christ, der heut vom Tod erstanden ist. Halleluja.

3. Sein’ Raub der Tod musst geben her, das Leben siegt und ward ihm Herr, zerstöret ist nun all sein Macht. Christ hat das Leben wiederbracht. Halleluja.

Die Osterfreude komme in unsere Herzen! Amen.

Wir hören den Predigttext aus dem Brief des Paulus 1. Korinther 15, 12-20:

12 Wenn aber Christus gepredigt wird, dass er von den Toten auferstanden ist, wie sagen dann einige unter euch: Es gibt keine Auferstehung der Toten?

13 Gibt es keine Auferstehung der Toten, so ist auch Christus nicht auferstanden.

14 Ist aber Christus nicht auferstanden, so ist unsre Predigt vergeblich, so ist auch euer Glaube vergeblich.

15 Wir würden dann auch als falsche Zeugen Gottes befunden, weil wir gegen Gott bezeugt hätten, er habe Christus auferweckt, den er nicht auferweckt hätte, wenn doch die Toten nicht auferstehen.

16 Denn wenn die Toten nicht auferstehen, so ist Christus auch nicht auferstanden.

17 Ist Christus aber nicht auferstanden, so ist euer Glaube nichtig, so seid ihr noch in euren Sünden;

18 so sind auch die, die in Christus entschlafen sind, verloren.

19 Hoffen wir allein in diesem Leben auf Christus, so sind wir die elendesten unter allen Menschen.

20 Nun aber ist Christus auferstanden von den Toten als Erstling unter denen, die entschlafen sind.

Liebe Gemeinde!

Ich erinnere mich noch ganz gut daran, wie ich einmal als Schüler Auseinandersetzungen hatte mit meinen Mitschülern über die Auferstehung. Wenn es die Auferstehung der Toten nicht gäbe, wenn es kein Leben nach dem Tode gäbe, dann hätte mein Leben keinen Sinn, sagte ich. Ich hatte Angst, sehr viel Angst damals um meinen Glauben. Alles hing an der Tatsache der leiblichen Auferstehung Jesu. Wenn dieses Wunder nun nicht so geschehen sein konnte, war dann nicht die ganze Bibel unglaubwürdig? Die Argumente meiner Mitschüler waren gar nicht schlecht: Jesus kann doch unmöglich wiederbelebt worden sein, er war doch klinisch tot, eine Leiche kann nicht wieder leben. Und sollen wir uns wirklich vorstellen, dass Jesus den Jüngern wie ein Gespenst erschienen und durch Mauern hindurchgegangen ist? Was mich damals am meisten beunruhigte, war die Tatsache, dass meine Mitschüler größeres Vertrauen zum Leben, größeres Selbstvertrauen besaßen, dass ihnen, die nicht glaubten, meine Angst fremd war. Nun gut, vielleicht nur nach außen hin. Aber sollte nicht mein eigener Glaube eine Kraft sein, mit der ich Angst überwinde?

Mittlerweile, nach manchen Argumentationen, nach manchem Streit unter Studenten und Pfarrern über die Frage der Auferstehung, hat sich meine Einstellung geändert. Mein Glaube ist freier geworden, freier auch von Angst. Er hängt nicht mehr an Beweisen, er sieht sich nicht mehr von der Verstandesseite her in Gefahr. Die eigentlichen Gefahren lauern woanders. Das wird in einem Text von Erhard Domay deutlich, den ich vorlesen möchte:

Anstoß zur Korrektur meines Osterglaubens

Die Leugnung der Auferstehung der Toten
wird widerlegt
Die Widerlegung der Leugnung
der Auferstehung der Toten wird wiederum widerlegt
Ich argumentiere dafür
Du argumentierst dagegen
Dann argumentierst du dafür
und ich argumentiere dagegen

Uns fällt ein Argument nach dem anderen ein
Und was auf jeden Fall noch bedacht werden muss
das wird auf jeden Fall noch bedacht werden
da kennen wir gar nichts
da sind wir gründlich

Und während wir argumentieren
Satz um Satz
und Gegensatz um Gegensatz
erlischt
der letzte Funke Leben
in uns

Aus diesem Tod
wird dich und mich
kein Argument befreien

Wer befreit uns aus dem Tod? Aus dem Tod des leeren Streits um Worte, durch die wir uns voneinander abgrenzen, durch die wir die Osterfreude nicht bis zu uns vordringen lassen, durch die wir an den eigentlichen Problemen und an den wirklichen Verheißungen des Lebens vorbeigehen?

Paulus meint mit Auferstehung konkrete Erfahrungen. Auferstehung bedeutet: wir haben Hoffnung, wir sind nicht mehr die elendesten unter den Menschen, uns ist unsere Schuld vergeben, unser Glaube ist nicht vergeblich. Außerdem sind für Paulus auch die Erscheinungen des Auferstandenen Tatsachen, die seine leibliche Auferstehung bezeugen.

Ich denke heute, dass in den Berichten über das leere Grab, über die Engel und über die Erscheinungen Jesu etwas ausgedrückt wurde, was man mit menschlichen Begriffen gar nicht fassen kann. Das Denken ist hier überfordert. Am Schluss des Markusevangeliums, den wir in der Lesung gehört haben, ist zu erkennen, dass auch das Fühlen und Handeln der Freunde Jesu zunächst blockiert ist: sie erschrecken vor dem Unerklärlichen; sie zittern vor Entsetzen, statt sich zu freuen. Sie fliehen, statt sich wieder zu sammeln. Sie schweigen vor Angst, statt zu reden. Also trotz leerem Grab kein Glaube! Trotz Auferstehungsbotschaft eines Engels keine Freude! Trotz Ankündigung einer Erscheinung Jesu in Galiläa keine Aufbruchsstimmung, kein neues Handeln!

Damit endet das Markusevangelium. Jemand hat das so unvollständig gefunden, dass er später noch einen anderen Schluss angefügt hat, um das Buch abzurunden. Doch ohnehin muss noch etwas anderes geschehen sein. Sonst hätte Markus nicht noch 40 Jahre nach Jesu Tod sein Evangelium aufgeschrieben. Sonst wären die Taten und Worte Jesu, die Ereignisse seines Leben; und Sterbens nicht über die ganzen Jahre hin immer weiter erzählt worden.

Was war das Entscheidende, was noch geschehen ist? Wie wurde es denn nun wirklich Ostern? Das Entscheidende war, dass die Freunde Jesu in ihrem Fühlen und Handeln doch noch völlig umgedreht wurden. Aus ihrer Trauer und ihrem Entsetzen wurde Freude und Begeisterung. Aus ihrer Flucht wurde die Bildung einer Gemeinde, die zusammenhielt und zu der rasch immer mehr Menschen hinzukamen. Sie konnten nicht mehr schweigen, sie gaben weiter, was sie erfahren hatten, sie versuchten, den Auftrag Jesu zu befolgen und in ihrer Gemeinschaft und nach außen hin die Liebe zu leben. Sie wussten dabei: weil Jesus lebt und bei uns ist, nur darum können wir überhaupt leben, darum sind wir fähig zu Glauben, Hoffnung und Liebe. Nicht von selbst kam dieser Umschwung, sondern aus der Gewissheit heraus, dass Jesus Christus lebt.

Aber, verwenden wir doch noch ein paar Gedanken an die Auferstehung der Toten, an die leibliche Auferstehung Jesu. Ich sagte, das Denken sei hier überfordert. Muss man denn den Verstand an der Kirchentür abgeben? Nein. Ich sage ganz klar, dass niemand gezwungen ist, Dinge für wahr zu halten, die den von Gott geschaffenen Naturgesetzen widersprechen. Niemand ist gezwungen, an Wiederbelebungen eines Leichnams zu glauben. Oder an einen Jesus, der wie ein Gespenst durch Mauern geht. Wer diese Vorstellungen nur als Hilfsmittel zur Deutung von etwas Unerklärlichem und mit menschlichen Worten Unbeschreiblichem verstehen will und nicht als geschichtliche Tatsachenbeschreibungen, wie wir sie heute verstehen -, der muss nichts Wesentliches in seinem Glauben verlieren. Das leere Grab, die Erscheinungen, die Wunder, die Totenerweckung – es sind Vorstellungen, die dem einen in seinem Glauben helfen, dem anderen aber gerade den Zugang zur Osterfreude und zum Glauben an den Gott Jesu Christi verstellen.

Wenn Jesu irdischer Körper wiederbelebt worden wäre – er hätte nach unseren Begriffen später doch wieder sterben müssen. Auch für uns selbst können wir uns im Rahmen der Welt, die wir kennen, keine Unsterblichkeit und keine Auferstehung denken. Auferstehung ist ein Wort aus einer anderen Welt, in der es keine Zeit mehr gibt, keine Vergänglichkeit. Es ist müßig, über eine solche Welt zu spekulieren, gleichwohl können wir Gott zutrauen, dass er solch eine neue Welt schaffen kann, eine Welt sogar, mit der wir etwas zu tun haben, in der – für uns unvorstellbar – vielleicht unsere zukünftige Erfüllung liegt. Auf so eine neue Welt zielen alle vorausschauenden Bilder der Propheten. Aber kein Mensch hat sie jemals wirklich gesehn.

Es kommt darauf an, dass der Glaube an Auferstehung, die Hoffnung auf eine neue Welt Auswirkungen auf unser Leben hat. Über den Tod hinaus hoffen zu können, heißt erst recht: hoffen zu können für unser Leben vor dem Tod. Wir müssen nicht auf den toten Jesus am Kreuz starren, als wäre der Tod nicht besiegt. Wir müssen nicht Jesus an seinem Grab beweinen, als wäre Jesus nicht bei den Lebenden.

Die Angst um unsere Zukunft ist durchbrochen, ebenso auch der Teufelskreis unserer Schuld und Selbstrechtfertigung – daher können wir hier und jetzt freier, verantwortungsvoller, liebevoller leben – ohne Angst auch vor den Menschen, die sich der Liebe und dem geschenkten Leben nicht öffnen wollen. Ich wünsche mir, dass wir uns alle auf die Osterfreude einlassen: Christus ist auferstanden, er lebt, und mit ihm leben auch wir – im erfüllten Sinn dieses Wortes. Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.
Lied EKG 84, 1-3 (EG 107):

1. Wir danken dir, Herr Jesu Christ, dass du vom Tod erstanden bist und hast dem Tod zerstört sein Macht und uns zum Leben wiederbracht. Halleluja.

2. Wir bitten dich durch deine Gnad: Nimm von uns unsre Missetat und hilf uns durch die Güte dein, dass wir dein treuen Diener sein. Halleluja.

3. Gott Vater in dem höchsten Thron samt seinem eingebornen Sohn, dem Heilgen Geist in gleicher Weis in Ewigkeit sei Lob und Preis! Halleluja.

Am Ostermorgen, Herr, lass dich spüren, lass dich hören, lass dich schmecken! Herr, du lebst. Du lebst für uns! Und wir haben keinen Grund mehr für Verzweiflung, Mutlosigkeit, Gleichgültigkeit. Es wird nicht einmal alles aus sein. Die Hoffnung hört nie auf. Denn du warst gekreuzigt, du warst gestorben, du warst begraben. Und nun lebst du, bist auferweckt, lebst in der Gemeinschaft mit Gott, dem Vater. Du bist unsichtbar für unsere Augen. Aber du lässt uns dein Wort hören. Du lässt dich im Abendmahl schmecken. Du lässt dich da, wo wir Gemeinschaft miteinander haben, als die Liebe erfahren. Amen.

Nun sei jedem die Gelegenheit gegeben, in der Stille an die zu denken, denen er verzeihen möchte, bevor er zum Abendmahl gehen will. Und jeder mag für sich selbst um einen neuen Anfang bitten.

Stille
Einsetzungsworte – Lied 136, 1-3 – Austeilung

Herr Jesus Christus, du hast uns das neue Leben geschenkt, das uns frei macht vom Zorn Gottes, frei von Sünde und Tod. Höre unser Gebet: Wir sind oft kleinmütig und fürchten uns vor Menschen und Ereignissen: Gib uns neues Leben durch Vertrauen. Immer wieder greift der Tod in unser Leben hinein, wenn ein lieber Mensch stirbt: Gib uns neues Leben durch den Glauben. Wir möchten uns auf uns selbst zurückziehen und uns voneinander abkapseln: Gib uns neues Leben durch die Liebe. Wir haben Angst vor dem Tod und leben doch täglich auf ihn hin: Gib uns neues Leben durch dein Opfer am Kreuz. Unsere Entschlüsse und Vorsätze nützen sich ab, jeder Neuanfang im Guten wird schwach: Gib uns neues Leben durch deinen Geist. Guter Gott, du kennst unseren Willen, du weißt auch unsere Schwäche. Höre unser Gebet durch deinen geliebten Sohn, Jesus Christus, der mit dir lebt und herrscht in Ewigkeit. Amen.

Vaterunser, Abkündigungen und Segen

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