„Mein Auge sehnt sich aus dem Elend“

In der Trauerfeier für eine Frau, die es sehr schwer hatte in ihrem Leben, denke ich darüber nach, wie man mit einem solchen Leben fertig werden kann, und auch über die gemischten Gefühle in der Trauer.

„Mein Auge sehnt sich aus dem Elend“: Ein surrealistisches Bild einer Frau, deren Gesicht einmal klar, einmal verschwommen inmitten farbiger Phantasiegebilde dargestellt ist

„Mein Auge sehnt sich aus dem Elend“ (Bild: geralt – pixabay.com)

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. Amen.

Liebe Trauerfamilie, wir sind hier versammelt, um Abschied zu nehmen von Frau R., die im Alter von [über 70] Jahren gestorben ist.

Wir erinnern uns an sie, wir machen uns bewusst, um welche unverwechselbare Person wir trauern. Wir versuchen, Hilfe zu finden, um den Weg der Trauer gehen und bewältigen zu können. Dabei besinnen wir uns auf Gott, von dem unser Leben herkommt und zu dem es im Tode zurückkehrt.

Ich möchte zu Beginn den Psalm 88 beten, der wenig hoffnungsvoll zu sein scheint, aber Empfindungen und Gedanken auf den Punkt bringt, von denen aus dann doch Trost erfahren werden kann. Mein Eindruck war: In ihm klingt an, was Frau R. in der Zeit ihrer Krankheit ganz zuletzt durchleiden musste, vielleicht auch manche unerfüllte Sehnsucht und manche Erfahrung in ihrem Leben, mit der es nicht leicht war, fertig zu werden.

2 HERR, Gott, mein Heiland, ich schreie Tag und Nacht vor dir.

3 Lass mein Gebet vor dich kommen, neige deine Ohren zu meinem Schreien.

4 Denn meine Seele ist übervoll an Leiden, und mein Leben ist nahe dem Tode.

5 Ich bin denen gleich geachtet, die in die Grube fahren, ich bin wie ein Mann, der keine Kraft mehr hat.

6 Ich liege unter den Toten verlassen, wie die Erschlagenen, die im Grabe liegen, derer du nicht mehr gedenkst und die von deiner Hand geschieden sind.

7 Du hast mich hinunter in die Grube gelegt, in die Finsternis und in die Tiefe.

8 Dein Grimm drückt mich nieder, du bedrängst mich mit allen deinen Fluten.

9 Meine Freunde hast du mir entfremdet, du hast mich ihnen zum Abscheu gemacht. Ich liege gefangen und kann nicht heraus,

10 mein Auge sehnt sich aus dem Elend. HERR, ich rufe zu dir täglich; ich breite meine Hände aus zu dir.

11 Wirst du an den Toten Wunder tun, oder werden die Verstorbenen aufstehen und dir danken?

12 Wird man im Grabe erzählen deine Güte und deine Treue bei den Toten?

13 Werden denn deine Wunder in der Finsternis erkannt oder deine Gerechtigkeit im Lande des Vergessens?

14 Aber ich schreie zu dir, HERR, und mein Gebet kommt frühe vor dich:

15 Warum verstößt du, HERR, meine Seele und verbirgst dein Antlitz vor mir?

16 Ich bin elend und dem Tode nahe von Jugend auf; ich erleide deine Schrecken, dass ich fast verzage.

17 Dein Grimm geht über mich, deine Schrecken vernichten mich.

18 Sie umgeben mich täglich wie Fluten und umringen mich allzumal.

19 Meine Freunde und Nächsten hast du mir entfremdet, und meine Verwandten hältst du fern von mir.

Liebe Trauerfamilie!

Manches mag zu hart klingen, was wir eben mit dem Psalm 88 gebetet haben. Meine Freunde und Nächsten hast du mir entfremdet – nein, Frau R. hat durchaus Menschen gehabt, die bis zuletzt bei ihr waren, sie war nicht allein. Aber es ist wohl doch wahr, dass es nicht immer leicht war, ganz unbefangen und unkompliziert auf sie zuzugehen, vielleicht weil ihr Blick auf das Leben von Erfahrungen geprägt war, die es ihr schwer machten, das Leben leicht zu nehmen und den Menschen zu vertrauen, sogar denen, die sich mehr Nähe von oder zu ihr gewünscht hätten.

Erinnerungen an das Leben der Verstorbenen

Es mögen ihre Kindheitserfahrungen gewesen sein, vielleicht auch, dass sie auch später immer wieder Enttäuschungen erlebt hat, aber sie erweckte den Eindruck, dass sie immer alles sehr schwer nahm. Die Welt war für sie eher grau und böse, wer weiß, ob sie gedacht hat, dass sie vielleicht gar kein Recht auf eigenes Glück habe oder dass sie sich die Erfüllung ihrer Sehnsüchte erkämpfen müsse, und das letzten Endes oft auch vergeblich.

Als sie zum ersten Mal Krebs bekam und die Krankheit überlebte, da war das für sie ein Sieg, der ihr wohl auch Auftrieb gab; sie konnte sich damit durchaus stark fühlen. Manchmal können bewältigte Notsituationen Menschen beflügeln.

Dann kehrte der Krebs zurück; und dieses Mal war er schwerer durchzustehen. Frau R. musste sich zum ersten Mal einer Chemotherapie unterziehen, die sie allerdings als wenig belastend empfand.

Nach weiteren relativ gesunden Jahren wurde Knochenkrebs diagnostiziert, der aber zunächst wieder gut behandelt werden konnte. Sie fühlte sich fit, ihre Werte waren gut – und so wartete sie zu lange, bis sie zu einer erneuten Untersuchung ging. Aber da war es zu spät für Maßnahmen gegen das inzwischen fortschreitende Wachstum neuer Krebszellen. Ihr Zustand verschlechterte sich von Tag zu Tag. Sie nahm selber wahr, wie auch ihre geistigen Kräfte nachließen, und litt sehr darunter.

Sie haben Ihre Mutter am Tag vor ihrem Tod noch einmal besucht, da atmete sie sehr schwer, es war, als ob sie gegen etwas ankämpfte, doch nach diesem Besuch wurde sie ruhiger. Als ob sie den Kampf aufgeben, endlich loslassen konnte. Kurze Zeit darauf ist sie gestorben.

Als ich über das Leben Ihrer Mutter, Ihrer Angehörigen, Ihrer Freundin nachgedacht habe, da ist mir Psalm 88, 10 eingefallen, den wir vorhin schon gehört haben:

Mein Auge sehnt sich aus dem Elend. HERR, ich rufe zu dir täglich; ich breite meine Hände aus zu dir.

Ich weiß gar nicht, wie gläubig Frau R. war; zur Kirche hatte sie schon eine gute Beziehung, aber ob sie tatsächlich so hätte beten können, weiß ich nicht. Ich habe aber den Eindruck, dass dieses Gebet eine Sehnsucht widerspiegelt, die ihr Leben geprägt hat.

„Elend“ klingt ein bisschen hart, das ist in ihrem Fall sicher keine äußere Armut, aber es bleibt doch wahr, dass Frau R. immer wieder an vielem gelitten hat in ihrem Leben, eine richtige Zufriedenheit kaum entwickeln konnte. Zugleich hat sie ihr Leben gestaltet, ihre Arbeit getan und nicht aufgegeben, nach ihrem eigenen Glück zu suchen und der oft schwierigen Wirklichkeit einen Sinn abzugewinnen.

Und es gab ja auch viele Erfahrungen von Sinn in diesem Leben. Freundschaften, gelungene Arbeit, Interessen, die Freude und Spaß machten, Bewältigung von Krisen und Krankheit, nicht zuletzt der Aufbau von Nähe zu Menschen, die es mit ihr nicht immer leicht hatten.

Gemessen daran, dass unser Leben immer nur bruchstückhaft widerspiegelt, wozu wir als Menschen berufen sind, nämlich Abbild der Liebe Gottes zu sein, durch die wir füreinander da sind, voneinander gestärkt werden und miteinander glücklich werden, können wir auch im Blick auf das Leben von Frau R. für vieles dankbar sein, was ihr an Liebe geschenkt worden ist und was sie hat weitergeben können.

Was offen bleibt, was nicht vollendet wurde – wir dürfen darauf hoffen, dass Gott uns auf der anderen Seite des Lebens mit offenen Armen empfängt und auf unsere geheimsten Sehnsüchte antwortet. Er hört auch unsere unausgesprochenen Gebete, die in Seufzern bestehen, wie der Apostel Paulus einmal sagt (Römer 8, 22 und 26). In dieser Zuversicht können wir Frau R. loslassen und sie den liebevollen Händen Gottes anvertrauen. Er wird ihr Leben vollenden in seinem ewigen Frieden.

Und wir, die wir zurückbleiben, dürfen ebenso darauf vertrauen, dass Gott uns dabei hilft, unsere Gedanken und Empfindungen zu sortieren und unseren Weg neu zu finden und zu gehen. Trauer ist ein Weg in vielen Etappen, und er verläuft nicht immer nur geradeaus.

Es geht dabei auch nicht immer nur um das Gefühl der Traurigkeit. Hier und da stoßen wir mitten in der Trauer auf eine Erinnerung, die uns schmunzeln oder lachen lässt. Oder wir müssen uns mutig einer Angst stellen, die erst dann in neues Selbstvertrauen und Zutrauen zum Leben verwandelt werden kann.

Vielleicht ist es auch wichtig, bestimmten Gefühlen des Zorns in unserem Leben Raum zu geben, damit wir einen neuen Zugang zu unserer eigenen Fähigkeit finden, zu lieben. Zorn, manchmal sogar Hass, und Liebe sind in unserem Gefühlsleben auf derselben Skala, nur eben an verschiedenen Enden angesiedelt, beides sind Gefühle intensiver Nähe, und wer sich das eine verbietet, unterdrückt in sich oft auch das andere.

Wenn Jesus das höchste alttestamentliche Gebot so sehr betont (3. Buch Mose – Levitikus 19, 18):

Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst

– dann will er damit nicht den Zorn verleugnen, den kennt er selber sehr wohl auch, sondern er will ihn überwinden, indem Menschen dazu fähig werden, sich selbst und anderen mit Barmherzigkeit zu begegnen. Möglich ist das, weil Gott uns vorneweg schon lieb hat und für uns da ist wie ein barmherziger Vater und eine tröstende Mutter.

Mit Worten aus dem Psalm 139 möchte ich die Ansprache schließen, es ist ein Gebet, das von großem Vertrauen getragen ist und vielleicht auch Ihnen Mut macht, auf diesen Gott zu vertrauen:

1 HERR, du erforschest mich und kennest mich.

2 Ich sitze oder stehe auf, so weißt du es; du verstehst meine Gedanken von ferne.

3 Ich gehe oder liege, so bist du um mich und siehst alle meine Wege.

4 Denn siehe, es ist kein Wort auf meiner Zunge, das du, HERR, nicht schon wüsstest.

5 Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir.

6 Diese Erkenntnis ist mir zu wunderbar und zu hoch, ich kann sie nicht begreifen.

13 Denn du hast [mein Inneres] bereitet und hast mich gebildet im Mutterleibe.

14 Ich danke dir, dass ich wunderbar gemacht bin; wunderbar sind deine Werke; das erkennt meine Seele.

15 Es war dir mein Gebein nicht verborgen, als ich im Verborgenen gemacht wurde, als ich gebildet wurde unten in der Erde.

16 Deine Augen sahen mich, als ich noch nicht bereitet war, und alle Tage waren in dein Buch geschrieben, die noch werden sollten und von denen keiner da war.

17 Aber wie schwer sind für mich, Gott, deine Gedanken! Wie ist ihre Summe so groß!

18 Wollte ich sie zählen, so wären sie mehr als der Sand: Am Ende bin ich noch immer bei dir.

23 Erforsche mich, Gott, und erkenne mein Herz; prüfe mich und erkenne, wie ich‘s meine.

24 Und sieh, ob ich auf bösem Wege bin, und leite mich auf ewigem Wege.

Barmherziger Gott, ob wir leben oder sterben, wir stehen in Deiner Hand. Nimm Frau R. gnädig auf in dein himmlisches Reich und lass sie Ruhe und Frieden finden. Unsere Belastungen, Trauer und Sorgen, werfen wir auf dich. Blicke auf unsere Sehnsucht und antworte mit deiner Gnade. Hilf uns zu bewältigen, was uns niederdrückt. Schenke uns Zuversicht für jeden neuen Tag, und lass uns in Verantwortung vor dir unser Leben führen. Mach uns bewusst, dass du uns segnest, um mit unseren kleinen Kräften ein Segen zu sein für diese Welt. Amen.

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