Beerdigung eines Landstreichers an Heiligabend

Trauerfeier an Heiligabend für einen wohnsitzlosen Mann, der bei einem Unfall in der Nähe unseres Ortes starb. Unter anderem nahmen die Familie einer Kirchenvorsteherin und ein Stadtrat an der Beisetzung auf dem Friedhof teil.

Zwei wohnsitzlose Männer fällen auf dem Pfarrgrundstück einen angeschlagenen Birnbaum

Zwei wohnsitzlose Männer fällen auf dem Pfarrgrundstück einen angeschlagenen Birnbaum

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. Amen.

Jesus hat gesagt (Matthäus 18, 20):

Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.

So sind wir hier zusammengekommen, um gemeinsam Herrn S. zu begraben, der im Alter von [über 50] Jahren gestorben ist.

Herr, unser Gott, du hast uns konfrontiert mit dem Tod eines Menschen, der nicht mehr Fuß fassen konnte in der Gesellschaft. Du hast ihn uns sozusagen vor die Füße gelegt und seinen toten Leib in unsere Obhut gegeben. Heute am Heiligen Abend müssen wir ihn begraben. Lass uns an ihn denken, an das, was uns von ihm bekannt war; lass uns nachdenken über das, was er und seinesgleichen uns bedeuten, und ob wir unserer Verantwortung gerecht geworden sind. Amen.

Liebe Anwesende, Herr S. ist tot. Er war einer von den Menschen, die wir manchmal Landstreicher oder Tippelbrüder nennen oder mit schlimmeren Namen belegen. Ohne festen Wohnsitz, nichtsesshaft, lauten die offiziellen Ausdrücke. Wir wissen nicht genau, was für ein Schicksal hinter diesen Worten steckt. Wir wissen lediglich, wo Herr S. geboren wurde, dass er in jungen Jahren den Beruf des Melkers erlernt und ausgeübt hat, dass er im Gartenbau tätig war und irgendwann auch verheiratet war. Wann er aus der DDR in den Westen übergesiedelt ist, weiß ich nicht; wann die Schicksalsschläge begannen, die ihn aus der Bahn warfen, so dass er an den Rand der Gesellschaft geriet, das weiß ich auch nicht. Seine Ehe ging wohl auseinander, er verlor seine Wohnung, seine Arbeit, in dem allen mag auch der Alkohol eine Rolle gespielt haben, aber das alles ist uns nicht genau bekannt. Niemand ist aufzufinden, der zu Herrn S. in einer nahen Beziehung stehen würde; allein hat er in den letzten Jahren auf der Straße gelebt, allein ist er nun auf der Landstraße einem Unfall zum Opfer gefallen.

Er war auf einer Tour über die Dörfer gewesen, als der Unfall geschah. Am Nachmittag hatte er den Pfarrer eines Nachbarortes angetroffen, und Herr S. machte den Eindruck, dass es ihm schlechter gehe als sonst. Er hatte sein Fahrrad nicht mehr, mit dem er sonst von Ort zu Ort fuhr. Bei uns im Pfarrhaus klingelte er an diesem Tag vergeblich; wir waren nicht anzutreffen. Wenig später wurde er auf dem Weg in den nächsten Ort überfahren.

Noch vor wenigen Monaten war Herr S. das letzte Mal bei uns gewesen und hatte für ein paar Mark unseren Rasen gemäht. Er war immer bereit, zuzupacken, wenn es etwas für ihn zu arbeiten gab. Als unser Birnbaum angeschlagen war, leistete er gemeinsam mit einem damaligen Gefährten Knochenarbeit, um den Baumstumpf aus der Erde zu bekommen. Und wenn es einmal keine Arbeit für ihn gab, bat er trotzdem um ein paar Mark und meinte: „Ich komm wieder mal vorbei, ich mach Ihnen dann alles wieder in die Reih!“ Wenn ich dann manchmal Nein sagte, erfand er wohl auch ein paar Mal eine Geschichte, die mich bewegen sollte, ihm doch zu helfen. Häufig war es nicht einfach, zu unterscheiden, was sein Wunschtraum war, und was er meinte, einem Pfarrer erzählen zu müssen, damit er ihm weiter helfe. Er hatte oft Pläne, aus seinem wohnsitzlosen Dasein herauszukommen, er wollte irgendwo Arbeit finden, irgendwo in einer Gartenlaube eine Art halboffiziellen Wohnsitz annehmen. Aber aus diesen Plänen wurde nie etwas, jedenfalls nicht auf Dauer. Und wenn sich ein solcher Traum zerschlagen hatte, aus welchen Gründen auch immer, wirkte er später enttäuschter denn je.

Wer wird Herrn S. vermissen? Wer wird um ihn trauern? Er wird in unserer Mitte keine große Lücke hinterlassen. Aber es ist schon merkwürdig, wenn einer wie er so unmittelbar in unserer Nähe gestorben ist, dann rückt er uns plötzlich näher. Dann werde ich betroffen und denke daran, wie wenig Zeit ich mir nehme, wenn ein Landstreicher an der Tür klingelt. Ist es nicht eine Herausforderung an uns, dass so viele Menschen heute entwurzelt sind, von niemandem gebraucht zu werden scheinen, nirgends willkommen sind? Aber was sollen wir tun? Wir sind hilflos. Jetzt denke ich daran, dass auch Herr S. uns schon etwas vertraut geworden ist. Alle paar Monate hat er uns besucht. Er bat um Geld oder um ein Essen. Er bot seine Dienste an. Aber vielleicht ging es ihm auch um ein paar Worte, die er mit jemandem wechseln konnte.

Ich bin schon etwas traurig, wenn ich an ihn denke. Jetzt können wir nichts mehr für ihn tun, als ihn in Würde zu bestatten. Kein Wort erreicht ihn mehr, das wir ihm noch hätten sagen können.

Herr S. gehörte zu denen, die im Evangelium von Jesus Christus einen wichtigen Platz einnehmen. Im Gleichnis vom großen Abendmahl im Reich Gottes erzählt Jesus von den ehrenwerten Gästen, die die Einladung des Gastgebers ausschlagen. Und weil noch so viel Platz im Festsaal ist, sagt dieser Gastgeber seinem Knecht (Lukas 14, 23):

Geh hinaus auf die Landstraßen und an die Zäune und nötige sie hereinzukommen, auf dass mein Haus voll werde!

Uns ist es kann vorstellbar, jemanden wie Herrn S. zu unseren Festen und Feiern und zu unseren Gottesdiensten einzuladen. Aber Jesus hatte vielleicht auch deshalb so viel übrig für die Menschen auf den Landstraßen, weil es ja auch über seine eigene Geburt heißt (Lukas 2, 7):

Sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge.

Jedenfalls können wir getrost Herrn S. dem Gott anvertrauen, der auch für ihn im Stall zu Bethlehem geboren und am Kreuz zu Golgatha gestorben ist. Wir können nicht sagen, dass Herr S. ein erfülltes Leben gelebt hat – daran hat viel gefehlt. Aber können wir das über uns selbst so klar sagen? Ist unser eigenes Leben ein erfülltes Leben? Unser Leben wird nur dort heil, wo wir uns heilen lassen von dem Heiland, der uns allen in der Krippe geboren wurde. Und das gilt für Herrn S. genau so wie für uns alle. Darum können wir diese Feier nicht besser beschließen als mit einem Psalm der Buße, der Bitte um die Gnade Gottes und der Bitte, dass wir umkehren und umdenken können. So beten wir mit den Worten aus Psalm 130:

1 Aus der Tiefe rufe ich, HERR, zu dir.

2 Herr, höre meine Stimme! Lass deine Ohren merken auf die Stimme meines Flehens!

3 Wenn du, HERR, Sünden anrechnen willst – Herr, wer wird bestehen?

4 Denn bei dir ist die Vergebung, dass man dich fürchte.

5 Ich harre des HERRN, meine Seele harret, und ich hoffe auf sein Wort.

6 Meine Seele wartet auf den Herrn mehr als die Wächter auf den Morgen; mehr als die Wächter auf den Morgen

7 hoffe Israel auf den HERRN! Denn bei dem HERRN ist die Gnade und viel Erlösung bei ihm.

8 Und er wird Israel erlösen aus allen seinen Sünden.

Amen.

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