Wie komme ich aus meiner Haut heraus?

Ich kann nicht aus meiner Haut heraus. Ehrlich zueinander sein, ja: aber kann ich vertrauten Menschen meine Gefühle und Wünsche wirklich preisgeben? Arbeiten und Geld verdienen, ja: aber dann auch noch Teilen mit den Armen der Erde? Nicht schlecht über andere reden, ja: aber für jeden ein gutes Wort finden, das ihm weiter hilft? Ist das nicht eine große Überforderung?

Können wir aus unserer Haut heraus? Ein Bild aus Puzzle-Teilen ohne Bilder, in deren Mitte die Teile fehlen und drei Gesichter zu sehen sind

Wie setzen wir unsere Erfahrungen mit Menschen zu einem Puzzle zusammen? (Bild: geralt – pixabay.com)

Predigt am 19. Sonntag nach Trinitatis, 12. Oktober 1980, in Weckesheim und Reichelsheim
Gottes Gnade und Friede sei mit uns allen! Amen.

Ich lese als Predigttext einen Abschnitt aus dem Brief an die Epheser 4, 22-32 (GNB), der wahrscheinlich eine Ermahnung an die war, die sich als Erwachsene taufen lassen wollten:

22 Ihr wisst…, dass ihr nicht so weiterleben könnt, wie ihr früher gelebt habt. Legt den alten Menschen ab, der sich von seinen selbstsüchtigen Wünschen verlocken lässt. Sie sind trügerisch und bringen ihm nur den Tod.

23 Lasst eure Gesinnung vom Geist Gottes erneuern!

24 Zieht den neuen Menschen an, den Gott nach seinem Bild geschaffen hat und der so lebt, wie Gott es haben will. Der Weg dazu ist euch durch das Wort der Wahrheit eröffnet, das nicht trügt.

25 Hört also auf zu lügen und betrügt einander nicht; denn wir alle sind Glieder am Leib Christi.

26 Versündigt euch nicht, wenn ihr in Zorn geratet, und versöhnt euch wieder miteinander, bevor die Sonne untergeht.

27 Sonst bekommt der Teufel Macht über euch.

28 Wer vom Diebstahl gelebt hat, muss jetzt damit aufhören. Er soll seinen Lebensunterhalt durch eigene Arbeit verdienen und zusehen, dass er auch noch etwas für die Armen übrig hat.

29 Lasst kein giftiges Wort über eure Lippen kommen. Seht lieber zu, dass ihr für die anderen in jeder Lage das rechte Wort habt, das ihnen weiterhilft.

30 Beleidigt nicht durch euer Verhalten den heiligen Geist, den Gott euch gegeben hat. Denn er bürgt euch dafür, dass Gott zu seiner Zeit eure Rettung vollenden wird.

31 Weg also mit aller Verbitterung, mit Aufbrausen, Zorn und jeder Art von Beleidigung! Schreit einander nicht an. Legt jede feindselige Gesinnung ab.

32 Seid freundlich und hilfsbereit zueinander und vergebt euren Mitmenschen, so wie Gott euch durch Christus vergeben hat.

Liebe Gemeinde!

„Legt den alten Menschen ab!“ – „Zieht den neuen Menschen an!“ Geht das so einfach? Können wir uns selbst verändern, so wie wir uns neue Kleidung anziehen? Wir kennen ähnliche Vergleiche: „Ich möchte so gern aus meiner Haut heraus, aber ich schaffe es nicht!“ Aus der Haut fahren, auf der anderen Seite – das passiert oft, wenn lange etwas angestaut wurde – dann ist der Krach da und der Weg der Verständigung vielleicht verbaut. Manchmal wünsche ich mir ein dickeres Fell, um nicht so empfindlich zu sein gegenüber Kritik, gegenüber Enttäuschungen, gegenüber zu hohen Anforderungen.

Die Haut, auch die Kleidung, sie trennen zwischen unserer Innenwelt und der Außenwelt. Aus sich herausgehen, sich anderen öffnen, fällt vielen schwer. Wer wagt es, wirklich ehrlich zu jedem anderen zu sein? Und wie gesagt: bei manchem wird das aus-sich-Herausgehen dann sogleich zu einem aus-der-Haut-Fahren. Wer hat wirklich in jeder Lage für die anderen das rechte Wort?

Umgekehrt: die Haut, sie schützt nicht vor allen Einflüssen aus der Außenwelt. Und wenn doch: womit erkauft man sich das dickere Fell, wenn nicht mit Abstumpfung, mit einen Zurückstecken aller Ziele, die man einmal hatte, mit einer Einsamkeit, in der man dem Nächsten nicht mehr zukommen lässt, was man ihm geben könnte, und in der man auch sich selbst etwas Wichtiges vom Lebenssinn stiehlt.

Vielleicht ist gerade das dicke Fell, das wir uns wünschen, der alte Mensch, den wir ablegen sollten. Aber wir sehen gleich, was für ein Wagnis das wäre: denn dann sind wir schutzlos den anderen ausgeliefert – und was werden die mit uns machen, wenn sie uns so sehen, wie wir sind? Ein Wagnis – aber haben wir schon einmal ausprobiert, was dann wirklich passiert? Vielleicht greifen sie uns dann gar nicht an, vielleicht verstehen sie uns endlich, vielleicht spornen wir sie an, auch einmal etwas ehrlich von sich preiszugeben.

Wenn wir andere ansehen, dann ist oft das dicke Fell, das sie um sich herumgezogen, in das sie sich eingehüllt haben, das erste, manchmal das einzige, was wir sehen. Was wir bei uns bedauernd feststellen, dass wir aus unserer Haut oft nicht herauskönnen, das werfen wir dann den anderen vor.

„Doof bleibt doof, da helfen keine Pillen!“ So schimpfen Jugendliche über andere. Aber auch Erwachsene entwickeln solche Bilder voneinander. Einer geht uns mit einer seiner altbekannten Eigenarten auf die Nerven, und wir meinen, der kann sich eben nicht ändern. Bei Erwachsenen sitzen solche Urteile übereinander sogar meist viel fester als bei Kindern oder Jugendlichen.

Wir setzen unsere Erfahrungen zu einem festen Bild zusammen, unsere Erfahrungen, die wir im Umgang mit anderen machen, so, wie man die Einzelteile eines Puzzles zusammensetzt. Und dann nehmen wir oft nur noch das wahr, was zum Bild passt. Andere Erfahrungen lassen wir beiseite. So wie wir Teile aus einem anderen Puzzle-Bild aussortieren. Mit den uns fremden Zügen seiner Persönlichkeit kommt der andere dann bei uns nicht mehr an. So hindern wir ihn vielleicht sogar daran, seinen alten Menschen auszuziehen, sich einmal anders zu zeigen, als seine Umgebung ihn kennt.

Bleiben wir einmal bei den Beispielen, die unser Bibeltext nennt: da ist der notorische Lügner, der gestern etwas gesagt hat, und heute sagt er das Gegenteil, dem man gar nicht mehr über den Weg traut. Oder der nachtragende Zornegickel, der immer recht haben will, der immer wieder dieselben alten Geschichten über dieselben bösen Leute präsentiert. Oder der mit den losen Händen, er wird immer wieder etwas mitgehen lassen. Oder der heimtückische Intrigant, er wird immer wieder hintenherumreden; über andere herzuziehen, ist sein größtes Vergnügen; er ist eine wandelnde Giftküche.

Wie können solche Menschen anders werden? Wie können wir sie anders erleben? Können sie einfach ihren alten Menschen ausziehen und einen neuen anziehen? Trauen wir ihnen das zu?

„Lasst euch einen neuen Geist schenken“, heißt es im Bibeltext. Dann kann jeder anders werden. Aber wie geht das vor sich? Wir haben Gottes Geist ja nicht in der Hand. Gott veranstaltet mit uns auch keinen Hokuspokus. Aber wir können es wiederum in einem Sinnbild ausdrücken: Gottes Geist nimmt uns bei der Hand, stößt uns an, bewegt uns, erschüttert uns. Dieser Geist ist wie ein Wind oder gar ein Sturm, der uns umreißt, der uns mitreißt. So weit habe ich im Bild gesprochen. In der Wirklichkeit sieht das so aus: wir werden neu durch neumachende Erlebnisse und Erfahrungen.

Der Lügner baut seine Lügenwelt vielleicht aus Angst. Vielleicht hat er schlechte Erfahrungen mit der Wahrheit gemacht; vielleicht ist er innerlich nicht stark genug für Auseinandersetzungen. Wenn er erlebt: Ich werde akzeptiert trotz meiner Lügen; ich werde auch dann noch akzeptiert, wenn ich es einmal wage, ehrlich zu sein; ich werde angesprochen auf meine Fähigkeiten für die Gemeinschaft; die Wahrheit meiner Person wird gesucht, nicht die einer Sache allein – dann braucht er vielleicht nicht mehr die Masken und Versteckspiele, dann erleben ihn die anderen ganz neu.

Oder der ewig Unzufriedene, der an jedem herumnörgelt, der sich über jeden aufregt, der jähzornig reagiert; vielleicht möchte er nach außen hin stark erscheinen, weil er sich innerlich klein, schwach und ängstlich fühlt. Wenn er erlebt: hier ist eine Gemeinschaft, die mich nicht klein macht, die meine Stärken fördert, die nicht nur Fehler kritisiert, sondern auch Erfolg lobt – dann fühlt er sich vielleicht zu Hause und ist frei, das, was ihn stört, schnell auszuräumen.

Und schließlich der Intrigant mit seiner quälenden Freude am Durcheinanderbringen von Freundschaften; er ist wohl ein einsamer Mensch, über seiner Kontaktlosigkeit böse geworden. Wer so viel Freude am Zerstören hat, bei dem ist selbst viel zerstört. Wenn er erlebt: ich bin in die Wärme einer Gemeinschaft hineingenommen; ich bin als Gesprächspartner ernstgenommen; es gibt Verbindungen zwischen Menschen, die sind belastbar und verlässlich – dann ist es so, als ob der neumachende Geist Gottes verletzende Worte wie im Sturm wegfegt.

Alles gut und schön, wir haben jetzt von anderen gesprochen, die uns mit ihrem dicken Fell als Lügner, Jähzornige oder Intriganten auf die Nerven gehen. Von anderen, von denen wir uns ein mehr oder weniger bestimmtes Bild machen. Aber kehren wir noch einmal in unsere eigene Haut zurück. Ist da auch etwas von diesem alten Menschen in den verschiedenen Formen? Oder bräuchten wir eigentlich gar nicht mehr den neuen Menschen anzuziehen, weil wir doch schon einigermaßen in Ordnung sind?

Unser Bibeltext kann dreierlei Reaktionen hervorrufen. Die erste: So bin ich doch gar nicht. Ich bin kein Lügner. Ich bin kein Dieb. Ich bin nicht jähzornig. Ich bin kein Intrigant.

Die zweite, beim etwas genaueren Hinsehen: Na ja, vielleicht bin ich doch so, aber ich kann nicht aus meiner Haut heraus. Ehrlich zueinander sein, ja – aber kann ich denen, mit denen ich zusammenlebe, meine Gefühle und Wünsche wirklich preisgeben? Sich versöhnen, ja – wirklich noch am selben Tag? Arbeiten und Geld verdienen, ja – aber dann auch noch ans Teilen mit den Armen der Erde denken? Nicht schlecht über andere reden, ja – aber für jeden in jeder Lage auch noch ein gutes Wort finden, das ihm weiter hilft? Ist das nicht alles eine große Überforderung?

Mit diesen beiden Reaktionen bleiben wir in unserer alten Haut stecken. Eine dritte ist denkbar. Wir glauben doch an Gott, oder? Wir können seinem Geist etwas mehr zutrauen, der auch uns aus unserer Haut heraushelfen will.

Es ist ein Wagnis, ehrlicher von sich zu reden, über Möglichkeiten des Teilens mit den Armen nachzudenken, für einen einzutreten, über den man sich den Mund zerreißt. Aber dieses Wagnis kann eine größere innere Freiheit zur Folge haben, es kann einem das Bewusstsein stärken, für ein sinnvolles Ziel zu leben, es kann einem intensivere Beziehungen zu einen anderen Menschen bescheren. So verstehe ich den „Tag der Befreiung“, für dessen Kommen der Geist Gottes uns bürgt. Stückweise werden wir in den Tagen unseren Lebens diese Freiheit – sofern wir sie wagen – erleben, vollendet wohl erst in einer uns unbekannten Zukunft.

Wie reagieren wir auf diesen Text? Ich lese ihn uns noch einmal vor (Epheser 4 – GNB):

22 Ihr wisst…, dass ihr nicht so weiterleben könnt, wie ihr früher gelebt habt. Legt den alten Menschen ab, der sich von seinen selbstsüchtigen Wünschen verlocken lässt. Sie sind trügerisch und bringen ihm nur den Tod.

23 Lasst eure Gesinnung vom Geist Gottes erneuern!

24 Zieht den neuen Menschen an, den Gott nach seinem Bild geschaffen hat und der so lebt, wie Gott es haben will. Der Weg dazu ist euch durch das Wort der Wahrheit eröffnet, das nicht trügt.

25 Hört also auf zu lügen und betrügt einander nicht; denn wir alle sind Glieder am Leib Christi.

26 Versündigt euch nicht, wenn ihr in Zorn geratet, und versöhnt euch wieder miteinander, bevor die Sonne untergeht.

27 Sonst bekommt der Teufel Macht über euch.

28 Wer vom Diebstahl gelebt hat, muss jetzt damit aufhören. Er soll seinen Lebensunterhalt durch eigene Arbeit verdienen und zusehen, dass er auch noch etwas für die Armen übrig hat.

29 Lasst kein giftiges Wort über eure Lippen kommen. Seht lieber zu, dass ihr für die anderen in jeder Lage das rechte Wort habt, das ihnen weiterhilft.

30 Beleidigt nicht durch euer Verhalten den heiligen Geist, den Gott euch gegeben hat. Denn er bürgt euch dafür, dass Gott zu seiner Zeit eure Rettung vollenden wird.

Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.

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