Weihnachtliche Gedanken über Paulus und seine seltsame Friedensermahnung
Paulus ruft nicht zu einem Tun, sondern zu einem Lassen auf: „Gebt Raum dem Zorn!“ Was davor steht, erwartet er selbstverständlich von Menschen, die geliebt sind. Wozu er diese ermutigen will, an Stelle einer von ihnen selbst verübten Rache, ist keine Selbstverständlichkeit: dass sie dem Zorn Raum geben.

Seit über einem Jahr studiere ich den Brief des Apostels Paulus an die Römer, angeleitet durch einen Kommentar von Michael Wolter und eine Auslegung von Gerhard Jankowski. Kurz vor dem Christfest 2025 frage ich mich, was denn der Apostel Paulus zum Thema Weihnachten zu sagen hat. Es ist ja bekannt, dass er in seinen Briefen keine Weihnachtsgeschichte erzählt, es sei denn, man zählt die Stelle im Galaterbrief, Kapitel 4, Vers 4, als Mini-Weihnachtserzählung:
Als aber die Fülle der Zeit kam,
sandte Gott aus seinen Sohn,
geboren von einer Frau,
geboren unter der Tora“.
Von einer wunderbaren Jungfrauengeburt erzählt Paulus nichts. Ebenso wenig von Hirten und Engeln oder von Sterndeutern aus fernen Ländern. Aber wie die Evangelisten Lukas und Matthäus nennt auch er Jesus den „Sohn Gottes“. Was meint er damit? Ein krasses Missverständnis wäre es, sich Jesus so vorzustellen wie die Göttersöhne der griechischen oder römischen Mythologie. Jesus ist kein Halbgott, nicht gezeugt von Gott mit Maria, nicht ein Mensch mit übermenschlichen Kräften.
In der Bibel nennt Gott das Volk Israel seinen „erstgeborenen Sohn“ (2. Mose 4,22), den er aus der Versklavung befreit und auf die Wegweisung seiner Tora verpflichtet, um die neu gewonnene Freiheit zu bewahren. Auch den König Israels kann Gott seinen „Sohn“ nennen (Psalm 2,6-7), den er dazu einsetzt, um seine Macht auszuüben nach den Regeln der Tora. In diesem jüdischen Sinn begreift Paulus den Sohn Gottes als einen Menschen, der geboren ist wie alle anderen Menschen auch, der aber von Gott gesandt ist, um einen einzigartigen Auftrag zu erfüllen.
Von Jesus als dem „Sohn Gottes“ spricht Paulus allerdings nur selten. Ich habe nachgezählt: In den sieben Briefen, die Paulus ganz sicher geschrieben hat, tut er das nur 15mal. Sehr viel häufiger, insgesamt 269mal, nennt Paulus Jesus den „Christus“, und mit diesem Wort bezeichnet Paulus den Auftrag Jesu genauer. „Christus“ ist ja nicht einfach der Nachname von Jesus. Stattdessen geht das griechische Wort Christos auf das hebräische Wort Maschiach, „Messias“, zurück, und beides ist wörtlich ins Deutsche zu übersetzen mit „der Gesalbte“.
Dass Paulus mit dem Wort Christos tatsächlich Jesus als den von Gott gesandten Messias bezeichnen will, zeigt sich darin, dass er nur 56mal die Formulierung „Jesus Christus“ benutzt, aber fast genau so oft, 51mal, nennt er ihn „Christus Jesus“, also ausdrücklich „den Messias Jesus“. Und noch öfter, 162mal, spricht er von ihm einfach als „dem Christus“, also dem von Gott gesandten Messias, dem „Gesalbten“.
Gesalbt wurde nach der Tora ein Priester oder ein König zu seinem Dienst im Volk Israel, und als Israel keinen souveränen König mehr hatte, sondern unter der Herrschaft fremder Könige und schließlich des römischen Kaisers stand, blieb die Erwartung auf einen Messiaskönig lebendig, der die Befreiung aus dem weltweiten Sklavenhaus der herrschenden Weltordnung herbeiführen und eine neue Weltzeit des Friedens anbrechen lassen würde.
Dass Jesus ein Befreiungskönig ist, geht auch wortwörtlich aus dem Namen Jesus hervor, denn Iēsous ist die griechische Übertragung des hebräischen Namens Jehoschua, zusammengesetzt aus der Kurzform des Gottesnamens JHWH und dem Wort jaschaˁ, „befreien“, ins Deutsche zu übersetzen mit „Gott befreit“.
Wenn das stimmt – wenn Paulus Jesus als einen Befreiungskönig sieht und verkündet – müssen dann nicht beide damals als eine Gefahr für den römischen Staat, für die Besatzungsmacht, die damals in Israel herrscht, angesehen worden sein?
Tatsächlich galten beide als Unruhestifter. Obwohl Jesus niemals zum gewaltsamen Aufstand aufrief, sondern zur Nächsten- und Feindesliebe, wurde er am römischen Kreuz hingerichtet, als wäre er ein Terrorist. Und genau diesen gekreuzigten Jesus verkündet Paulus als den Messias Gottes. Er verkündet seine Auferstehung, er wartet auf seine baldige Wiederkunft, und er selbst, Paulus, ganz persönlich, weiß sich durch Jesus dazu berufen, Juden und Menschen aus den Völkern in die Gemeinde des Messias zusammenzurufen. Paulus zieht im römischen Reich umher und wirbt in den Synagogen und auf Straßen und Plätzen für die Versöhnung der Verschiedenen, für die solidarische Liebe zwischen ehemals Verfeindeten. Das gelingt ihm zum Teil, aber er macht sich auch neue Feinde. Die Mehrheit der Juden, die er ansprechen will, wehrt sich dagegen, einen Gekreuzigten als Messias anzuerkennen und Nichtjuden in die Gemeinschaft mit Israel hineinzunehmen. Und für viele nichtjüdische Bürger und die Behörden des römischen Reiches war eine Bewegung, die einen zum Tod am Kreuz verurteilten Menschen als ihren Anführer verehrte, erst recht verdächtig. Nicht selten litt Paulus unter Anfeindungen und Verfolgung, und viel spricht dafür, dass er am Ende auch selbst in Rom hingerichtet worden ist.
Zurück zu meinem Anfangsgedanken: Paulus erzählt keine Weihnachtsgeschichte, aber er verkündet in seinen Briefen einen von Gott gesandten Messias, der Frieden bringen wird – Frieden hinein in eine von Gewalt und Unterdrückung, von Feindschaft und Hass zerrissene Welt. Und dazu finde ich im Römerbrief nun auch noch konkrete Ermahnungen und Ermutigungen. Ausgerechnet kurz vor Weihnachten bin ich an dieser Stelle im Römerbriefkapitel 12 angekommen; hier handeln die Verse 17-21 vom Umgang mit dem Bösen und scheinen in Vers 18 eine ausdrückliche Friedensermahnung zu enthalten. In der Lutherbibel steht diese Übersetzung:
„Wenn möglich, soviel an euch ist, lebt mit allen Menschen in Frieden!“
Diese Aufforderung passt gut zu Weihnachten, zum Lied der Weihnachtsengel vom Frieden auf Erden (Lukas 2,14). Allerdings beginnt sie mit zwei Einschränkungen: „wenn möglich“ und „soviel an euch ist“ und scheint so die resignative Einsicht vorwegzunehmen, die der Dichter Friedrich Schiller in seinem Drama Wilhelm Tell formuliert: „Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt.“ Schaut man aber den Vers Römer 12,18 in seinem Zusammenhang genauer an, hat uns Paulus noch sehr viel mehr zu sagen.
Wörtlich übersetzt ist Vers 18 im Urtext gar kein vollständiger Satz. Da steht:
„… wenn möglich, soviel an euch ist, mit allen Menschen Frieden-Haltende …“
Nur wenn man zum Partizip eirēneuontes, Frieden-Haltende, ein Tu-Wort in der Befehlsform „seid“ ergänzt, ergibt sich ein vollständiger Satz: „Seid mit allen Menschen Frieden-Haltende“, und in besserem Deutsch wird daraus der zitierte Luthertext.
Nun könnte man sagen: Paulus liebt nun mal Formulierungen mit solchen Partizipien, die aus der altgriechischen Sprache ins Deutsche wortwörtlich nur holprig übersetzt werden können. Aber anderswo (zum Beispiel 2. Korintherbrief 13,11) nimmt er doch einfach den Imperativ eirēneuete: „Haltet Frieden!“ Warum nicht hier?
Der Grund liegt darin, dass der Satz über den Frieden hier nur ein kleiner Teil eines einzigen Satzgefüges ist, das von Vers 17 bis 20 reicht. Ich übertrage dieses Gebilde ziemlich wörtlich in recht unschönes Deutsch, um herauszufinden, worum es Paulus gehen mag (mit Ergänzungen, damit sich ein sinnvoller deutscher Satz ergibt):
17 (Als) niemandem Böses für Böses Vergeltende,
bedacht auf (das), was gut (ist), in den Augen aller Menschen,
18 wenn möglich, was an euch (liegt), mit allen Menschen Frieden Haltende,
19 (als) nicht euch selbst Rächende,
(als) Geliebte – stattdessen: Gebt Raum dem Zorn,
denn es ist geschrieben (5. Mose 32,35):
Mein ist die Rache, ich werde vergelten, spricht der HERR,
20 stattdessen (Sprüche 25,21-22):
Wenn deinen Feind hungert, gib ihm zu essen.
Wenn ihn dürstet, gib ihm zu trinken.
Denn indem du das tust, wirst du Feuerkohlen auf seinen Kopf häufen.
Gewöhnlich wird das Wort agapētoi, „Geliebte“, in der Mitte dieses langen Satzes als Anrede an die von Paulus Angesprochenen verstanden: „ihr Lieben“. Sie erscheint im ganzen Römerbrief nur an dieser einzigen Stelle. Erst dachte ich, dass Paulus auf diese Weise einfach nur die hier geäußerten Gedanken besonders hervorheben will. Aber er könnte auch seine Adressaten genau an dieser Stelle darauf ansprechen wollen, dass sie geliebt sind, und zwar von eben dem Gott, von dessen Rache er sogleich reden wird. Und dann fiel mir auf, dass das Wort agapētoi auch als fünftes in die Reihe der vier in den vorigen Zeilen verwendeten Partizipien passen könnte. Das heißt: Paulus spricht Menschen an, die Böses nicht heimzahlen, auf Gutes bedacht sind, Frieden halten, nicht selbst Rache üben – und für fähig zu all dem hält Paulus sie, weil sie geliebt sind, weil Gott zu ihnen steht, was auch immer geschehen mag.
Erst dann folgt der erste Hauptsatz in diesem Satzgefüge. Mit einer Befehlsform ruft Paulus zu einem Handeln auf, das eigentlich gar kein Tun ist, sondern ein Lassen: „Gebt Raum dem Zorn!“ Alles andere, was davor steht, erwartet er offenbar recht selbstverständlich von Menschen, die von Gott geliebt sind. Wozu er nun genau diese geliebten Menschen ermutigen will, an Stelle einer von ihnen selbst verübten Rache, ist für Paulus keine Selbstverständlichkeit: dass sie dem Zorn Raum geben.
Was meint er damit? Was er damit nicht meint, hat er schon gesagt und er begründet es mit einem Bibelwort: Zorn in Rachetaten umsetzen, Vergeltung für abgrundtief böse Taten, das steht nur Gott zu. Aber warum sagt Paulus dann nicht einfach: „Gebt Raum dem Zorn Gottes!“? Warum lässt er offen, um wessen Zorn es geht?
Paulus kann hier auch unseren eigenen Zorn meinen. Einen Zorn, den wir spüren, wenn Hass geschürt wird gegen Andersdenkende, Andersgläubige, Menschen anderer sexueller Orientierung. Oder wenn wir zornig werden, wo Menschen Kriege vom Zaun brechen, Krankenhäuser als Basis für Terrortaten missbrauchen, als Siedler anderen Menschen ihren rechtmäßigen Grund und Boden rauben. Vielleicht auch den Zorn auf Menschen, die eine abscheuliche Freude daran haben, Kinder sexuell auszubeuten, zu quälen, ihre Seele zu zerstören.
Aber was bringt es konkret, einen solchen Zorn in uns wahrzunehmen?
Eine erste Antwort auf diese Frage erschließe ich aus den Ermutigungen zur Liebe, die Paulus in Kapitel 12 zuvor ab Vers 9 auflistet. Zorn auf Übeltäter erwächst auf der Kehrseite derselben Münze, auf deren Vorderseite Liebe steht: eine mitfühlende solidarische Liebe, die sich einsetzt für Opfer von Hass, Gewalt und abgrundtiefer Bosheit.
Eine zweite Antwort wird Paulus am Anfang von Kapitel 13 geben, wo er von staatlicher Macht vor allem erwartet, gegen das Böse einzuschreiten.
Überraschend ist eine dritte Antwort auf die Frage, wie die Mahnung: „Gebt Raum dem Zorn!“ in die Tat umgesetzt werden kann. Paulus gibt sie, indem er aus seiner Bibel zwei Verse im Buch der Sprüche Salomos zitiert:
Wenn deinen Feind hungert, gib ihm zu essen.
Wenn ihn dürstet, gib ihm zu trinken.
Denn indem du das tust, wirst du Feuerkohlen auf seinen Kopf häufen.
Dass so etwas selbstverständlich getan wird, setzt Paulus nicht einfach voraus. Aber wie Jesus ermutigt er zur Feindesliebe. Behandle den Übeltäter als den Menschen, der er trotz und gerade in seiner Bosheit bleibt, indem du auch auf seine menschlichen Bedürfnisse bedacht bist. Lass ihn nicht damit durchkommen, dass er ein Monster sei und damit nicht verantwortlich für seine menschenverachtenden Taten. Genau indem du ihm gegenüber menschlich bleibst und dich nicht auf die gleiche Ebene der Menschenverachtung begibst, machst du ihm bildlich gesprochen die Hölle heiß. Er könnte wahrnehmen, dass es eine Alternative zum Bösen gibt und womöglich sogar ein göttliches Gericht, vor dem er sich zu verantworten haben wird.
Ein konkreter Feind, an den Paulus denkt, ist sicher auch das römische Imperium, das eben nicht überall für Recht und Ordnung sorgt, sondern als Besatzungsmacht für Unrecht und Verfolgung verantwortlich ist. Für Juden wie ihn, die den Messias als einen Befreiungskönig erwarten, ist Rom der Inbegriff dieser dem baldigen Untergang geweihten Weltordnung. Um so bemerkenswerter ist, dass Paulus nicht zum gewaltsamen Aufstand gegen Rom aufruft, wie es die jüdischen Zeloten ein Jahrzehnt später taten – mit verheerenden Folgen, denn der Tempel in Jerusalem wurde für immer zerstört. Paulus überlässt die Rache für alles Böse allein Gott selbst. Und den Anbruch der Weltzeit des Friedens erwartet er vom wiederkehrenden Messias.
Können wir aus dieser Haltung des Paulus etwas für uns übernehmen? Vertrauen wir auf Frieden, den nur Gott schaffen kann und den er schaffen wird, den wir tätig erwarten können, aber nicht machen können, indem wir so tun, als wären wir Gott und wüssten ganz genau, wie Gut und Böse in unserer Welt verteilt sind?
Ich zögere, aus all dem konkrete Schlussfolgerungen für politische Entscheidungen in unserer Zeit zu ziehen. Paulus konnte nicht voraussehen, dass wir in demokratisch verfassten Staaten Mitsprachemöglichkeiten über die Art und Weise haben, wie sich Staaten gegenüber Aggressoren verhalten und ob sie sich bis an die Zähne bewaffnen müssen. Seine Worte über den Staat, der die Bösen straft, könnten begründen, dass eine Armee unerlässlich ist, um Aggressoren abzuwehren. Aber seine Mahnung, den Feind nicht zu entmenschlichen und auch auf sein Wohl bedacht zu sein, macht darauf aufmerksam, dass Kriegstüchtigkeit nicht ausreicht, um Frieden zu bewirken. Es gibt keine einfachen Lösungen, auch die neue Friedensdenkschrift der Evangelischen Kirche in Deutschland ist von Anfang an umstritten. Im Ruhestandskreis des evangelischen Dekanats Gießen werden wir uns im kommenden Jahr mit ihr beschäftigen.
Gerne beende ich eine weihnachtliche Betrachtung nicht mit Gedanken an Kriege, die auch über Weihnachten weitergehen und nichts von ihrem Schrecken verlieren. Ich denke: Indem wir dem Zorn darüber bewusst Raum geben und jede notwendig erscheinende Rache mitsamt endgültiger Lösung aller Probleme den Händen Gottes überlassen, dürfen wir die Münze unseres Zorns auch immer wieder umdrehen und uns der Vorderseite zuwenden: Wir sind geliebte Menschen, und mit der uns geschenkten Liebe können wir manches für den Frieden tun, was uns möglich ist, was an uns liegt, in all den verschiedenen Bereichen unseres Lebens.
Pfarrer i. R. Helmut Schütz
