Jeftah und Batjah

Wie ein ehrenwerter Richter seiner Tochter Gewalt antut und wie dieses Mädchen seine Würde bewahrt.

Jeftah baut Batjah mehr oder weniger bewusst in seinen Kontrollpakt mit Gott als Joker ein. Das ist typisch für Väter, die ihre Tochter ausnutzen: Sie gehen planvoll vor, aber sie schieben die Verantwortung der Tochter zu. „Was tust du mir an! Du machst mich traurig!“

Statue eines Mädchens mit gesenktem Kopf

Niemand weiß, wie Jeftahs Tochter hieß. Ich nenne sie Batjah (Foto der Statue eines Mädchens: pixabay.com)

#predigtAbendmahlsgottesdienst am Drittletzten Sonntag im Kirchenjahr, den 7. November 2010, um 10.00 Uhr in der evangelischen Pauluskirche Gießen

Guten Morgen, liebe Gemeinde!

In den nächsten beiden Wochen werden sich unsere Paulusgemeinde und unser Pfarrer mit schwierigen Themen beschäftigen, die sich um den Frieden in der Familie drehen, aber auch um sexuelle Gewalt im christlich geprägtem Umfeld.

Um uns in diesem Abendmahlsgottesdienst schon darauf einzustimmen, erzählt uns Herr Pfarrer Schütz die biblische Geschichte des ehrenwerten Richters Jeftah nach, der seiner Tochter Gewalt antut. Wie es dazu kommt und auf welche Weise dieses Mädchen dennoch seine Würde behält und Trost erfährt, werden wir in der Predigt hören.

Lied 289, 1-2:

1. Nun lob, mein Seel, den Herren, was in mir ist, den Namen sein. Sein Wohltat tut er mehren, vergiss es nicht, o Herze mein. Hat dir dein Sünd vergeben und heilt dein Schwachheit groß, errett‘ dein armes Leben, nimmt dich in seinen Schoß, mit reichem Trost beschüttet, verjüngt, dem Adler gleich; der Herr schafft Recht, behütet, die leidn in seinem Reich.

2. Er hat uns wissen lassen sein herrlich Recht und sein Gericht, dazu sein Güt ohn Maßen, es mangelt an Erbarmung nicht; sein‘ Zorn lässt er wohl fahren, straft nicht nach unsrer Schuld, die Gnad tut er nicht sparen, den Schwachen ist er hold; sein Güt ist hoch erhaben ob den‘, die fürchten ihn; so fern der Ost vom Abend, ist unsre Sünd dahin.

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. „Amen.“

Wir beten den 121. Psalm, er steht im Gesangbuch unter der Nr. 749. Lesen Sie bitte die eingerückten Verse:

Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen. Woher kommt mir Hilfe?

Meine Hilfe kommt vom Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat.

Er wird deinen Fuß nicht gleiten lassen, und der dich behütet, schläft nicht. Siehe, der Hüter Israels schläft und schlummert nicht.

Der Herr behütet dich; der Herr ist dein Schatten über deiner rechten Hand,

dass dich des Tages die Sonne nicht steche noch der Mond des Nachts.

Der Herr behüte dich vor allem Übel, er behüte deine Seele.

Der Herr behüte deinen Ausgang und Eingang von nun an bis in Ewigkeit!

Kommt, lasst uns Gott anbeten! „Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem heiligen Geist, wie es war im Anfang, jetzt und immerdar, und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“

Gott, schläfst du wirklich nie? Behütest du wirklich alle, die deine Hilfe brauchen? Manchmal begreife ich dich nicht, wenn ich höre, dass Kinder in deinem Namen unter Druck gesetzt und geschlagen, gequält und sogar missbraucht werden. Warum lässt du die Übeltäter so lange gewähren? Doch wir müssen uns auch selber fragen: Interessieren wir uns für die Opfer von Gewalt, wenn diese Gewalt hinter verschlossenen Türen geschieht, verübt von Menschen, die vielleicht mitten unter uns leben?

Wir rufen zu dir, Gott: Herr, erbarme dich! „Herr, erbarme dich, Christe, erbarme dich, Herr, erbarm dich über uns!“

Aus der Tiefe rufe ich zu dir, Herr, höre meine Stimme! Ich vertraue darauf, du hörst nicht weg, wenn Menschen Gewalt angetan wird. Ich bin überzeugt davon, dass du in deinem Sohn Jesus Christus mit allen mitleidest, die von Gewalt betroffen sind.

Darum: Lasst uns Gott lobsingen! „Ehre sei Gott in der Höhe und auf Erden Fried, den Menschen ein Wohlgefallen. Allein Gott in der Höh sei Ehr und Dank für seine Gnade, darum dass nun und nimmermehr uns rühren kann kein Schade. Ein Wohlgefalln Gott an uns hat; nun ist groß Fried ohn Unterlass, all Fehd hat nun ein Ende“.

Der Herr sei mit euch „und mit deinem Geist.“

Vater im Himmel, lass nicht zu, dass die Schreie der Opfer von Gewalt ungehört bleiben, mach auch die stummen Schreie hörbar.

Schenke uns den Mut, dieses schwierige Thema anzufassen, in doppelter Weise: Auch wenn wir selber verschont geblieben sind von Gewalterfahrungen, gib uns die nötige Aufmerksamkeit und Feinfühligkeit, damit Betroffene es wagen, sich uns anzuvertrauen. Und wenn wir selber betroffen sind, zeige uns Menschen, denen wir uns anvertrauen können. Mach uns Mut, auszusprechen, was uns belastet. Darum bitten wir dich im Namen Jesu Christi, unseres Herrn. „Amen.“

Zur Vorbereitung auf die Predigt hören wir den einzigen Text im Neuen Testament, in dem der Richter Jeftah erwähnt wird. Er steht im Brief an die Hebräer 11, wo Jeftah in eine ganze Wolke von Glaubenszeugen eingereiht wird, von Abraham und Mose bis hin zu Jesus, dem Anfänger und Vollender des Glaubens. Mitten in diesem Text heißt es in den Versen 30 bis 34:

30 Durch den Glauben fielen die Mauern Jerichos, als Israel sieben Tage um sie herumgezogen war.

31 Durch den Glauben kam die Hure Rahab nicht mit den Ungehorsamen um, weil sie die Kundschafter freundlich aufgenommen hatte.

32 Und was soll ich noch mehr sagen? Die Zeit würde mir zu kurz, wenn ich erzählen sollte von Gideon und Barak und Simson und Jeftah und David und Samuel und den Propheten.

33 Diese haben durch den Glauben Königreiche bezwungen, Gerechtigkeit geübt, Verheißungen erlangt, Löwen den Rachen gestopft,

34 des Feuers Kraft ausgelöscht, sind der Schärfe des Schwerts entronnen, aus der Schwachheit zu Kräften gekommen, sind stark geworden im Kampf und haben fremde Heere in die Flucht geschlagen.

Selig sind, die Gottes Wort hören und bewahren. Halleluja. „Halleluja, Halleluja, Halleluja!“

Glaubensbekenntnis
Lied 296, 1-3+8:

1. Ich heb mein Augen sehnlich auf und seh die Berge hoch hinauf, wann mir mein Gott vom Himmelsthron mit seiner Hilf zustatten komm.

2. Mein Hilfe kommt mir von dem Herrn, er hilft uns ja von Herzen gern; Himmel und Erd hat er gemacht, hält über uns die Hut und Wacht.

3. Er führet dich auf rechter Bahn, wird deinen Fuß nicht gleiten lan; setz nur auf Gott dein Zuversicht; der dich behütet, schläfet nicht.

8. Der Herr dein‘ Ausgang stets bewahr, sind Weg und Steg auch voll Gefahr, bring dich nach Haus in seim Geleit von nun an bis in Ewigkeit.

Gott gebe uns ein Herz für sein Wort und Worte für unser Herz. Amen.

Liebe Gemeinde, ich erzähle nun die Geschichte des Richters Jeftah nach, der im Hebräerbrief gerühmt wird, weil er durch den Glauben stark war im Kampf und fremde Heere in die Flucht geschlagen hat. Es ist die Geschichte eines Mannes, der nicht in allem als vorbildlich geschildert wird. Unsere Bibel ist ein realistisches Buch; ihr ist nichts Menschliches oder Unmenschliches fremd. Obwohl die Geschichte Jeftahs vor über 3000 Jahren spielt, hat sie mir geholfen zu verstehen, was in manchen der Familien passiert, in denen Kinder Gewalt und Missbrauch erfahren. Manches ändert sich im Lauf von Jahrtausenden leider kaum.

Jeftahs Geschichte steht im Buch der Richter. Zu seiner Zeit hatten die zwölf Stämme Israels noch keinen König. Sie lebten im Normalfall jeder für sich und erwählten nur dann gemeinsam einen Heerführer, wenn Überfälle und Plünderungen durch andere Völker überhandnahmen. Ein solcher Heerführer wurde „Richter“ genannt, weil er auch als Streitschlichter und Wahrer des Gesetzes im Verband der zwölf Stämme auftrat. Hören wir zuerst, wie Jeftah zum Richter erwählt wurde.

1 Jeftah, ein Gileaditer, war ein streitbarer Mann, aber der Sohn einer Hure. Gilead hatte Jeftah gezeugt.

Dass Jeftah buchstäblich ein Hurensohn ist, macht ihn in den Augen der Bibel nicht von vornherein zu einem unehrenhaften Mann. Huren können in der Bibel hochangesehen sein, wie zum Beispiel die Hure Rahab, die den Kundschaftern des Volkes Israel half, aus Jericho zu fliehen.

2 Als aber die Ehefrau Gileads ihm Söhne gebar und die Söhne dieser Frau groß wurden, stießen sie Jeftah aus und sprachen zu ihm: Du sollst nicht erben in unserer Familie, denn du bist der Sohn einer andern.

„Du gehörst nicht zu uns“, das bekam noch meine Großmutter, die Mutter meiner Mutter von ihren Geschwistern zu hören, „denn du hast ja einen anderen Namen.“ Sie war vom gleichen Vater wie die anderen Brüder und Schwestern, aber unehelich geboren, vor der Eheschließung der Eltern. Ich kann mir vorstellen, wie sich der große Bruder Jeftah in seiner Familie gefühlt hat: er ist in ihren Augen ein Bastard und wird sogar vom Familienerbe ausgeschlossen: So erleidet Jeftah eine Form von Gewalt in der Familie.

3 Da floh er vor seinen Brüdern und wohnte im Lande Tob. Und es sammelten sich bei ihm lose Leute und zogen mit ihm aus.

Der Ausgestoßene verhält sich wie erwartet: Jeftah verlässt seine Familie, gerät in schlechte Gesellschaft, wird Anführer einer Räuberbande. Heute würde man sagen, er zieht mit seiner Gang um die Häuser und macht die Gegend unsicher.

4 Und einige Zeit danach kämpften die Ammoniter mit Israel.

5 Als nun die Ammoniter mit Israel kämpften, gingen die Ältesten von Gilead hin, um Jeftah aus dem Lande Tob zu holen,

6 und sprachen zu ihm: Komm und sei unser Hauptmann, damit wir gegen die Ammoniter kämpfen.

Das Volk Israel gerät in Not; das Nachbarvolk Ammon beginnt Krieg zu führen. Da vergessen die Chefs von Jeftahs Sippe ihre moralischen Bedenken gegen die Herkunft des ungeliebten Jeftah, denn im Krieg brauchen sie den rauhen Kerl, der gut kämpfen kann.

7 Aber Jeftah sprach zu den Ältesten von Gilead: Seid ihr es nicht, die mich hassen und aus meiner Familie ausgestoßen haben? Und nun kommt ihr zu mir, weil ihr in Bedrängnis seid?

Jeftah spricht seinen Zorn deutlich aus: In einer Notlage kommen die Verwandten, die Politiker, angekrochen, die vorher nichts mit ihm zu tun haben wollten. Ich überspringe ein paar Verse; am Ende ist Jeftah einverstanden, Feldherr der Israeliten zu werden, aber nur unter einer Bedingung: dass er auch nach dem Krieg Israels Richter bleibt.

11 So ging Jeftah mit den Ältesten von Gilead, und das Volk setzte ihn zum Haupt und Obersten über sich. Und Jeftah redete alles, was er zu sagen hatte, vor dem HERRN in Mizpa.

Aus dem Außenseiter wird der wichtigste Mann im Land. Und dieser Führungsaufgabe stellt sich Jeftah in der Verantwortung vor Gott.

12 Dann sandte Jeftah Botschaft zum König der Ammoniter und ließ ihm sagen: Was hast du mit mir zu schaffen, dass du zu mir kommst, um gegen mein Land zu kämpfen?

Und nun erweist sich, dass Jeftah kein Haudegen ist, der sofort in den Krieg zieht. Er tritt in Verhandlungen mit dem Gegner ein und versucht den Krieg auf diplomatischem Wege zu beenden. Vielleicht fragen Sie sich, wieso ich mich so lange mit Jeftahs Karriere und seiner Art, Politik zu betreiben und Krieg zu führen, beschäftige. Es sollte doch eigentlich um das Thema „Gewalt in der Familie“ und um die Tochter Jeftahs gehen. Aber das Buch der Richter spiegelt nur die Realität wider: Was in einer Familie passiert, interessiert die Öffentlichkeit in der Regel nicht. So werden wir erst ganz am Schluss unseres 11. Kapitels im Richterbuch von Jeftahs Tochter hören. Und das, was ihr geschehen wird, hängt eng zusammen mit Jeftahs Auffassung von seiner Verantwortung vor Gott. Trotzdem erlaube ich mir, 14 Verse zu überspringen, in denen die Verhandlungen mit dem König von Ammon im einzelnen geschildert werden. Am Ende stellt Jeftah seinen Gegner unter ein Urteil Gottes:

27 Ich habe mich nicht an dir versündigt, du aber tust so Böses an mir, dass du mit mir kämpfst. Der HERR, der da Richter ist, richte heute zwischen Israel und den Ammonitern.

Ich lasse dahingestellt sein, ob Recht und Unrecht in diesem Konflikt zwischen den beiden Völkern wirklich so klar verteilt sind, wie Jeftah behauptet. Interessant für uns ist, dass Jeftah das Urteil darüber, wer Recht hat, Gott als alleroberstem Richter überlassen will.

28 Aber der König der Ammoniter hörte nicht auf die Worte Jeftahs, die er ihm sagen ließ.

Damit sind die Friedensverhandlungen gescheitert; der Krieg wird weitergehen.

29 Da kam der Geist des HERRN auf Jeftah, und er zog … gegen die Ammoniter.

Ausdrücklich betont die Bibel: Gottes Geist kam auf Jeftah. Damit ist deutlich: es handelt sich um einen Verteidigungskrieg, in den der Feldherr mit gutem Gewissen ziehen kann, um sein Volk zu beschützen.

An dieser Stelle wird nun die Erzählung von Jeftah wirklich merk- und denkwürdig. Obwohl eben ausdrücklich davon die Rede war, dass Gott mit seinem Geist bei Jeftah ist, meint Jeftah mit Gott einen Handel abschließen zu müssen:

30 Und Jeftah gelobte dem HERRN ein Gelübde und sprach: Gibst du die Ammoniter in meine Hand,

31 so soll, was mir aus meiner Haustür entgegengeht, wenn ich von den Ammonitern heil zurückkomme, dem HERRN gehören, und ich will’s als Brandopfer darbringen.

Was Jeftah hier tut, kennen wir aus dem Märchen „Das Mädchen ohne Hände“. Da schließt ein Müller einen Pakt mit dem Teufel, und der sagt zu ihm: „Ich werde dich reich machen, wenn du mir versprichst, was hinter deiner Mühle steht.“ Nur ist es hier nicht der Teufel, mit dem Jeftah einen Pakt schließt, sondern Gott, und es ist nicht Gott, der eine solche Belohnung von Jeftah erwartet, sondern Jeftah bietet sie Gott von sich aus an. Offenbar ist Jeftah, der von seiner Familie ungeliebte Hurensohn, sich der Liebe und des Geistes Gottes so wenig sicher, dass er meint, sich absichern zu müssen. Aber Gott kann man nicht kontrollieren, und indem Jeftah das trotzdem versucht, schließt er im Grunde doch einen Teufelspakt; er vergisst, dass Gott ihm zur Seite steht, weil er es aus freier Güte selber will, und macht aus Gott einen Götzen, mit dem man Geschäfte machen kann.

32 So zog Jeftah auf die Ammoniter los, um gegen sie zu kämpfen. Und der HERR gab sie in seine Hände.

Trotz allem siegt also Jeftah. Die Bibel betont, dass der Sieg ein Geschenk Gottes ist.

Aber nun ist die Geschichte leider noch nicht zu Ende, sondern sie beginnt erst richtig. Wir wissen heute, dass jeder Krieg, auch wenn er noch so gerechtfertigt erscheint, weil man eine Gefahr vom eigenen Volk abwenden will, auch Unschuldige in Gefahr bringt. Heute spricht man im Blick auf zerstörte Krankenhäuser und getötete Zivilpersonen verharmlosend von „Kollateralschäden“ eines militärischen Einsatzes. In unserer Geschichte verursacht Jeftahs unheilvolles Gelübde einen solchen Kollateralschaden in seiner eigenen Familie.

34 Als nun Jeftah nach Mizpa zu seinem Hause kam, siehe, da geht seine Tochter heraus ihm entgegen mit Pauken und Reigen; und sie war sein einziges Kind, und er hatte sonst keinen Sohn und keine Tochter.

Im Märchen vom Müller und dem Teufel bekommt der Teufel nicht den Apfelbaum, der hinter der Mühle steht, sondern seine Tochter, die den Hof hinter der Mühle kehrt. Auch in der Geschichte von Jeftah ist es die Tochter, die dem Vater nach seiner Rückkehr aus der Haustür entgegengeht. Sie freut sich wie alle im Volk Israel über den Sieg, den ihr Vater errungen hat, und voller Stolz tanzt sie dem Vater entgegen.

35 Und als er sie sah, zerriss er seine Kleider und sprach: Ach, meine Tochter, wie beugst du mich und betrübst mich! Denn ich habe meinen Mund aufgetan vor dem HERRN und kann’s nicht widerrufen.

Das Foto der Statue vom Anfang in voller Höhe

So könnte ich mir Batjah vorstellen (Bild der Statue: pixabay.com)

Hier wird die Geschichte bedrückend aktuell. Denn was der Vater Jeftah hier tut, tun leider bis heute manche Väter, die ihre Töchter für eigene Zwecke ausnutzen. OK, von Jeftah wird nicht erzählt, dass er seiner Tochter sexuell zu nahe tritt. Er hat sie mehr oder weniger bewusst in seinen Kontrollpakt mit Gott, so wie er Gott missversteht, als Joker mit eingebaut. „Was mir als erstes aus dem Haus entgegenkommt…“; hat er wirklich nicht daran gedacht, dass ihm am ehesten seine Tochter nach dem Krieg so schnell wie möglich freudestrahlend in die Arme fliegen würde? Und wenn er gedacht hätte, es könne ja auch der Haushund sein; wollte er ernsthaft Gott einen Hund opfern? Das ist typisch für Väter, die ihre Tochter ausnutzen: Sie gehen planvoll vor, aber sie schieben die Verantwortung der Tochter zu. „Was tust du mir an! Wie beugst du mich! Du machst mich traurig!“ An dieser Lüge müssen sie sogar vor sich selber festhalten; sie sind unfähig, zu ihrer eigenen Verantwortung zu stehen. Dabei ist es Jeftah allein, der vor Gott seinen gotteslästerlichen und für seine Tochter verhängnisvollen Schwur ausgesprochen hat.

Indirekt macht er auch Gott für seine eigene Untat verantwortlich: „Ich habe meinen Mund aufgetan vor dem Herrn und kann‛s nicht widerrufen“, behauptet er. Warum eigentlich nicht? Was für ein Bild von Gott hat er im Kopf? Er selber hat sich doch den unseligen Pakt mit Gott ausgedacht, als ob Gott ein Teufel wäre. Nicht einmal jetzt ist er in der Lage, Mut zu beweisen und vor Gott seinen teuflischen Schwur für ungültig und nichtig zu erklären.

Und jetzt rückt die Tochter Jeftahs in den Mittelpunkt der Geschichte.

36 Sie aber sprach: Mein Vater, hast du deinen Mund aufgetan vor dem HERRN, so tu mit mir, wie dein Mund geredet hat, nachdem der HERR dich gerächt hat an deinen Feinden, den Ammonitern.

Dieser Ausspruch hat ihr Lob eingebracht von Patrioten, die ihr heldenhaftes Opfer für das Wohl des Vaterlandes preisen. Aber die vor einigen Jahren verstorbene Theologin Dorothee Sölle denkt an Jeftahs Tochter in einem Gedicht mit großer Trauer:

die tochter jephthas hat keinen namen
wir wissen nur sie war einziges kind
eines jüdischen heerführers der gelobte
das erste was ihm entgegensprang
seinem herrgott zu opfern zum dank für den sieg

die tochter jephthas hat keinen namen
viele von uns sind frau und mutter
schwester und freundin von einem
dessen namen wir kennen
viele bleiben ihr leben lang wie jephthas tochter

die tochter jephthas hat keinen engel
der dem mordenden vater ins schwert fällt
wir wissen von engeln die kinder behütet haben
vor dem geopfertwerden

aber jephthas tochter ist jephthas tochter
und hat keinen namen noch engel

Dorothee Sölle lässt sich durch dieses Mädchen an die heutigen Opfer von Gewalt erinnern, die sich wie Jeftahs Tochter nicht wehren können. Sie denkt an Abraham, der sich von Gott aufgefordert sieht, seinen Sohn Isaak zu töten. Isaak hat einen Namen. Isaak wird nicht geopfert, weil ein Engel den tötenden Vater noch rechtzeitig stoppt. Die Tochter Jeftahs hat keinen solchen Engel. Sie hat nicht einmal einen Namen.

In meinem Buch „Missbrauchtes Vertrauen“, aus dem ich nächsten Mittwoch in der Alphabuchhandlung vorlesen werde, habe ich Jeftahs Tochter einen Namen gegeben. Ich nenne sie Batjah, das heißt auf Deutsch „Tochter Gottes“. Immerhin wird sie von ihrem Vater für Gott geopfert, ihm soll sie gehören, darum passt der Name zu ihr.

Ich sehe in Batjahs Reaktion nicht nur eine heldenhafte Bejahung dessen, was ihr Vater für das Vaterland getan hat. Nein, was sie tut, ist typisch für eine Tochter, die von ihrem Vater missbraucht oder in anderer Weise ausgenutzt oder gequält wird. Sie ist bereit, dem Vater zu glauben, wenn er sagt: „Du beugst mich, du betrübst mich!“ Sie ist dem Vater doch in argloser Liebe verbunden. Soll sie dem Vater unterstellen, er habe aus unlauteren Motiven gehandelt? Nein, wenn der Vater so etwas tut, dann muss er seine Gründe haben. Wahrscheinlich bin ich wirklich selber schuld. Ich hätte ja nicht gleich aus dem Haus laufen müssen. Vielleicht ist auch etwas anderes falsch an mir. Mädchen, die vom Vater missbraucht werden, lassen sich leicht einreden, sie seien böse, eigensinnig, schwierig. Wenn ich kein Mädchen wäre, wenn ich nicht so aussähe, wie ich aussehe, dann müsste der Papa so etwas nicht machen, denn er sagt doch: „Du erregst mich, so schön, wie du bist.“

Der Satz „Tu mit mir, wie dein Mund geredet hat“, erinnert mich übrigens an einen Satz, den eine andere Frau in viel späterer Zeit ausgespricht: Maria, die Mutter Jesu. Sie sagt zum Engel Gabriel, nachdem der ihr die Geburt Jesu angekündigt hat (Lukas 1, 38):

Mir geschehe, wie du gesagt hast.

Aber das nur nebenbei.

Jeftahs Tochter sieht keinen Ausweg aus ihrem Schicksal und will auch ihren Vater nicht beschuldigen. So sagt sie Ja zum bösen Spiel, und der Vater bringt sie tatsächlich für Gott zum Opfer dar.

Gibt es gar keinen Trost in dieser trostlosen Geschichte? Doch. Jeftahs Tochter Batjah ergibt sich zwar in ihr Schicksal, aber nicht ohne vorher noch etwas von ihrem Vater zu erbitten:

37 Und sie sprach zu ihrem Vater: Du wollest mir das gewähren: Lass mir zwei Monate, dass ich hingehe auf die Berge und meine Jungfrauschaft beweine mit meinen Gespielen.

Batjah hat offenbar keine Mutter, der sie sich anvertrauen könnte. Entweder ist sie tot oder sie ist nicht als wirkliche Mutter für ihre Tochter da. Auch das gibt es häufig in Familien, in denen Väter ihre Tochter missbrauchen: Die Mütter schauen weg, wollen es nicht wahrhaben, sind noch viel weniger als die Väter ihrer Tochter ein liebevolles Gegenüber. Aber Batjah weiß einen Ausweg: Sie sucht Unterstützung und Rückhalt und Trost bei ihren Freundinnen. Mit ihnen will sie in die Berge gehen, weg vom Vater, und zwei Monate lang weinen dürfen. Interessant ist, dass sie ihre Jungfrauschaft beweinen will. Wird hier angedeutet, dass sie sie doch verloren hat durch ihren Vater? Oder will sie beweinen, dass sie als Jungfrau sterben muss, ohne eine eigene Familie, einen Mann und Kinder haben zu können? Das bleibt offen.

38 Er sprach: Geh hin! und ließ sie zwei Monate gehen. Da ging sie hin mit ihren Gespielen und beweinte ihre Jungfrauschaft auf den Bergen.

Was mir dazu noch einfällt, mag Zufall sein: Als Maria vom Engel Gabriel erfährt, dass sie mit Jesus schwanger ist, geht sie auch in die Berge und sucht ihre Verwandte Elisabeth auf. Sie beweint nicht ihre Jungfrauschaft, sie freut sich über das Kind, das in ihr wächst; aber wie Batjah flieht sie zunächst aus ihrer vertrauten Umgebung, in ihrem Fall, um sich auf die unerwartete Schwangerschaft einzustellen. Und genau wie Batjah sucht sie dazu die Unterstützung einer nahestehenden Frau in den Bergen. Das wieder nur nebenbei. Zurück zu Batjah…

39 Und nach zwei Monaten kam sie zurück zu ihrem Vater. Und er tat ihr, wie er gelobt hatte, und sie hatte nie einen Mann erkannt.

Unausweichlich ist in dieser Geschichte das traurige Ende. Aber es ist nicht Batjahs Tod, der von ihr zuletzt berichtet wird, sondern dass sie nie einen Mann erkannt hatte. Das kann bedeuten: Sie ist als Jungfrau gestorben, unberührt und rein. Es kann aber auch bedeuten: Ihr war es nie vergönnt, in freier Partnerschaft einen Mann im wahren Sinn des Wortes von Angesicht zu Angesicht zu „erkennen“, so wird nämlich in der Bibel das umschrieben, was wir viel weniger schön „miteinander schlafen“ nennen.

Das 11. Kapitel des Richterbuches schließt mit folgendem Satz:

Und es ward Brauch in Israel,

40 dass die Töchter Israel jährlich hingehen, zu klagen um die Tochter Jeftahs, des Gileaditers, vier Tage im Jahr.

Auch das ist ein Trost. Man hat zwar Batjahs Namen nicht überliefert, aber sie wurde nicht vergessen. Ich finde es schön, dass die Mädchen in Israel sich vier Tage im Jahr Zeit genommen haben, um an die Tochter Jeftahs zu erinnern und um sie zu klagen. Dieser Brauch wird zwar schon lange nicht mehr gepflegt, aber es ist trotzdem gut, dass Batjahs Geschichte in der Bibel aufbewahrt ist. Es ist gut, weil ihre Geschichte vielleicht dazu dienen kann, dass andere nicht weniger schlimme Vater-Tochter-Geschichten, die heute passieren, ebenfalls laut werden dürfen und nicht in Vergessenheit geraten.

Batjah war es nicht vergönnt, zu überleben und doch noch ein glückliches Leben zu führen. Die Erinnerung an Batjah kann uns helfen, dass wir ein Gespür bekommen für Menschen, die heute ein ähnliches Schicksal erleiden. Wenn sie ihre Geschichte erzählen können, ist ein Anfang getan, damit sie überleben und ihre Erfahrungen bewältigen können.

Zwei Mal habe ich in dieser Predigt nebenbei an Maria, die Mutter Jesu, erinnert. Das Schicksal der Gottestochter Batjah, die als Jungfrau stirbt, erinnert mich in der Tat an den Sohn der Jungfrau Maria, der – allerdings in ganz anderer Weise – als Gottessohn sterben wird. Jesus tritt nicht in die Fußstapfen des Gewalthelden Jeftah. Stattdessen lässt er sich wie Batjah zum Opfer menschlicher Gewalt machen, die im Falle Jesu nicht einmal davor zurückschreckt, den Sohn Gottes selbst ans Kreuz zu schlagen. Ich bin überzeugt: In Jesus leidet Gott selbst mit Batjah mit – und auch mit allen anderen Opfern von Gewalt in dieser Welt. Amen.

Der Gott der Hoffnung erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben. Amen.

Wir singen vor dem Abendmahl das Lied vom Liedblatt „Friede und Licht“. Denn wenn Christus, der mit allen Opfern von Gewalt mitgelitten hat, unter uns ist, dann bekommen wir Kraft, um auch das Nachdenken über schreckliche Themen auszuhalten und mehr als das: Wir können auch, wenn wir selber Gewalt erlitten haben, neue Hoffnung gewinnen.

Friede und Licht auf dem verlornen Gesicht, das bist du, wenn du kommst

Im Abendmahl sind wir eingeladen, die Güte des Gottes zu spüren, der in Jesus allen Opfern von Gewalt nahe war und der bereit war, auch Täter von Gewalt auf einen Weg der Reue und Umkehr zu führen. In Brot und Kelch wird uns eine Gemeinschaft geschenkt, die uns frei macht von aller Belastung und Schuld und in die Verantwortung vor Gott stellt.

Gott, nimm von uns, was uns von dir trennt, unsere Lebenslügen, unsere Bitterkeit, unsere falschen Bilder von dir. In der Stille bringen wir vor dich, was unsere Seele belastet:

Beichtstille

Wollt Ihr Gottes Treue und Vergebung annehmen, so sagt laut oder leise oder auch still im Herzen: Ja!

Auf euer aufrichtiges Bekenntnis spreche ich euch die Vergebung eurer Sünden zu – im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Der Herr sei mit euch. „Und mit deinem Geiste.“

Erhebet eure Herzen! „Wir erheben sie zum Herren.“

Lasset uns Dank sagen dem Herrn, unserem Gott. „Das ist würdig und recht.“

Würdig und recht ist es, Gott ernst zu nehmen als den der groß ist in seiner Güte und Freundlichkeit zu uns Menschen. Würdig und recht ist es, uns selber anzunehmen als Menschen mit aufrechtem Gang, von Gott geliebt und verantwortlich für unser Leben.

Zu dir rufen wir und preisen dich, Heiliger Gott:

Heilig, heilig, heilig ist der Herr Zebaoth; alle Lande sind seiner Ehre voll. Hosianna in der Höhe. Gelobet sei, der da kommt im Namen des Herrn. Hosianna in der Höhe.

Vater unser und Abendmahl

In Jesus lebt Gottes Liebe. Im Brot empfangen wir Jesu Leib, und Gottes Liebe lebt in uns. Nehmt und gebt weiter, was euch gegeben ist – den lebendigen Leib der Liebe Gottes.

Herumreichen des Korbs

So sehr liebt uns Gott, dass er in Jesus Christus sein Leben für uns hingibt. Nehmt hin den Kelch der Vergebung, des neuen Anfangs, der Versöhnung zwischen Gott und Mensch.

Austeilen der Kelche

Wir reichen einander die Hände zum Zeichen, dass wir Leib Christi sind und zusammengehören als verletzbare Menschen, die einander anvertraut sind. Geht hin im Frieden!

Lasst uns beten.

Vater im Himmel, wir danken dir für die Gaben, die wir empfangen – Brot und Kelch, die Gemeinschaft deiner Liebe. Wir danken dir auch, dass wir dir alles anvertrauen dürfen, was wir auf dem Herzen haben.

Wir beten für alle, die Gewalt in ihrer Familie erfahren haben: Vernachlässigung, Prügel, Demütigung, Missbrauch. Wir beklagen vor dir, Gott, dass auch in deinem Namen solche Taten begangen und gerechtfertigt werden. Wir wissen, wie schwierig es ist, sich diesem Gedanken zu stellen, dass vielleicht auch zu unserer Gemeinde Menschen gehören, die unvorstellbare Dinge erlitten haben. Vielleicht sitzt jemand unter uns und traut sich bisher nicht, davon jemandem zu erzählen. Vielleicht sitzt jemand zu Hause und geht in keine Kirche mehr, weil er sich von Gott und den Menschen der Kirche verlassen glaubt. Hilf uns, eine Gemeinschaft zu sein, in der man sich trauen darf, über schlimme Erfahrungen zu sprechen, sei es in kleinen Gruppen oder unter vier Augen. Gott, wir bitten dich: Sei du uns nahe in deinem Sohn Jesus Christus, der selber der Demütigung und Gewalt der Menschen ausgesetzt war und uns seine Liebe schenkt. Amen.

Wir singen ein letztes Lied davon, wie Gott sich um uns kümmert und wir uns umeinander kümmern:
Gottes Namen wolln wir finden, was verloren ist
Abkündigungen

Empfangt Gottes Segen:

Der Herr segne euch und er behüte euch. Er lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig. Er erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch seinen Frieden. „Amen, Amen, Amen!“

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