„Gib mir zu trinken!“

So sieht Mission bei Jesus aus: Er ist offen für die fremde Frau in ihrer fremden Religion. Er ist zugleich selbstbewusst in dem, was er anzubieten hat. Er lässt sich zu trinken geben, hört auf ihre Weisheit, ihre Einsicht, lässt sich den Durst löschen, und zugleich lädt er sie ein zu trinken, ohne Druck auf sie auszuüben.

Jesus spricht mit der Frau am Jakobsbrunnen und bitten sie, ihm etwas zu trinken zu geben

Jesus im Gespräch mit der samaritischen Frau am Jakobsbrunnen (Bild: pixabay.com)

#gedankeTurmgebet zur Gebetswoche für die Einheit der Christen am Donnerstag, 21. Mai 2015, um 18.00 Uhr im Stadtkirchenturm Gießen

Herzlich willkommen zum Turmgebet im Stadtkirchenturm Gießen und zugleich zum vierten Abend der Gebetswoche für die Einheit der Christen, die im Jahr 2015 bereits zum sechsten Mal an diesem Ort stattfindet!

Wir sind versammelt im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Die Texte für die diesjährige Gebetswoche sind in Brasilien entstanden. Brasilien ist ein sehr religiöses Land. Ursprünglich waren hier die Beziehungen zwischen sozialen Klassen und ethnischen Gruppen durch eine gewisse „Herzlichkeit“ geprägt. Aber zur Zeit durchlebt Brasilien eine Zeit der wachsenden Intoleranz, die sich in einem hohen Maß an Gewalt äußert. Diese richtet sich besonders gegen Minderheiten und Schwache: dunkelhäutige Menschen, Jugendliche, Homosexuelle, Anhänger afro-brasilianischer Religionen, Frauen und Angehörige indigener Völker.

Woher kommt diese Intoleranz? Einige christliche Gruppen in Brasilien verhalten sich zunehmend wie Konkurrenten auf dem Markt der Religion: man konkurriert um die Aufmerksamkeit der Massenmedien, um Mitglieder und um Zuschüsse der öffentlichen Hand für Großveranstaltungen. Ja, in manchen Fällen wird sogar eine eigene politische Partei gegründet, und man verbündet sich mit Großgrundbesitzern, der Agrarindustrie und den Finanzmärkten. Die Logik ökumenischen Engagements, das darauf setzt, trennende Mauern niederzureißen, wird durch die Logik des Gewinnstrebens und den Schutz der eigenen konfessionellen Interessen ersetzt.

Die Texte der Gebetswoche wollen Intoleranz überwinden, legitime Verschiedenheit respektieren, den Dialog fördern, der einen dauerhaften Weg zu Versöhnung und Frieden in Treue zum Evangelium weist. Insbesondere stellen sie die Frage: „Auf welchem Weg kommen wir zu einer Einheit, in der unsere Vielfalt Raum hat und geschätzt wird?“ Diese Frage hat nicht nur in Brasilien ihre Bedeutung, sondern auch bei uns in Deutschland.

Der zentrale Text für die Gebetswoche steht im Evangelium nach Johannes 4, 7-15. Er handelt von der Begegnung Jesu mit der samaritischen Frau am Jakobsbrunnen. Heute konzentrieren wir uns darauf, dass Jesus, der Jude, eine Frau anderen, samaritischen Glaubens, um Wasser bittet: „Gib mir zu trinken!“

Wir beginnen mit einem Lied, in dem es um die Suche nach dem geht, was lebendig und zugleich sehr verletzlich ist, nach Gnade für unsere Seele, nach Frieden zwischen unversöhnten Menschen, nach der Quelle für die Liebe, die wir Menschen nötiger als alles andere brauchen:

EG 631: In Gottes Namen wolln wir finden, was verloren ist

„Gib mir zu trinken!“, wird Jesus die Frau aus Samaria bitten. Diese Bitte erinnert an eine bittere Szene aus der Zeit, als das Volk Israel aus der Sklaverei in Ägypten befreit worden war und in der Wüste an Durst litt. Wir hören aus dem 4. Buch Mose – Numeri 20, 1-11:

1 Und die ganze Gemeinde der Israeliten kam in die Wüste Zin im ersten Monat und das Volk lagerte sich in Kadesch. Und Mirjam starb dort und wurde dort begraben.

2 Und die Gemeinde hatte kein Wasser, und sie versammelten sich gegen Mose und Aaron.

3 Und das Volk haderte mit Mose und sprach: Ach dass wir umgekommen wären, als unsere Brüder umkamen vor dem HERRN!

4 Warum habt ihr die Gemeinde des HERRN in diese Wüste gebracht, dass wir hier sterben mit unserm Vieh?

5 Und warum habt ihr uns aus Ägypten geführt an diesen bösen Ort, wo man nicht säen kann, wo weder Feigen noch Weinstöcke noch Granatäpfel sind und auch kein Wasser zum Trinken ist?

6 Da gingen Mose und Aaron von der Gemeinde hinweg zur Tür der Stiftshütte und fielen auf ihr Angesicht, und die Herrlichkeit des HERRN erschien ihnen.

7 Und der HERR redete mit Mose und sprach:

8 Nimm den Stab und versammle die Gemeinde, du und dein Bruder Aaron, und redet zu dem Felsen vor ihren Augen; der wird sein Wasser geben. So sollst du ihnen Wasser aus dem Felsen hervorbringen und die Gemeinde tränken und ihr Vieh.

9 Da nahm Mose den Stab, der vor dem HERRN lag, wie er ihm geboten hatte.

10 Und Mose und Aaron versammelten die Gemeinde vor dem Felsen und er sprach zu ihnen: Höret, ihr Ungehorsamen, werden wir euch wohl Wasser hervorbringen können aus diesem Felsen?

11 Und Mose erhob seine Hand und schlug den Felsen mit dem Stab zweimal. Da kam viel Wasser heraus, sodass die Gemeinde trinken konnte und ihr Vieh.

Der Durst in der Wüste, die Durststrecke, in der die Israeliten ihr Vertrauen auf Mose verlieren und sogar Mose an seinem Gottvertrauen zu zweifeln beginnt, er wird von Gott doppelt beantwortet. Ihr Durst wird gelöscht, Gott gibt ihnen zu trinken. Doch keiner von der Generation, die hier zweifelt, wird in das versprochene Land hineinkommen, selbst Mose wird es nur von Ferne sehen. Gott verlässt uns nicht, aber wenn wir uns nicht auf ihn verlassen, so hat das doch Folgen.

EG 235, 1-4: O Herr, nimm unsre Schuld

Wie können wir am Gottvertrauen festhalten? Indem wir Gott bitten, dass wir auf seine Wegweisung hören und auf seinen Wegen gehen. Wir tun es mit Worten aus dem Psalm 119, 10-20:

10 Ich suche dich von ganzem Herzen; lass mich nicht abirren von deinen Geboten.

11 Ich behalte dein Wort in meinem Herzen, damit ich nicht wider dich sündige.

12 Gelobet seist du, HERR! Lehre mich deine Gebote!

13 Ich will mit meinen Lippen erzählen alle Weisungen deines Mundes.

14 Ich freue mich über den Weg, den deine Mahnungen zeigen, wie über großen Reichtum.

15 Ich rede von dem, was du befohlen hast, und schaue auf deine Wege.

16 Ich habe Freude an deinen Satzungen und vergesse deine Worte nicht.

17 Tu wohl deinem Knecht, dass ich lebe und dein Wort halte.

18 Öffne mir die Augen, dass ich sehe die Wunder an deinem Gesetz.

19 Ich bin ein Gast auf Erden; verbirg deine Gebote nicht vor mir.

20 Meine Seele verzehrt sich vor Verlangen nach deinen Ordnungen allezeit.

Auf den ersten Blick habe ich nicht verstanden, warum die brasilianischen Christen diesen Text für unseren Gebetsabend ausgesucht haben. Konzentriert sich dieser Psalm nicht ausschließlich auf die jüdische Tora, kreist sie nicht um die Wegweisung des einen Gottes? Für die Brasilianer ist aber genau in dieser Wegweisung auch die Mahnung enthalten, nicht nur auf das eigene zu schauen, als ob Gott in seiner Größe und Herrlichkeit sich nicht auch anderen offenbart haben könnte.

Sicher, wir sollen nicht Götzen anbeten, die uns versklaven, die uns der Sünde unterwerfen, die uns von der befreienden Macht der Gnade Gottes wegführen. Aber die Begegnung und der Erfahrungsaustausch mit anderen, mit Menschen anderer Konfession und oft sogar anderer Religion, können uns dabei helfen, die Tiefen des Brunnens auszuloten, aus denen der eine Gott den Durst aller Menschen stillen will. Wenn wir auf diejenigen zugehen, die uns fremd sind, und wenn wir den Wunsch verspüren, aus ihrem Brunnen zu trinken, dann wird in uns das Verständnis für die „Wunder Gottes“, die wir verkündigen, wachsen.

EG 236, 1-6: Ohren gabst du mir, hören kann ich nicht

Wenn es ein Wunder ist, lieben zu können, bitten wir Gott mit Worten des Paulus aus dem Brief an die Römer 15, 2-7, um dieses Wunder, in Harmonie miteinander zu leben:

2 Jeder von uns lebe so, dass er seinem Nächsten gefalle zum Guten und zur Erbauung.

3 Denn auch Christus hatte nicht an sich selbst Gefallen, sondern wie geschrieben steht (Psalm 69,10): »Die Schmähungen derer, die dich schmähen, sind auf mich gefallen.«

4 Denn was zuvor geschrieben ist, das ist uns zur Lehre geschrieben, damit wir durch Geduld und den Trost der Schrift Hoffnung haben.

5 Der Gott aber der Geduld und des Trostes gebe euch, dass ihr einträchtig gesinnt seid untereinander, Christus Jesus gemäß,

6 damit ihr einmütig mit einem Munde Gott lobt, den Vater unseres Herrn Jesus Christus.

7 Darum nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob.

Manchmal ist das, was wir brauchen, im Leben und Wohlwollen der Menschen um uns herum bereits gegeben. Das Volk der Guarany in Brasilien kennt kein Wort, das unserem Begriff „Religion“ entsprechen würde, insofern dieser einen separaten Lebensbereich bezeichnet. Der übliche Ausdruck heißt wörtlich übersetzt „unser guter Weg zu sein“ („ñande reko katu“). Dieser Ausdruck bezieht sich auf das gesamte kulturelle Leben, das die Religion einschließt.

Religion ist also ebenso Teil der Kultur der Guarany wie ihre Art zu denken und ihr Sein (teko). Religion steht mit allem in Verbindung, wodurch die Gemeinschaft verbessert und weiterentwickelt wird und das auf den Weg zu einem „guten Sein“ (teko katu) führt. Das Volk der Guarany erinnert uns daran, dass das Christentum ursprünglich „der Weg“ (Apg 9, 2) genannt wurde. „Der Weg“ oder „unser guter Weg des Seins“ ist die Art, wie Gott in allen Bereichen unseres Lebens Harmonie wirkt.

EG 424, 1-3: Deine Hände, großer Gott, halten unsre liebe Erde

Hören wir nun noch einmal wie an den anderen Abenden dieser Woche die Verse Johannes 4, 7-15:

7 Da kommt eine Frau aus Samarien, um Wasser zu schöpfen. Jesus spricht zu ihr: Gib mir zu trinken!

8 Denn seine Jünger waren in die Stadt gegangen, um Essen zu kaufen.

9 Da spricht die samaritische Frau zu ihm: Wie, du bittest mich um etwas zu trinken, der du ein Jude bist und ich eine samaritische Frau? Denn die Juden haben keine Gemeinschaft mit den Samaritern. –

10 Jesus antwortete und sprach zu ihr: Wenn du erkenntest die Gabe Gottes und wer der ist, der zu dir sagt: Gib mir zu trinken!, du bätest ihn und er gäbe dir lebendiges Wasser.

11 Spricht zu ihm die Frau: Herr, hast du doch nichts, womit du schöpfen könntest, und der Brunnen ist tief; woher hast du dann lebendiges Wasser?

12 Bist du mehr als unser Vater Jakob, der uns diesen Brunnen gegeben hat? Und er hat daraus getrunken und seine Kinder und sein Vieh.

13 Jesus antwortete und sprach zu ihr: Wer von diesem Wasser trinkt, den wird wieder dürsten;

14 wer aber von dem Wasser trinken wird, das ich ihm gebe, den wird in Ewigkeit nicht dürsten, sondern das Wasser, das ich ihm geben werde, das wird in ihm eine Quelle des Wassers werden, das in das ewige Leben quillt.

15 Spricht die Frau zu ihm: Herr, gib mir solches Wasser, damit mich nicht dürstet und ich nicht herkommen muss, um zu schöpfen!

Jesus bittet um Wasser und bietet zugleich der Frau anderes Wasser an. Jesus überwindet Berührungsängste, eine Frau anzusprechen, mit ihr ein Gespräch über religiöse Themen zu führen, war für einen Mann damals schon ungewöhnlich, mehr noch, dass er als Jude sie als Samariterin ernst nahm. Sie lernt von ihm, aber zunächst lässt er sich von ihr zu trinken geben.

So sieht Mission bei Jesus aus: Er ist offen für die fremde Frau in ihrer fremden Religion. Er ist zugleich selbstbewusst in dem, was er anzubieten hat. Er lässt sich zu trinken geben, hört auf ihre Weisheit, ihre Einsicht, lässt sich den Durst löschen, und zugleich lädt er sie ein zu trinken, ohne Druck auf sie auszuüben.

Wir singen in der Woche vor Pfingsten aus dem Lied 130 die Strophen 1, 2 und 6:

1. O Heilger Geist, kehr bei uns ein und lass uns deine Wohnung sein, o komm, du Herzenssonne. Du Himmelslicht, lass deinen Schein bei uns und in uns kräftig sein zu steter Freud und Wonne. Sonne, Wonne, himmlisch Leben willst du geben, wenn wir beten; zu dir kommen wir getreten.

2. Du Quell, draus alle Weisheit fließt, die sich in fromme Seelen gießt: lass deinen Trost uns hören, dass wir in Glaubenseinigkeit auch können alle Christenheit dein wahres Zeugnis lehren. Höre, lehre, dass wir können Herz und Sinnen dir ergeben, dir zum Lob und uns zum Leben.

6. Du süßer Himmelstau, lass dich in unsre Herzen kräftiglich und schenk uns deine Liebe, dass unser Sinn verbunden sei dem Nächsten stets mit Liebestreu und sich darinnen übe. Kein Neid, kein Streit dich betrübe, Fried und Liebe müssen schweben, Fried und Freude wirst du geben.

Gott des Lebens, du sorgst für die ganze Schöpfung und rufst uns zu Gerechtigkeit und Frieden. Führe uns auf deinem Weg, auf dem Sicherheit auf Respekt statt auf Waffen beruht, auf dem Kraft in Liebe statt in Gewalt wurzelt, auf dem Reichtum durch das Teilen statt durch Geld wächst, auf dem Gerechtigkeit statt Konkurrenz herrscht, auf dem der Sieg mit Vergebungsbereitschaft statt mit Vergeltung errungen wird, auf dem unsere Einheit nicht auf einem gemeinsamen Streben nach Macht beruht, sondern in der Bereitschaft wurzelt, deinen Willen zu tun. Hilf uns, uns für die Würde der ganzen Schöpfung einzusetzen und das Brot der Solidarität, der Gerechtigkeit und des Friedens zu teilen. Darum bitten wir dich im Namen Jesu, deines heiligen Sohnes, unseres Bruders, der Opfer unserer Gewalt wurde und noch am Kreuz uns allen Vergebung geschenkt hat. Amen.

In der Stille bringen wir vor Gott, was wir persönlich auf dem Herzen tragen:

Stille und Vater unser

Empfangt Gottes Segen:

Der Herr segne euch und er behüte euch. Er lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig. Er erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch seinen Frieden. Amen.

EG 483: Herr, bleibe bei uns, denn es will Abend werden

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