„Er führt durch Dunkel uns zum Licht“

Gott ist nicht selber ein Herrscher der Finsternis, sondern er will, dass wir nicht aufhören, uns nach dem Licht zu sehnen. Dieses Licht ist Liebe, die uns frei macht: von Ängsten, von falschem Stolz, von Zerrissenheiten. Wir dürfen aufatmen, das wenige tun, das in unseren Kräften liegt, und darauf von Herzen stolz sein. Wir dürfen unsere leeren Hände füllen lassen.

#predigtAbendmahlsgottesdienst am 4. Sonntag nach Trinitatis, 1. Juli 2012, um 10.00 Uhr in der evangelischen Pauluskirche Gießen
Orgelvorspiel

Guten Morgen, liebe Gemeinde!

Herzlich willkommen zum Abendmahlsgottesdienst in der Pauluskirche. Es ist ein besonderer Gottesdienst deswegen, weil unsere langjährige Organistin Grit Laux heute zum letzten Mal ihren Dienst an Orgel und Klavier in unserer Gemeinde versieht. Das hat einen schönen Grund: Sie hat ihr Theologiestudium erfolgreich abgeschlossen und wird sich ab September als Vikarin unserer Landeskirche auf ihren Dienst als Pfarrerin vorbereiten. Darum soll in diesem Gottesdienst auch keine Abschiedstrauer herrschen, sondern wir freuen uns auf schöne Lieder, die Grit Laux heute noch einmal an der Orgel und auf dem Klavier begleitet.

Passend dazu wird die Predigt heute eine Liedpredigt sein, und mit Gesängen von Peter Janssens werden wir sowohl die Anfangsliturgie anreichern als auch das Abendmahl miteinander feiern. Zuerst singen wir aus dem Lied 428 die Strophen 1, 3 und 5:

Komm in unsre stolze Welt, Herr, mit deiner Liebe Werben
Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. „Amen.“

Wir beten mit Worten aus dem Psalm 34:

12 Kommt her, ihr Kinder, höret mir zu! Ich will euch die Furcht des HERRN lehren.

13 Wer möchte gern gut leben und schöne Tage sehen?

14 Behüte deine Zunge vor Bösem und deine Lippen, dass sie nicht Trug reden.

15 Lass ab vom Bösen und tu Gutes; suche Frieden und jage ihm nach!

16 Die Augen des HERRN merken auf die Gerechten und seine Ohren auf ihr Schreien.

19 Der HERR ist nahe denen, die zerbrochenen Herzens sind, und hilft denen, die ein zerschlagenes Gemüt haben.

20 Der Gerechte muss viel erleiden, aber aus alledem hilft ihm der HERR.

Kommt, lasst uns Gott anbeten! „Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem heiligen Geist, wie es war im Anfang, jetzt und immerdar, und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“

„Lass ab vom Bösen und tu Gutes; suche Frieden und jage ihm nach!“

– so mahnt uns Psalm 34, 15. Wir wollen dieses Wort einmal singen, wie Peter Janssens es vertont hat:

„Wende das Böse, tue das Gute, suche den Frieden und jage ihm nach!“

Man kann dieses Wort sozial und politisch verstehen. Es mahnt uns, Wege des Unrechts und der Gewalt aufzugeben, einzutreten für Gerechtigkeit und Frieden, wo wir nur können.

„Wende das Böse, tue das Gute, suche den Frieden und jage ihm nach!“

Man kann dieses Wort auch auf das Leben in unserem persönlichen Umfeld beziehen. Dann sind wir aufgefordert, uns zu entscheiden, Taten und Worte zu lassen, mit denen ich anderen Menschen weh tue, und stattdessen zu schauen, wo ich helfen kann.

„Wende das Böse, tue das Gute, suche den Frieden und jage ihm nach!“

Eine Mahnung der Bibel ist keine Überforderung. Sie traut uns nur zu, wozu wir auch die Kraft bekommen. Um das Böse zu wenden, ist manchmal zuerst eine Kehrtwende im eigenen Denken not-wendig. Vor der Aufforderung, etwas zu tun, wird uns erlaubt, etwas zu lassen. „Wende das Böse“, kann auch übersetzt werden: „Lass ab vom Bösen“: Lass los, was dich innerlich zerreißt, auch wenn du dich für gute Ziele zusammenreißen willst. Lass den inneren Stolz los, mit dem du dich zu Leistungen antreibst, die du nicht mehr auf die Reihe bringst. Erst dann wird die Kraft, die du neu gewinnst, dich fähig machen, wirklich Gutes zu tun, in ganz, ganz kleinen Schritten.

„Wende das Böse, tue das Gute, suche den Frieden und jage ihm nach!“

Das Jagen nach dem Frieden ist keine wilde Hetzjagd; unsere Seele bleibt in Unruhe, so lange wir uns zusammenreißen und zur Ruhe zwingen wollen. Frieden bei Gott zu suchen, kann heißen, vorher noch nicht zu wissen, wie er aussehen wird. Er ist ein Geschenk.

„Wende das Böse, tue das Gute, suche den Frieden und jage ihm nach!“

Starker Gott, der du in Schwachen mächtig bist, hilf uns, dass wir uns so annehmen, wie wir sind. Dass wir uns nichts vormachen, dass wir es nicht nötig haben, anderen etwas vorzuspielen. Gib uns den Mut, uns anderen anzuvertrauen, die uns nicht ummodeln wollen, sondern uns akzeptieren mit unseren Problemen. Lass uns Frieden suchen und finden, indem wir uns selber so annehmen, wie wir wirklich sind – im Vertrauen darauf, dass du uns genau so liebst. Wir rufen zu dir:

Herr, erbarme dich! „Herr, erbarme dich, Christe, erbarme dich, Herr, erbarm dich über uns!“

„Der HERR ist nahe denen, die zerbrochenen Herzens sind, und hilft denen, die ein zerschlagenes Gemüt haben. Sie werden gut leben und schöne Tage sehen.“ (Psalm 34, 19+13)

Lasst uns Gott lobsingen! „Ehre sei Gott in der Höhe und auf Erden Fried, den Menschen ein Wohlgefallen. Allein Gott in der Höh sei Ehr und Dank für seine Gnade, darum dass nun und nimmermehr uns rühren kann kein Schade. Ein Wohlgefalln Gott an uns hat; nun ist gross Fried ohn Unterlass, all Fehd hat nun ein Ende.“

Der Herr sei mit euch! „Und mit deinem Geist!“

Großer Gott, auf der Suche nach dem Guten und nach dem Frieden zeige uns Wege, die uns nicht überfordern, Wege, die unseren Kräften angemessen sind, Wege, die wir gemeinsam mit anderen Menschen bewältigen können. Das erbitten wir im Namen Jesu Christi, unseres Herrn. „Amen.“

Wir hören die Schriftlesung aus 1. Petrus 3, 8-15. Auch diese Lesung unterbrechen wir mehrmals mit dem Liedvers von vorhin.

8 Seid allesamt gleichgesinnt, mitleidig, brüderlich, barmherzig, demütig.

9 Vergeltet nicht Böses mit Bösem oder Scheltwort mit Scheltwort, sondern segnet vielmehr, weil ihr dazu berufen seid, dass ihr den Segen ererbt.

„Wende das Böse, tue das Gute, suche den Frieden und jage ihm nach!“

10 Denn „wer das Leben lieben und gute Tage sehen will, der hüte seine Zunge, dass sie nichts Böses rede, und seine Lippen, dass sie nicht betrügen.

11 Er wende sich ab vom Bösen und tue Gutes; er suche Frieden und jage ihm nach.

„Wende das Böse, tue das Gute, suche den Frieden und jage ihm nach!“

12 Denn die Augen des Herrn sehen auf die Gerechten, und seine Ohren hören auf ihr Gebet; das Angesicht des Herrn aber steht wider die, die Böses tun“.

13 Und wer ist’s, der euch schaden könnte, wenn ihr dem Guten nacheifert?

„Wende das Böse, tue das Gute, suche den Frieden und jage ihm nach!“

14 Und wenn ihr auch leidet um der Gerechtigkeit willen, so seid ihr doch selig. Fürchtet euch nicht vor ihrem Drohen und erschreckt nicht;

15 heiligt aber den Herrn Christus in euren Herzen.

Selig sind, die Gottes Wort hören und bewahren. Halleluja! „Halleluja, Halleluja, Halleluja.“

Glaubensbekenntnis
Lied 382: Ich steh vor dir mit leeren Händen, Herr
Gott gebe uns ein Herz für sein Wort und Worte für unser Herz. Amen.

Liebe Gemeinde, zur Predigt hören wir noch einmal das Wort, das wir bereits betrachtet und gesungen haben. In 1. Petrus 3, 10-11 wird Psalm 34, 13.15 zitiert:

10 „Wer das Leben lieben und gute Tage sehen will…,

11 er wende sich ab vom Bösen und tue Gutes; er suche Frieden und jage ihm nach.“

Das scheinen allzu einfache und allgemeine Ziele zu sein – haben wir als Christen nicht höheren Zielen nachzueifern? Den Glauben an Christus zu verbreiten, Gott auf bestimmte Weise anzubeten, ein christliches Leben zu führen? Stattdessen dürfen wir uns ganz einfache Ziele setzen: Das Leben lieben, gute Tage sehen, oder wie es im Psalm wörtlich heißt „gut leben und schöne Tage sehen“. Und um diese Ziele zu erreichen, ist zunächst nicht anderes nötig, als erst einmal etwas zu lassen: das Böse zu lassen, Frieden in die eigene Seele einkehren zu lassen. Dann entfaltet sich Gutes in unserem Leben ganz wie von selbst. Kaum zu glauben, wenn man es nicht erlebt hat, aber trotzdem wahr.

Ich möchte vertiefen, was ich zu unseren Bibelworten gesagt habe, indem ich das Lied 259 aus dem Gesangbuch betrachte und seinen Text auslege. Dieses Lied wird nicht häufig gesungen. Manche finden die Melodie schwer, manche können mit dem Text nichts anfangen. Ich hingegen empfinde dieses Lied als ein Lied zum Mutmachen; die Bilder des Liedes sind allerdings altertümlich und brauchen einiges an Erläuterung, um in die heutige Zeit übertragen werden zu können.

Kommt her, des Königs Aufgebot, die seine Fahne fassen.

Ein Aufgebot, das kann das Heer eines Königs sein, der in den Krieg ziehen will und dessen Soldaten den Fahneneid zur Verteidigung ihres Vaterlandes geleistet haben. Viele Fahnen waren in den letzten Wochen auch in unseren Straßen zu sehen; sie standen für den Wunsch, das Aufgebot an Fußballspielern in der deutschen Nationalmannschaft möge bei der Europameisterschaft möglichst weit kommen oder sogar gewinnen. Hier im Lied geht es nicht um den Eid auf eine nationale Flagge, nicht um den König eines bestimmten Landes, nicht um den Sieg in einem Fußballturnier, sondern es geht um die Treue zu Gott. Wie ein Soldat mit seinem Fahneneid eine Verpflichtung eingeht, die er nicht brechen darf, so werden hier wir Christen als Menschen angesprochen, die Gott unbedingt die Treue halten wollen. Der Glaube an Gott ist also nicht so unverbindlich wie das Ausprobieren der einen oder anderen Weltanschauung, die man problemlos wechseln kann. Wir, die Gemeinde Jesu Christi, sind Gottes Aufgebot, wir können auch modern sagen, wir sind eine Mannschaft oder ein Team mit einer bestimmten Aufgabe. Kommt her, werden wir aufgefordert, erfüllt eure Pflicht! Und wozu werden wir ermuntert?

Dass freudig wir in Drang und Not sein Lob erschallen lassen.

Unsere erste Aufgabe ist es, Gott zu loben. Sein Lob soll erschallen, also öffentlich werden. Die Menschen sollen hören, was unser Gott für einer ist. Und dieses Lob hängt nicht davon ab, ob es uns gut geht. Nicht nur wenn wir dankbar sind, sind wir dazu aufgerufen, Gott mit Freude zu loben, sondern „in Drang und Not“, also wenn wir uns bedrängt fühlen, wenn es uns schlecht geht. Auf den ersten Blick klingt das zynisch: von Menschen ein Lob Gottes zu erwarten, die keinen Grund haben, Gott zu loben. Aber dieser erste Eindruck ist falsch. Es gibt durchaus gute Gründe, Gott die Treue zu halten und ihn zu loben, gerade auch in schweren Zeiten.

Er hat uns seiner Wahrheit Schatz zu wahren anvertrauet.

Einen Schatz hat Gott uns anvertraut. Wir sollen ihn bewahren. Nicht um eine Schatztruhe mit materiellen Werten geht es, sondern um „seine Wahrheit“. Sie sollen wir „wahren“. Die Wahrheit wahren, ein Wortspiel, das eine tiefe Bedeutung hat. Gottes Wahrheit besteht nämlich nicht aus Sätzen, die richtig sind, und Geschichten, die tatsächlich so passiert sind, sondern Gottes Wahrheit, das ist seine Liebe und Treue selbst, mit der er zu uns steht. Und diese Wahrheit wahren wir dann, wenn wir uns auf seine Liebe einlassen, wenn wir von ihm unsere Kraft erhoffen, wenn in unserem Leben wahr wird, was er uns schenkt.

Für ihn wir treten auf den Platz, und wo’s den Herzen grauet, zum König aufgeschauet!

Wer ein wenig erfahren hat, wie gut es tut, auf Gott zu vertrauen, der kann es wagen, „auf den Platz“ zu treten, eine Art „Platzangst“ zu überwinden; gemeint ist: sich etwas zu trauen, unter Leute zu gehen, im vertrauten Kreis offen eigene Probleme anzusprechen oder sich für andere einzusetzen.

Dabei kann es durchaus vorkommen, dass man Angst bekommt vor der eigenen Courage; wer noch nie Probleme mit der eigenen Seele verspürt hat, versteht das gar nicht, was für grauenvolle Gefühle in einem Herzen aufsteigen können. Unser Lied empfiehlt in diesem Fall, zum König aufzuschauen, also sich dem Gott anzuvertrauen, der durch den Mund Jesu gesagt hat (Johannes 16, 33):

In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost; ich habe die Welt überwunden!

Lasst uns nun die erste Strophe aus dem Lied 259 singen:

1. Kommt her, des Königs Aufgebot, die seine Fahne fassen, dass freudig wir in Drang und Not sein Lob erschallen lassen. Er hat uns seiner Wahrheit Schatz zu wahren anvertrauet. Für ihn wir treten auf den Platz, und wo’s den Herzen grauet, zum König aufgeschauet!

Die Melodie unseres Liedes hat etwas Triumphales; hier wird ein König besungen, mit dem wir einen Sieg erringen. Aber ist am Ende der ersten Strophe das Grauen, das in unseren Herzen aufsteigen kann, nicht doch etwas zu schnell beruhigt worden? Genügt es, zu Gott oder Jesus aufzuschauen, um gleich seine Angst loszuwerden? Ganz so schnell und einfach geht das wohl nicht, und so beschäftigt sich die zweite Strophe unseres Liedes noch ausführlicher mit unseren Ängsten.

Ob auch der Feind mit großem Trutz und mancher List will stürmen,
wir haben Ruh und sichern Schutz durch seines Armes Schirmen.

Von einem Feind ist hier die Rede, der trotzig Widerstand leistet und uns mit Hinterlist bestürmt und bedrängt. Wir mögen meinen: Solche Feinde haben wir doch gar nicht, hier in Deutschland im Jahr 2012 leben wir doch nicht im Krieg, und auch in Auseinandersetzungen mit persönlichen Feinden sind nur die wenigsten verwickelt. Ich denke, das Lied spricht von einer anderen Art Feind: von der Macht des Bösen, die uns im eigenen Inneren belagern und bestürmen kann. Das können innere Stimmen sein, die uns niedermachen, uns den Mut rauben wollen. Das kann ein innerer Stolz sein, der es uns nicht erlauben will, ein Gefühl der Ohnmacht einzugestehen, und dazu zu stehen, dass wir ganz natürliche Bedürfnisse und Wünsche haben. Dieser innere Feind ist listig; er tut manchmal so, als seien seine Ratschläge christlich: „Du glaubst nicht genug“, redet er uns ein, „würdest du auf Gott vertrauen, hättest du keine Angst mehr.“ Als ob man sich zum Glauben zwingen könnte!

Nein, Vertrauen ist etwas, das uns geschenkt wird. Es stellt sich oft gerade dann ein, wenn man die eigene Angst zulässt und spürt. Es hängt nicht von uns ab, ob wir Ruhe und Frieden finden. Auch wenn wir es noch nicht spüren, wir sind schon von Gottes Armen umfangen, beschirmt, beschützt. Durch ihn haben wir Ruhe und sicheren Schutz, so dass wir im Lauf der Zeit unser Herz wirklich zur Ruhe kommen lassen können.

Wie Gott zu unsern Vätern trat auf ihr Gebet und Klagen,
wird er, zu Spott dem feigen Rat, uns durch die Fluten tragen.
Mit ihm wir wollen’s wagen.

Vielleicht haben wir es erlebt, dass unsere Väter und Mütter, unsere Vorfahren, bei Gott Hilfe erfahren haben, wenn sie gebetet und geklagt haben. Meine Mutter erzählte aus dem Jahr 1945, wie sie Angst hatte vor plündernden russischen Soldaten, die in ihr schlesisches Dorf kamen und vor allem die Frauen bedrohten. Damals schlug sie einmal ihre Bibel auf und las das Wort (Jesaja 43, 1):

Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein.

Ein Wort, das ihr dann noch oft Kraft gab. Sie hat erfahren, dass Gott uns durch Fluten von Todesangst tragen kann. Auch uns will Gott tragen, wo wir selber keine Kraft mehr haben.

Was ist mit dem feigen Rat gemeint, dem Gott spotten will? Feige wäre es, alles hinzuwerfen, den Tod dem Leben vorzuziehen. Zwar ist es verständlich, wenn manche Schicksale zu schrecklich scheinen, als dass man noch hoffen könnte. Aber Gott will nicht, dass wir hinwerfen, dass wir aufgeben. Nicht dass wir uns immer zusammenreißen, will Gott, er weiß, dass nicht jeder immer voller Power ist, und er weiß, wie sehr sich manche Menschen ihr Leben lang ausgepowert haben, weit über die Grenzen ihrer Kräfte hinaus. Diese falsche Stärke aufzugeben, ist nicht zu verwechseln mit einer Flucht in den Tod. Schwachheit zuzugeben, kann auch bedeuten: wahrzunehmen, wie bedürftig man ist, wie viel Hilfe man braucht, wie viel Zeit, um neues Vertrauen, auch Selbstvertrauen, wachsen zu lassen. Es ist ein Wagnis, mit so wenig in der Hand neu anzufangen, so zerbrechlich, mit so wunder Seele, aber wir dürfen es wagen. Gott trägt uns.

Auch die zweite Strophe aus dem Lied 259 singen wir:

2. Ob auch der Feind mit großem Trutz und mancher List will stürmen, wir haben Ruh und sichern Schutz durch seines Armes Schirmen. Wie Gott zu unsern Vätern trat auf ihr Gebet und Klagen, wird er, zu Spott dem feigen Rat, uns durch die Fluten tragen. Mit ihm wir wollen’s wagen.

Wohin führt uns das Wagnis, unsere Schwachheit zuzulassen, mit leeren Händen vor Gott zu stehen und das Vertrauen auf ihn zu wagen? Die dritte und letzte Strophe unseres Liedes gibt uns Antworten:

Er mache uns im Glauben kühn und in der Liebe reine.

Um neuen Mut bitten wir mit dieser Strophe, sogar um eine Kühnheit im Glauben. Ein Selbstvertrauen ist das, von dem Martin Luther gesagt hat: „Ein Christenmensch ist ein freier Herr aller Dinge und niemandem untertan!“ Vor Gott dürfen wir stehen mit aufrechtem Gang, gerade dann, wenn wir nicht von Natur aus stark und selbstbewusst sind, und auch dann, wenn uns jeder innere Stolz abhandengekommen ist, mit dem wir uns bisher durchs Leben geschlagen haben. Im Vertrauen auf Gott bekommen wir einen neuen Stolz geschenkt; er beruht auf einer Würde, die wir uns nicht verdienen und erkämpfen müssen, sondern die uns von Gott geschenkt ist. Wir dürfen da sein, wir sind geliebt, so wie wir sind!

Mit diesem kühnen Glauben geht eine reine Liebe einher. Wieder sagt Martin Luther: „Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Menschen und jedermann untertan“, indem wir nämlich in Liebe füreinander da sind. Die Kraft dazu wächst, indem wir selber Liebe erfahren.

Er lasse Herz und Zunge glühn, zu wecken die Gemeine.

Herz und Zunge sollen glühen, das klingt nach spätromantischer Schwärmerei; aber wir wissen: „Wes das Herz voll ist, des läuft der Mund über.“ Wovon es uns im Herzen warm wird, davon können wir auch begeistert erzählen, und wenn es gelingt, mit unserem Erzählen die Herzen anderer Menschen zu erreichen, kann eine Gemeinde aufgeweckt werden, kann es dazu kommen, dass es in unserer Gemeinde hier und da einen Ort gibt, wo man Zeit füreinander hat und sich gegenseitig Kraft gibt.

Und ob auch unser Auge nicht in seinen Plan mag dringen:
er führt durch Dunkel uns zum Licht, lässt Schloss und Riegel springen.

Wir wissen oft nicht, was Gott mit uns vorhat. Was hat Gott im Sinn, wenn wir auf einen erfüllten Lebensabend hoffen, aber dann setzt eine tückische Krankheit diesem Leben schon vorher ein Ende? Warum ist es dem einen vergönnt, seine Enkelkinder aufwachsen zu sehen und dem anderen nicht? Wir wissen es nicht, und es gibt keine Möglichkeit, in alle Gedanken und Pläne Gottes einzudringen.

Was wir aber wissen und beherzigen dürfen, ist diese Wahrheit: „Er führt uns zum Licht“, und diese Wahrheit bleibt wahr und wir dürfen sie auch dann wahren, wenn wir „durch Dunkel“ geführt werden. Es mag sein, dass mancher etwas mehr von diesem Licht schon hier auf Erden sehen darf und andere erst in der Ewigkeit bei Gott, aber Gott ist nicht selber ein Herrscher der Finsternis, sondern er will, dass wir nicht aufhören, uns nach dem Licht zu sehnen.

Worin besteht letzten Endes dieses Licht? Es ist eine Liebe, die uns frei macht. Sie „lässt Schloss und Riegel springen“, sie befreit uns von Ängsten, von falschem Stolz, von Zerrissenheiten. Uns auf Gottes Liebe einlassen zu können, gibt uns Freiheit und Frieden. Wir dürfen aufatmen, nur das wenige tun, das in unseren Kräften liegt, und darauf von Herzen stolz sein. Wir dürfen die Hände in den Schoß legen und beten, nicht nur, aber besonders dann, wenn unsere Kräfte am Ende sind. Wir dürfen unsere leeren Hände erneut füllen lassen. So tun wir, wozu der 34. Psalm und der 1. Petrusbrief Mut machen will: „Wende das Böse, tue das Gute, suche den Frieden und jage ihm nach!“

Und diesen Bibelvers wollen wir jetzt noch einmal gemeinsam singen:

„Wende das Böse, tue das Gute, suche den Frieden und jage ihm nach!“

Indem wir gemeinsam singen, folgen wir der Ermunterung, die in der letzten Zeile unseres Liedes steht:

Des wolln wir fröhlich singen!

Hier steht die Begründung dafür, dass wir in der Kirche so viel singen: Der Glaube ist kein Pflichtprogramm, das wir absolvieren müssen, sondern er wächst dort, wo Gott uns Frieden schenkt, der in unseren Herzen Wurzeln schlägt und unsere Seele frei macht, so dass sie sich wieder freuen kann. Amen.

Der Gott der Hoffnung erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben. Amen.

Jetzt singen wir auch noch die dritte Strophe aus dem Lied 259:

3. Er mache uns im Glauben kühn und in der Liebe reine. Er lasse Herz und Zunge glühn, zu wecken die Gemeine. Und ob auch unser Auge nicht in seinen Plan mag dringen: er führt durch Dunkel uns zum Licht, lässt Schloss und Riegel springen. Des wolln wir fröhlich singen!

Im Abendmahl sind wir eingeladen, Kraft zu tanken für unseren Weg als Christen. Christus schenkt uns Brot, gebrochen wie sein Leib. Christus versöhnt uns mit Gott, indem er den Kelch seines Leidens auf sich nimmt.

Gott, fülle unsere leeren Hände mit deinem Leib, fülle den Kelch unseres Lebens mit deiner Liebe. Nimm aus unseren Händen, was uns von dir trennt: den falschen Stolz, die Verbitterung, die Werkzeuge der Sünde. In der Stille bringen wir vor dich, was unsere Seele belastet:

Beichtstille

Wollt Ihr Gottes Treue und Vergebung annehmen, so sagt laut oder leise oder auch still im Herzen: Ja!

Auf euer aufrichtiges Bekenntnis spreche ich euch die Vergebung eurer Sünden zu – im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Heute möchte ich uns die Einsetzungsworte wieder einmal in der gesungenen Version von Peter Janssens vortragen.

Lasst uns nun hören und erleben, wie Jesus ein besonderes Mahl mit uns feiern will, nicht um unseren Bauch zu füllen, sondern unsere Seele:

Er nahm am Abend, bevor er zum Leiden ging, Brot in seine Hände….
Vater unser und Abendmahl

Barmherziger Gott, Wegweiser zum Leben, wenn wir deine Güte nicht sehen, dann öffne uns die Augen! Wenn wir verstört sind von schrecklichen Nachrichten und bösen Anfeindungen, dann öffne uns die Ohren für gute Worte! Wenn unser Herz hart geworden ist und wir meinen, wir müssten ein noch dickeres Fell haben, dann öffne uns das Herz, damit wir barmherzig mit uns und anderen umgehen! Wenn wir es wagen, auf deinen Wegen zu gehen und uns dann Angst überfällt, dann halte uns fest, mach uns Mut, tröste uns, lass Vertrauen und Zuversicht in uns wachsen. Und schenke uns Menschen, die immer wieder da sind und ein offenes Ohr für uns haben.

In unserer Paulusgemeinde haben wir heute vor allem zu danken. Wir sind von Herzen dankbar für den Dienst unserer Organistin Grit Laux, den sie elf Jahre lang ausgeübt hat und durch den wir so viel Freude und Segen erfahren haben.

Organistin Grit Laux am Klavier

Organistin Grit Laux am Klavier

Und wir bitten dich für sie: Schenke ihr auf ihrem Weg als Vikarin und Pfarrerin unserer Landeskirche die Kraft, die sie braucht, um auch in ihrer neuen Aufgabe ein Segen für die Menschen zu sein. Amen.

Dank an Grit Laux

Und nun kommt etwas Besonderes, nämlich ein Lied, das sich Grit Laux selber als Schlusslied für diesen Gottesdienst gewünscht hat, Nr. 590, 1 bis 3:

Herr, wir bitten, komm und segne uns!
Abkündigungen

Der Herr segne euch und er behüte euch. Er lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig. Er erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch seinen Frieden. „Amen, Amen, Amen!“

Klaviernachspiel

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.